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Tut das weh, wenn ich hier drücke? Die besten Geschichten aus meinem Leben als Notfallsanitäter von Strzoda, Christian (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 11.11.2019
  • Verlag: riva Verlag
eBook (ePUB)
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Tut das weh, wenn ich hier drücke?

Ein Lager von Butangasflaschen in einem brennenden Haus, eine Frau, die sich umbringen möchte und im Todeskampf entscheidet, dass sie doch nicht sterben will, oder Kollegen, die in einen schweren Unfall verwickelt werden: Der Notfallsanitäter Christian Strzoda erlebt Tag für Tag dramatische Geschichten, die unter die Haut gehen. Nicht selten sind auch Kuriositäten dabei: So melden sich gesunde Menschen, die Panik bekommen, weil ihre Fitnessuhr ihnen sagt, es würde ihnen schlecht gehen, oder ein Waldarbeiter fällt einen Baum einfach mal in die eigene Richtung. Christian Strzoda erzählt fesselnd, aber mit der nötigen Portion Humor von seinen außergewöhnlichsten Einsätzen. Denn das Leben schreibt immer noch die besten Geschichten. Christian Strzoda, Jahrgang 1974, leistet seit über 20 Jahren circa 2000 Stunden pro Jahr Rettungsdienst in einer Gegend, in der sich das Einsatzaufkommen innerhalb der letzten Jahre rapide erhöht hat. Er arbeitete zudem mehrere Jahre in einer deutschen Rettungsleitstelle und kennt auch diese Seite des Rettungseinsatzes.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 272
    Erscheinungsdatum: 11.11.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783745307177
    Verlag: riva Verlag
    Größe: 1230 kBytes
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Tut das weh, wenn ich hier drücke?

Auf ein Neues

Wenn man ein Staatsexamen bestanden hat, heißt das noch lange nicht, dass man seinen Job auch sicher beherrscht. Im Rettungsdienst gibt es Eventualitäten und viele Komplikationen, die Ihr Retter-Leben in einen Scherbenhaufen verwandeln können und die Sie professionell und routiniert im Auge behalten müssen. Es treten Zustandsänderungen auf, die man niemals erwartet hat. Oder der Patientenzustand geht rapide und steil bergab. Wenn einem in der Situation nichts Passables einfällt, fährt man mit dem Patienten zusammen auf direktem Weg in die Hölle - man selbst, weil man versagt hat, und der Patient, weil er das nicht überlebt.

Als Praktikant im Rettungsdienst bewegte man sich noch auf sicherem Terrain. Man hatte den verantwortlichen Rettungsassistenten dabei, der jederzeit in die Bresche springen konnte, wusste man als Praktikant nicht weiter. Man trat dann einen Schritt zurück, hob die Hände und sagte: "Könntest du bitte übernehmen? Danke." Je nachdem, ob der Praktikant während seiner Ausbildung eine funktionsfähige Verbindung zwischen Theorie und Praxis herstellt, kommt er im Anschluss sicher oder weniger sicher durch das Rettungsdienstleben. Irgendwann war es bei mir so weit: Ich hatte meine Urkunde, einen Dienstvertrag und eine Menge Motivation, Menschen auf professionellem Niveau zu helfen. Der verantwortliche Kollege war ab diesem Zeitpunkt ich. Einen meiner ersten Dienste als Rettungsassistent Mitte der neunziger Jahre werde ich nie vergessen.

Die Rettungsleitstelle schickte Lenny und mich zu einer "unklaren Befindlichkeitsstörung". Das ist ein fantasievolles Einsatzstichwort, wenn man bedenkt, dass die Leitstelle mit ein oder zwei Fragen den Sachverhalt genauer hätte ermitteln können. Der Disponent hatte hier äußerste Flexibilität hinsichtlich Verdachtsdiagnose und Abfragekompetenz bewiesen. Als Lenny den beigen Mercedes 312 mit quietschenden Reifen in der sommerlichen Mittagshitze vor dem Wohnkomplex geparkt hatte, schafften wir unseren Kram in den dritten Stock. Das Treppenhaus war mit einem blauen Farbstreifen in Kopfhöhe verziert, der an manchen Stellen mit dem Weiß darunter verlaufen war. Wir betraten die Wohnung durch die geöffnete Wohnungstür. Lippert stand auf dem Klingelschild.

"Hallo. Wir sind vom Rettungsdienst. Was ist denn passiert?", fragte ich die Frau, die rückwärts vor uns herlief und uns wie an einem unsichtbaren Seil hinter sich herzog. Lenny streifte eine Blumenvase mit der Kante des EKGs. Ein nasser Scherbenhaufen mit buntem Gemüse blieb zurück.

Herr Lippert stand in der Raummitte und hielt sich mit der linken Hand den Hals und mit der anderen die Brust. Sein blaues Business-Hemd schien ihm zu eng zu sein. Schweiß rann ihm die Stirn hinab. Er schien an starken Schmerzen und Atemnot zu leiden und wirkte, als zöge ihm jemand einen unsichtbaren Strick um den Hals zu. Seine Augen fixierten mich und schrien um Hilfe. Zu spät. Herr Lippert verdrehte die Augen und brach leblos auf seinem lachsfarbenen, dicken Wohnzimmerteppich zusammen. Ich höre es noch heute - die Schnappatmung des Sterbenden und die spitzen Schreie der Ehefrau, die mir wie eine Rasierklinge in den Rücken fuhren. Die Fenster standen offen, es roch nach Fritten und Sommerwind. Jemand unter uns kochte. Frau Lippert sagte, ihr Mann hätte sich gerade einige Male an die Brust gegriffen. Lenny packte den Mann, drehte ihn auf den Rücken und riss ihm mit einem Ruck das Hemd auf, dessen weiße Knöpfchen zur Seite sprangen. Ich packte die Geltube, trug das Gel auf die Paddles des orangefarbenen Defibrillators mit der Aufschrift Corpus 300 auf und verteilte es mit kreisenden Bewegungen. Laden auf 160 Joule. Das Gerät bot nur diese und noch 320 Joule zur Auswahl an. Der Drucker des EKGs surrte automatisch los und dokumentierte alles in Form eines schmalen EKG-Streifens. Dann drückte ich die Paddles fest gegen den Brustkorb des Mannes, der mittlerweile tiefblau angelaufen war. Ein Dauer

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