text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Das Haus am Ende der Welt Roman von Tremblay, Paul (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 10.06.2019
  • Verlag: Heyne
eBook (ePUB)
9,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Das Haus am Ende der Welt

Eine abgelegene Ferienhütte am See in den Wäldern New Hampshires: Hier wollen Eric und Andrew gemeinsam mit ihrer siebenjährigen Adoptivtochter Wen eine Woche Urlaub machen. Kein Smartphone, kein Internet - nur Ausspannen und Zeit mit der Familie verbringen. Mit der Idylle ist es dann aber schnell vorbei, als eines Tages vier merkwürdige, bis an die Zähne bewaffnete Gestalten auftauchen. Sie versprechen, die junge Familie nicht zu verletzen. Sie sagen, dass sie Hilfe brauchen. Doch die vier verbergen ein dunkles Geheimnis und für Eric, Andrew und Wen beginnt der schlimmste Albtraum ihres Lebens ... Paul Tremblay hat den Bram Stoker, Britisch Fantasy und Massachusetts Book Award gewonnen und ist Autor zahlreicher Romane, Essays und Kurzgeschichten, die in Los Angeles Times, Entertainment Weekly online und "Year's Best"-Anthologien erschienen sind. Er hat einen Master-Abschluss in Mathematik, und lebt mit seiner Familie außerhalb von Boston.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 352
    Erscheinungsdatum: 10.06.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641239756
    Verlag: Heyne
    Serie: Heyne Bücher 31999
    Originaltitel: The Cabin at the End of the World
    Größe: 2226 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Das Haus am Ende der Welt

1

Das Mädchen mit den dunklen Haaren kommt die hölzerne Vordertreppe herunter und setzt sich in die vergilbte Lagune aus knöcheltiefem Gras. Eine warme Brise lässt Halme, Laub und die krabbenförmigen Blätter der Kleeblüten erzittern. Das Mädchen beobachtet die Wiese vor dem Haus und hält Ausschau nach den zuckenden mechanischen Bewegungen und hektischen Sprüngen der Grashüpfer. Das Einmachglas, das sie vor ihrer Brust umklammert hält, riecht ein bisschen nach Traubengelee und ist innen noch klebrig. Sie schraubt den belüfteten Deckel auf.

Wen hat Papa Andrew versprochen, die Grashüpfer wieder freizulassen, bevor sie in ihrem selbst gebauten Terrarium gekocht werden. Aber erst mal wird es den Grashüpfern gut gehen, denn sie achtet genau darauf, das Glas nicht direkt in die Sonne zu stellen. Allerdings macht Wen sich Sorgen, ihre Schützlinge könnten sich an den scharfen Kanten der Luftlöcher verletzen, die sie von außen in den Deckel gestochen hat. Also wird sie zunächst kleinere Grashüpfer fangen, die weder so hoch noch so stark springen können und außerdem mehr Beinfreiheit im Glas hätten. Sie wird mit sanfter, beruhigender Stimme auf die Grashüpfer einreden und dadurch hoffentlich verhindern, dass sie in Panik geraten und sich gegen die gefährlichen Metallstalaktiten werfen. Wen ist zufrieden mit ihrem aktualisierten Plan und rupft eine Handvoll Gras mitsamt Wurzeln aus. Zurück bleibt eine kleine Narbe im Vorgarten, diesem Meer aus Grün und Gelb. Vorsichtig bugsiert sie das Gras ins Einmachglas, richtet es ordentlich her und wischt sich die Finger an ihrem grauen Wonder-Woman-T-Shirt ab.

In sechs Tagen ist Wens achter Geburtstag. Ihre Väter fragen sich (nicht wirklich heimlich, denn sie hat die beiden darüber reden gehört), ob es tatsächlich der Tag ihrer Geburt ist oder bloß der Stichtag, den das Waisenhaus im chinesischen Hubei festgelegt hat. Für ihr Alter liegt sie auf der 56. Perzentile für die Körpergröße und der 42. für das Körpergewicht, zumindest ist das der Stand von vor sechs Monaten, als sie zuletzt beim Kinderarzt war. Da hatte sie Dr. Meyer aufgefordert, ihr die Bedeutung dieser Zahlen genau zu erklären. So froh sie war, über der Fünfziger-Linie für die Größe zu liegen, hat es sie doch geärgert, beim Gewicht darunter zu liegen. Wen ist nicht nur sehr direkt und resolut, sondern auch athletisch und drahtig. Oft schlägt sie ihre Väter bei Rätseln oder den aufwendig inszenierten Wrestlingpartien auf deren Doppelbett. Sie hat große dunkelbraune Augen und buschige Augenbrauen, die fast wie von selbst herumwackeln. Am rechten Rand ihres Oberlippengrübchens ist ganz schwach eine Narbe auszumachen, aber nur bei besonderen Lichtverhältnissen und wenn man weiß, wonach man sucht (hat man ihr zumindest gesagt). Die dünne weiße Linie ist das letzte Anzeichen der Hasenscharte, die man ihr im Alter zwischen zwei und vier Jahren in mehreren Operationen korrigiert hat. Sie erinnert sich an den ersten und an den letzten Besuch im Krankenhaus, aber nicht an die Male dazwischen. Es stört sie, dass diese Krankenhausaufenthalte und Prozeduren irgendwo in ihrem Kopf verloren gegangen sind. Wen ist freundlich, aufgeschlossen und so albern wie jedes andere Kind in ihrem Alter, schenkt ihr rekonstruiertes Lächeln aber nicht jedem. Man muss es sich schon verdienen.

Es ist ein wolkenloser Sommertag im Norden von New Hampshire, kaum eine Handvoll Meilen von der kanadischen Grenze entfernt. Das Sonnenlicht schimmert zwischen den Blättern der Bäume hindurch, die großmütig auf das kleine Ferienhaus herabschauen, den einsamen roten Fleck am Südufer des Gaudet-Sees. Wen stellt ihr Einmachglas im Schatten neben der Vordertreppe ab. Mit ausgebreiteten Armen watet sie ins Grasmeer hinaus, als müsse sie sich über Wasser halten. Immer wieder wischt sie mit dem rechten Fuß in weitem Bogen durch die Spitzen der Halme, wie Papa Andrew es ihr gezeigt hat. Er ist auf einem Bauer

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen