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Der futurologische Kongreß Aus Ijon Tichys Erinnerungen von Lem, Stanislaw (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 15.04.2013
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Der futurologische Kongreß

Das Kernstück der Erzählung bildet eine lange Episode, in der der nach schweren Verletzungen in Kühlschlaf versetzte Ijon Tichy im Jahre 2039 erwacht, wo mittlerweile das Zeitalter der Psychemie angebrochen ist, der Beeinflussung aller Sinneswahrnehmungen durch chemische Mittel, die die ganze menschliche Existenz durchdringen, so daß es keine Wirklichkeit mehr gibt, die nicht chemisch manipuliert wäre. Stanis?aw Lem wurde am 12. September 1921 in Lwó;w (Lemberg) geboren, lebte zuletzt in Krakau, wo er am 27. März 2006 starb. Er studierte von 1939 bis 1941 Medizin. Während des Zweiten Weltkrieges musste er sein Studium unterbrechen und arbeitete als Automechaniker. Von 1945 bis 1948 setze er sein Medizinstudium fort, nach dem Absolutorium erwarb Lem jedoch nicht den Doktorgrad und übte den Arztberuf nicht aus. Er übersetzte Fachliteratur aus dem Russischen und ab den fünfziger Jahren arbeitete Lem als freier Schriftsteller in Krákow. Er wandte sich früh dem Genre Science-fiction zu, schrieb aber auch gewichtige theoretische Abhandlungen und Essays zu Kybernetik, Literaturtheorie und Futurologie. Stanis?aw Lem zählt heute zu den erfolgreichsten und meist übersetzten Autoren Polens. Viele seiner Werke wurden verfilmt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 138
    Erscheinungsdatum: 15.04.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518743188
    Verlag: Suhrkamp
    Originaltitel: The Futurological Congress
    Größe: 1351 kBytes
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Der futurologische Kongreß

Später kam das Gespräch auf das Familienleben des Anwalts. "Werter Herr!" - sagte er mit der schwungvollen Gestik, die ihn kennzeichnet. "Sie sehen vor sich einen ernst zu nehmenden Verteidiger, einen angesehenen Vertreter des Advokatenstandes - aber einen unglücklichen Vater. Ich hatte zwei begabte Söhne ..."

"Wie? Beide sind tot?" - staunte ich.

Er schüttelte den Kopf.

"Sie leben, aber sie sind Eskalierer!"

Als Crawley merkte, daß ich ihn nicht verstand, erläuterte er mir das Scheitern seines Vaterstolzes. Der ältere Sohn war ein vielversprechender Architekt gewesen, der jüngere war Dichter. Aus Ungenügen an tatsächlichen Aufträgen verlegte sich ersterer auf Konstruktol und Urbaphantomat. Jetzt erbaut er ganze Städte - in der Einbildung. Ähnlich verlief die Eskalation beim jüngeren: Lyratran, Poesin, Sonettal ... Statt Werke zu schaffen, widmet er sich nun dem Verzehr von Fertigpräparaten - auch er verloren für die Welt.

"Ja wovon leben dann die beiden?" - fragte ich.

"Wovon? Drollige Frage! Ich muß sie ernähren!"

"Und es gibt keine Abhilfe?"

"Träumereien siegen immer über das Wirkliche, wenn sie dazu Gelegenheit erhalten. Die Psivilisation fordert ihren Zoll. Jedermann kennt diese Versuchung. Gesetzt, ich soll einen aussichtslosen Prozeß führen - wie leicht gewänne ich ihn vor einem Tribunal aus Traum und Schaum!"

Ich erlabte mich an dem frischen und herben Geschmack des köstlichen Chianti; plötzlich erstarrte ich, durchzuckt von einem unheimlichen Gedanken: wenn man vorgespiegelte Gedichte schreiben und vorgespiegelte Häuser bauen kann - dann kann man wohl auch Blendwerke essen und trinken! der Doktor belachte diesen meinen Ausspruch.

"Ach, das hat keine Gefahr, Herr Tichy. Am Schein des Erfolgs ersättigt sich der Geist, aber der bloße Schein eines Hackbratens kann den Magen nicht füllen. Wer so leben wollte, der müßte ehestens verhungern!"

Obwohl ich Crawley wegen seiner eskalierenden Söhne bedauerte, fühlte ich mich wie erlöst. In der Tat kann vorgespiegelter Nährstoff den echten niemals ersetzen! Wie gut, daß unsere eigene leibliche Natur das Eskalieren der Psivilisation in Grenzen hält! Auch der Anwalt keucht im übrigen sehr laut.

Wie es zur Abrüstung gekommen ist, weiß ich noch immer nicht.

Zwischenstaatliche Zerwürfnisse gehören der Geschichte an. Nur kleine örtliche Roboxereien kommen noch vor. Sie entwickeln sich meist aus nachbarlichem Zwist in den Villenvierteln. Während die verzankten Familien Solidarisol einnehmen und sich versöhnen, erfaßt die Welle der Feindseligkeiten mit üblicher Verspätung die Hausroboter, die alsbald übereinander herfallen. Ein angeforderter Komposter schafft dann die Kaputer fort, und die Versicherung vergütet den Schaden. Erben etwa die Roboter den Aggressionstrieb der Menschen? Ich fräße jede Abhandlung zu diesem Thema, aber ich kann keine auftreiben. Fast täglich besuche ich Symingtons. Er - ein schweigsamer, in sich gekehrter Typ. Sie - eine schöne Frau, unbeschreiblich, weil von Tag zu Tag anders. Haar, Augen, Umfang, Beine, alles. Der Hund der Familie heißt Compüsterich. Seit drei Jahren ist er tot.

11. 9. 2039. Der für Punkt Mittag angesetzte Regen mißlang. Und erst der Regenbogen - eine Zumutung! Er war quadratisch. Üble Laune. Meine alte fixe Idee gibt Lebenszeichen. Vor dem Einschlafen steigt wieder die quälende Frage auf, ob nicht alles bloß hohle Halluzination sei. Überdies f&uum

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