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Der falsche Spiegel Roman von Lukianenko, Sergej (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 09.11.2011
  • Verlag: Heyne
eBook (ePUB)
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Der falsche Spiegel

Kontrollieren wir das Netz oder kontrolliert das Netz uns? Computer gehören zu unserem Alltag, und das Internet scheint uns absolute Freiheit und unendliche Möglichkeiten zu bieten. Doch mittlerweile ist das Netz für viele Menschen zum Alptraum geworden, denn sie sind gefangen in der "Tiefe", dem virtuellen Raum, den nur wenige Menschen jemals wieder verlassen können. Leonid gehört zu den Glücklichen, die sich aus der "Tiefe" wieder befreien können - doch als sein ehemaliger Partner ermordet wird, muss er sich auf ein tödliches Spiel einlassen, das ihm alles abverlangt. Sergej Lukianenko, 1968 in Kasachstan geboren, studierte in Alma-Ata Medizin, war als Psychiater tätig und lebt nun als freier Schriftsteller in Moskau. Er ist der populärste russische Fantasy- und Science-Fiction-Autor der Gegenwart, seine Romane und Erzählungen wurden mehrfach preisgekrönt. Die Verfilmung von 'Wächter der Nacht' war der erfolgreichste russische Film aller Zeiten.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 576
    Erscheinungsdatum: 09.11.2011
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641074586
    Verlag: Heyne
    Originaltitel: False Mirrors (Labyrinth 2)
    Größe: 3044 kBytes
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Der falsche Spiegel

01

Es ist lange her, dass ich zu spät zur Arbeit gekommen bin. Ich stecke im Stau, der sich durchs halbe Viertel zieht. Neben mir steht ein gewaltiger, kastiger Wagen, ich glaube, der neueste Lincoln. Die Scheiben sind runtergelassen, und der Fahrer schielt so mürrisch zu mir rüber, als habe mein Motorrad das Verkehrschaos verschuldet.

"Hast du Feuer?", fragt er nach einer Weile. Wahrscheinlich langweilt er sich einfach. Mir kann er jedenfalls nicht weismachen, dass es in dieser kirschroten Luxuskarosse keinen Zigarettenanzünder gibt. Garantiert kannst du in dem Schlitten sogar einen Gasherd samt Grill anschließen.

Schweigend halte ich ihm das Feuerzeug hin. Eine Hand mit einem Ring an jedem Finger langt danach. Der Typ zündet sich eine dünne teure Zigarette mit einem überdimensionalen Filter an. Was wohl Väterchen Freud zu dieser Vorliebe für große Autos und lange Zigaretten sagen würde? Aber lassen wir den Herrn lieber aus dem Spiel, der wäre bei uns genauso verrückt geworden wie wir alle, noch dazu in Rekordzeit.

"Was ist denn da vorn los?", erkundigt sich der Fahrer.

Der Schlitten liegt viel zu tief, als dass der Typ das Chaos überblicken könnte.

"Da kommt ein Konvoi", antworte ich. "Von LKWs."

Jeder andere hätte daraufhin losgepoltert, wie man bloß Laster durchs Zentrum leiten könne! Noch dazu durchs russische Viertel und ausgerechnet zur morgendlichen Rushhour nach Moskauer Zeit!

"So was kann vorkommen!", meint der Kerl jedoch nur. "Muss ja schließlich auch mal sein."

Also will der Typ mit seinem Lincoln nicht bloß angeben. Er kann es sich wirklich leisten, die Ruhe zu bewahren, er braucht sich nicht aufzuregen, wenn er fünf oder zehn Minuten im Stau steht.

Ich mich aber schon. Und wie.

Komme ich fünf Minuten zu spät, fällt das vielleicht nicht auf. Aber zehn Minuten - das bedeutet unweigerlich einen Eintrag in der Personalakte. Und bei einer Viertelstunde ziehen sie mir die Hälfte meines Tageslohns ab.

Im Moment liege ich bei einer Verspätung von vier Minuten.

In der Spur geht nichts mehr. Nun ist ein Standardmotorrad keine nach Sonderwünschen angefertigte Limousine, und ich bin mit meiner matt stahlfarbenen Jacke, den grauen Jeans, dem Helm mit dem verspiegelten Visier keine knallige oder auffällige Erscheinung. Ebenso wenig wie ein Modell für Haute Couture, aber ...

Aber auch eine unscheinbare Erscheinung hat ihre Vorteile.

Ich gebe Gas, der Motor heult auf. Der Besitzer des Lincoln beobachtet mich mit unverhohlener Neugier.

"Willst du dich da etwa ...?", fragt er.

Den Schluss des Satzes kriege ich schon nicht mehr mit.

Eine Spur verbrannten Gummis auf dem Asphalt hinterlassend, schieße ich zwischen den Autos hindurch.

"Richtig so!", feuert mich jemand an.

Die Dummheiten anderer zu beobachten ist ein Gratisvergnügen im Dauerangebot.

Die Laster kriechen förmlich über die Kreuzung und blockieren den ganzen Verkehr. Obwohl es stinknormale Kamas sind, prangt auf allen Planen: 2T. Alles klar. Da hat eine große Firma einen Eilauftrag bekommen - und statt einen Verlust wegen verspäteter Lieferung einzustecken, zahlen sie lieber für verkehrswidriges Fahrverhalten: Die LKWs krauchen in einem Abstand von nur anderthalb Meter akkurat einer hinter dem anderen her.

Mal sehen, ob ich zwischen ihnen durchflutschen kann.

Die Mittagssonne spiegelt sich in den Scheiben der Laster, ich mache die Gesichter der Fahrer aus, registriere die schwarzen Auspuffe der Dieselmotoren. Die Chance, mich zwischen zwei Kamas hindurchzuschlängeln, ist minimal.

Tiefe, Tiefe, verpiss dich ...

Der Austritt aus dem virtuellen Raum in die normale Welt ist immer komisch. Diesmal waren die Unterschiede jedoch minimal, denn der Motorradhelm wich lediglich einem VR-Helm. Und hatte ich eben noch im Sattel gesessen, so hockte ich jetzt mit angez

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