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Corpus Delicti Ein Prozess von Zeh, Juli (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 06.08.2018
  • Verlag: btb
eBook (ePUB)
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Corpus Delicti

Jung, attraktiv, begabt und unabhängig: Das ist Mia Holl, eine Frau von dreißig Jahren, die sich vor einem Schwurgericht verantworten muss. Zur Last gelegt wird ihr ein Zuviel an Liebe (zu ihrem Bruder), ein Zuviel an Verstand (sie denkt naturwissenschaftlich) und ein Übermaß an geistiger Unabhängigkeit. In einer Gesellschaft, in der die Sorge um den Körper alle geistigen Werte verdrängt hat, reicht dies aus, um als gefährliches Subjekt eingestuft zu werden. Juli Zeh entwirft in Corpus Delicti das spannende Science-Fiction-Szenario einer Gesundheitsdiktatur irgendwann im 21. Jahrhundert, in der Gesundheit zur höchsten Bürgerpflicht geworden ist. Juli Zeh, 1974 in Bonn geboren, Jurastudium in Passau und Leipzig, Studium des Europa- und Völkerrechts, Promotion. Längere Aufenthalte in New York und Krakau. Schon ihr Debütroman "Adler und Engel" (2001) wurde zu einem Welterfolg, inzwischen sind ihre Romane in 35 Sprachen übersetzt. Juli Zeh wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Rauriser Literaturpreis (2002), dem Hölderlin-Förderpreis (2003), dem Ernst-Toller-Preis (2003), dem Carl-Amery-Literaturpreis (2009), dem Thomas-Mann-Preis (2013), dem Hildegard-von-Bingen-Preis (2015), und dem Bruno-Kreisky-Preis (2017) sowie dem Heinrich-Böll-Preis der Stadt Köln (2019). 2018 wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Im selben Jahr wurde sie zur Richterin am Verfassungsgericht des Landes Brandenburg gewählt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 288
    Erscheinungsdatum: 06.08.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641242701
    Verlag: btb
    Größe: 1546 kBytes
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Corpus Delicti

Keine verstiegenen Ideologien

U nsere Gesellschaft ist am Ziel", sagt Kramer, während er den Wasserkocher befüllt. "Im Gegensatz zu allen Systemen der Vergangenheit gehorchen wir weder dem Markt noch einer Religion. Wir brauchen keine verstiegenen Ideologien. Wir brauchen nicht einmal den bigotten Glauben an eine Volksherrschaft, um unser System zu legitimieren. Wir gehorchen allein der Vernunft, indem wir uns auf eine Tatsache berufen, die sich unmittelbar aus der Existenz von biologischem Leben ergibt. Denn ein Merkmal ist jedem lebenden Wesen zu eigen. Es zeichnet jedes Tier und jede Pflanze und erst recht den Menschen aus: Der unbedingte, individuelle und kollektive Überlebenswille. Ihn erheben wir zur Grundlage der großen Übereinkunft, auf die sich unsere Gesellschaft stützt. Wir haben eine METHODE entwickelt, die darauf abzielt, jedem Einzelnen ein möglichst langes, störungsfreies, das heißt, gesundes und glückliches Leben zu garantieren. Frei von Schmerz und Leid. Zu diesem Zweck haben wir unseren Staat hochkomplex organisiert, komplexer als jeden anderen vor ihm. Unsere Gesetze funktionieren in filigraner Feinabstimmung, vergleichbar dem Nervensystem eines Organismus. Unser System ist perfekt, auf wundersame Weise lebensfähig und stark wie ein Körper - allerdings ebenso anfällig. Ein simpler Verstoß gegen eine der Grundregeln kann diesen Organismus schwer verletzen oder sogar töten. Zitrone?"

Mia nimmt gern einen Spritzer Zitrone, und das heiße Wasser, das Kramer ihr reicht, tut gut. Er lässt sich ihr gegenüber im Sessel nieder und pustet in seine Tasse.

"Wissen Sie, was ich damit sagen will?"

"Dass es keine rationale Möglichkeit gibt, die Glaubwürdigkeit eines DNA-Tests in Frage zu stellen", erwidert Mia leise.

Kramer nickt.

"Der DNA-Test ist unfehlbar. Unfehlbarkeit ist ein Grundpfeiler der METHODE. Wie sollten wir den Menschen im Land die Existenz einer Regel erklären, wenn diese Regel nicht vernünftig und in allen Fällen gültig, mit anderen Worten, unfehlbar wäre? Unfehlbarkeit verlangt Konsequenz, auf die uns der gesunde Menschenverstand verpflichtet."

"Mia", sagt die ideale Geliebte, "der Mann spricht in Formeln. Der Mann ist eine Maschine!"

"Kann sein."

"Gesunder Menschenverstand", ruft die ideale Geliebte, "ist, wenn einer recht haben will und nicht begründen kann, warum!"

"Warte einen Moment."

"Wie bitte?", fragt Kramer.

"Was", fragt Mia, sich ihm zuwendend, "bedeutet Unfehlbarkeit im Angesicht des Menschlichen?"

"Ich weiß, worauf Sie hinauswollen."

"Wie", fragt Mia, "sollen denn Regeln, Maßnahmen, Verfahren unfehlbar sein, wenn das alles doch immer nur von Menschen ersonnen wurde? Von Menschen, die alle paar Jahrzehnte ihre Überzeugungen, ihre wissenschaftlichen Ansichten, ihre gesamte Wahrheit austauschen? Haben Sie sich nie gefragt, ob mein Bruder nicht trotz allem unschuldig sein könnte?"

"Nein", sagt Kramer.

"Warum nicht?", fragt die ideale Geliebte.

"Warum nicht?", fragt Mia.

"Wohin sollte diese Frage führen?" Kramer stellt seine Tasse ab und beugt sich vor. "Zu Einzelfallentscheidungen? Zu einer Willkürherrschaft des Herzens, wie sie ein König ausüben würde, der nach Belieben gnädig und streng sein kann? Wessen Herz sollte entscheiden? Meines? Ihres? Welches Recht stünde dahinter? Die Macht einer übernatürlichen Gerechtigkeit? Glauben Sie an Gott, Frau Holl?"

"Ich glaube nicht an ihn und er nicht an mich. Das beruht auf Gegenseitigkeit."

"Und auf was will der Herr Kramer sich berufen?", fragt die ideale Geliebte. "Auf eine rationale Objektivität, an die er selbst nicht glaubt? Und sie nicht an ihn?"

"Na ja", sagt Mia. "Das Gefühl ist jedenfalls ein schlechter Berater. Es besitzt per definitionem keine Allgemeingültigkeit."

"Und der Verstand ist eine Illusion", erw

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