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Europa Ein Roman aus der Feder des kritischen Chronist des frühen 20. Jahrhunderts von Sternheim, Carl (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 04.04.2015
  • Verlag: e-artnow
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Europa

Dieses eBook: 'Europa' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Carl Sternheim (1878-1942) war ein deutscher Dramatiker und Autor von Erzählungen und Gedichten. In seinen Werken griff er besonders die Moralvorstellungen des Bürgertums der Wilhelminischen Zeit an. Aus dem Buch: 'Über ihr wurde immense Licht- und Wärmequelle eingeschaltet, die Luftwellen heizte, daß sie glühende Nadelspitzen an ihre Haut kamen, sie durchstachen, Gewebe und Zellen wärmten, lockerten und zum Platzen brachten, bis sie, ineinanderfließend, sich überstülpten. Im Hals fühlte sie Geschlecht, Herz im Schoß und atmete durch alle Poren; hatte Hunger mit Augen und griff mit Fußspitzen nach Unsichtbarem. Lächernden Rucks durchbrach sie ihres Leibs Scharniere und schwebte auf Laken entfesselt. Für Licht und Luft war Fleisch kein Hindernis mehr, als sie aus menschlicher Isolation gelöst, gebärender Urstoff wurde.'

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 680
    Erscheinungsdatum: 04.04.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9788026834045
    Verlag: e-artnow
    Größe: 776 kBytes
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Europa

Zweites Buch. Frankreich

Inhaltsverzeichnis

Sechstes Kapitel

Inhaltsverzeichnis
Die Kunsthandlung Heiligmann auf der Place Vendôme ist über die Welt bekannt.

Der große Nord- und Südamerikaner erhöht im Augenblick der Abreise nach Europa seinen Kreditbrief, im Vorgefühl, er wird dieser Falle besten internationalen Geschmacks auch diesmal nicht entrinnen, und ein dort gekaufter flamischer Primitiver, eine gotische Tapisserie muß bei der Rückkehr Freunden seines Schönheitsempfindens Aufschwung beweisen.

Das Haus wurde seit einem Jahrzehnt von der siebenzigjährigen Witwe des Gründers geführt. Sie, von der man erzählte, sie habe nie andere Stickereien an Bettüchern gehabt, als die authentisch Laken gotischer Könige und ihrer Gemahlinnen zierten, starb plötzlich, als sie gegen Warnungen der Ärzte in einem Anfall unersättlicher Eßgier ein Pfund Kaviar mit dem Löffel zum ersten Frühstück vertilgt hatte.

Im Augenblick kannte niemand Erben. Denn menschenscheu und geizig, hatte die Tote keine Verbindung zu Verwandten gehabt. Erst der Nachlaßpfleger stellte Fräulein Fuld aus Amsterdam als Großnichte und gesetzliche Erbin der Entschlafenen fest.

Als Eura von dem korrekten Herrn im Vestibül Louis XII. des Heiligmannschen Palais empfangen, rassige Pracht um sich sah, hatte sie über ein Chaos bestürzender Eindrücke das Empfinden: Hier stelle Schicksal sie vor den noch größten Zwist ihres Lebens. Denn gegen die erlauchten, adligsten Vergegenwärtiger alter Kulturen habe sie in Kampfjahren gewonnene Überzeugung ganz anders als noch gegen alle Zufälle bürgerlichen Lebens zu verteidigen.

Hier sei von Gegensatz zwischen um zeitliche Geltung kämpfenden Klassen keine Rede. Stoff, der sie umgab, scheine so zeitlos himmlisch, daß karolingischer Stil zur Restauration stimme. Hier werde nichts als ein gemeinsamer Geist festgestellt und verehrt, der von Wirtschaftsgesetzen unabhängig, Jahrhunderte über einer ums Dasein ringenden Menschheit schöne Gewißheiten mit alles erschlagender Triumphgeste geprägt hatte, die den Beschauer aus logischen und moralischen Zwängen riß.

Da, vor der Wahl zwischen Sicherheiten, die sie sich auf endlich vertrautem Boden erkämpft hatte und Möglichkeiten, die der neue bot, erschrak sie vor Unbekanntem so, daß sie die erste Nacht in der Empirprunklade schlaflos rollte, oft ans Fenster sprang und drauf und dran war, Palast, neuen Reichtum und die tief verletzende königliche Haltung von Paris hastig zu verlassen.

Im Saal unter Beauvais Teppichen brachte am Morgen der maitre d'hôtel in altem Hollandsilber die mit Erdenklichem hübsch geschmückte Schokolade und stelzte wie ein Schnitt von Beardsley, daß Eura im Lodenrock vor Scham und Zorn bis in die Beine errötete.

Von Zahlen ihres Vermögens ließ sie sich ein über das andere mal wuchtiger erschlagen, und während sie in riesige Abrechnungen sah, merkte sie eine Glocke sich auf sie stülpen, in der ihr Atem korrekt zu röcheln begann.

Sich vor der Kammerjungfer, die als schwarz-frischweißes Zöfchen dastand, zu entkleiden, wagte sie nicht, und gegen inneren Vorwurf und Entschluß kaufte sie am zweiten Tag Nötigstes, das sie vor der bis in die Fingerspitzen Korrekten beglaubigen konnte.

In der traf sie das erste Wesen, das dienende Stellung nicht unwillig, sondern mit Laune und fröhlicher Überlegenheit erfüllte, die Eura aus dem Standpunkt, den sie vertrat, verlegen machte, weil sie Erklärung für sie nicht hatte. Bei niedrigsten Handreichungen, wenn die Jungfer ihr Stiefel knöpfen, Nägel schneiden oder sonst sie am Leib bedienen wollte, geschah das bei aller Demut mit menschlicher Freiheit, die das Problem gesellschaftlicher Rivalität nicht sehen ließ. Mit solchem Takt wurde der Situation Wesentliches, daß einer bedient sein mußte, und der andere, weil er für sein Können nichts Besseres wußte, helfen wollte, betont, daß beide Teile, prä

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