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Mutti allein zuhaus Vom Leben mit nestflüchtigen Kindern von Kühn, Lotte (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 17.01.2014
  • Verlag: Bastei Lübbe AG
eBook (ePUB)
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Mutti allein zuhaus

Jede Mutter weiß das: Kinder kriegt man nicht, um sie zu behalten, sondern um sie eines Tages am Flughafen, an Bahnsteigen oder in klapprigen Autos in ihr eigenes Leben zu entlassen. Und zwar zuversichtlich und mit einem Lächeln! Doch das ist leichter gesagt als getan. Intelligent und witzig, voller Selbstironie und Situationskomik erzählt Lotte Kühn davon wie es ist, wenn Mütter sich durch jahrelangen Einsatz selbst überflüssig gemacht haben und ein neues, ungewohntes Leben beginnt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 254
    Erscheinungsdatum: 17.01.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783838745114
    Verlag: Bastei Lübbe AG
    Größe: 2043 kBytes
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Mutti allein zuhaus

4

Macht ist geil

D as Internet ist kaputt!", gellt es mir entgegen, kaum dass ich die Haustür aufgeschlossen habe. Vier in blankem Entsetzen weit aufgerissene Augen springen mich an.

"Wie jetzt?" frage ich lahm und pelle mich aus dem Mantel.

"Hat wohl jemand wieder Filme bei kino.to geguckt und die ip-Adresse ist identifiziert worden", petzt Leander und prophezeit: "Jetzt gibt's Stress mit der Polizei!"

Überflüssig, noch eins draufzusetzen, doch Leander verliert auch lieber einen Freund als eine Pointe. "Ich war's jedenfalls nicht."

Seit sich bei uns die Zahl der üblichen Verdächtigen halbiert hat, lohnt die Frage überhaupt nicht mehr. Ich scheide sowieso aus, denn ich weiß ja noch nicht mal, was kino.to überhaupt ist. Doch aus alter Gewohnheit frage ich trotzdem, und der vorwurfsvolle Unterton stellt sich automatisch ein.

"Wer war das?"

Dass diese Frage niemals gelassen oder halbwegs neutral gestellt wird, liegt ganz einfach daran, dass man die Antwort immer schon im Voraus weiß. Sie lautet in 99 von 100 Fällen: Weiß ich doch nicht! Immer dasselbe. Keiner war's und niemand hat's gesehen.

"Ich hab nichts gemacht! Mama, ich schwöre!", schreit Charlotte. Dann streckt sie ihrem Bruder die Zunge heraus und flötet voller Häme in meine Richtung: "Vielleicht hat ja auch jemand tausendmal bei DSDS gevotet, bis der Router abgekackt ist."

Leander tippt sich an die Stirn und wird ein bisschen rot. "Du spinnst doch total. Jedenfalls ist das Internet kaputt", fasst er zusammen und funkelt seine Schwester böse an.

Charlotte weiß, was zu tun ist: "Mama! Du musst sofort bei der Hotline anrufen und einen Techniker bestellen!"

"Ich muss gar nichts", behaupte ich. "Schon gar nichts, was Geld kostet."

So umschiffe ich elegant das eigentliche Problem. Natürlich könnte ich die Hotline anrufen und sogar mein Problem schildern. Doch wozu sollte ich mein in digitalen Dingen ohnehin schon arg ramponiertes Selbstbewusstsein weiter martern, weil ich die Antworten nicht verstehe? Schon Rückfragen, wie denn mein Computer, mein Router oder mein Provider mit Vor- und Nachnamen heißen, kann ich nicht flüssig beantworten. Da können sie mir dann auch nicht helfen, sagen sie, und dann steh ich da, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor.

"Manno, Mama! Das kannst du nicht machen! Ich muss zu facebook und außerdem fürs Referat recherchieren! Ich kann nicht chatten und kann keine Musik hören und keinen Film ... äh ... Ich bin praktisch tot!", brüllt Charlotte.

"Ich muss meine Mails checken! Und auf den Vertretungsplan gucken. Stell dir mal vor, wenn morgen keine Schule wäre und ich würde hingehen!", ruft Leander, der überzeugte Anhänger des unregelmäßigen Unterrichtsbesuchs, der glühende Verfechter der akademischen Viertelstunde, der König der Schulvermeider, und gibt sich den Anschein durch und durch rechtschaffener Empörung.

Ein warnender Blick von mir bringt ihn zum Schweigen. Er stampft mit dem Fuß auf und knallt die Faust in den Türrahmen. Kurz darauf verschwindet er in der Küche und kruschtelt an den Kabeln herum, die uns wie eine Nabelschnur mit der Welt verbinden. Mit der Faust haut er auf die Telefondose, aus der das Internet kommt.

Charlotte hat sich im Flur breitbeinig vor mir aufgebaut, die Arme verschränkt. "Wenn ich das Referat morgen nicht halte, kriege ich 'ne Sechs. Willst du das etwa?"

Stumm deute ich auf die lange Brockhaus-Reihe im Regal und erwähne nur, dass es da eine hochinteressante, zu Unrecht in Vergessenheit geratene Methode zur Recherche gebe, die wir früher angewandt hätten, wenn wir Referate zu halten hatten.

"Ich geb dir'n Tipp: Es funktioniert ganz ohne Wikipedia."

Charlotte verdreht die Augen.

"Sehr witzig! Jetzt mach endlich was! Ohne Internet geht gar nichts."

Das kann ja wohl nicht wahr sein! Man trifft sich n

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