text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Die Schnecke am Hang Roman von Strugatzki, Arkadi (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 08.07.2019
  • Verlag: Heyne
eBook (ePUB)
9,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Die Schnecke am Hang

Auf einem fernen Planeten haben die Menschen auf einem Hochplateau mitten im Urwald eine Station errichtet, von der aus der Wald dieser Welt verwaltet werden soll. Dies ist die Geschichte von Kandid, der sich in den Tiefen des Waldes verirrt hat und dort auf eine geheimnisvolle Gesellschaft von Amazonen stößt. Und es ist die Geschichte von Pfeffer, der aus der Sicherheit der Station heraus versucht, dem Wald Herr zu werden ... Arkadi (1925-1991) und Boris (1933-2012) Strugatzki zählen zu den bedeutendsten und erfolgreichsten russischen Autoren der Nachkriegszeit. Ihre Romane sind nicht nur faszinierende Parabeln über die Stellung des Menschen im Universum, sondern auch schonungslose Abrechnungen mit Ideologiegläubigkeit und Personenkult. Viele ihrer Romane wurden verfilmt - Andrej Tarkowskijs Adaption von "Picknick am Wegesrand" wurde unter dem Titel "Stalker" zu einem Klassiker der Filmkunst.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 384
    Erscheinungsdatum: 08.07.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641229948
    Verlag: Heyne
    Serie: Heyne Bücher 31962
    Größe: 3774 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Die Schnecke am Hang

1

PFEFFER

Von so weit oben sah der Wald aus wie ein riesengroßer, mürber Schwamm oder wie gefleckter dicker Schaum. Der Wald hockte da wie ein Tier, das sich irgendwann einmal versteckt und auf die Lauer gelegt hatte, dann eingeschlafen war und im Schlaf von struppigem Moos überwuchert wurde. Er wirkte wie eine unförmige Maske, die ein Gesicht verdeckt, das bisher noch niemand gesehen hat.

Pfeffer streifte seine Sandalen ab, setzte sich hin und ließ die nackten Füße über dem Abgrund baumeln. Sofort, so schien es ihm, wurden seine Fußsohlen feucht - als hätte er sie in den warmen lila Nebel getaucht, der dicht unter dem Felsvorsprung hing. Er griff in seine Jacke, zog die kleinen Kieselsteine heraus, die er aufgelesen hatte, und legte sie fein säuberlich neben sich. Dann suchte er sich den kleinsten heraus und ließ ihn sacht nach unten fallen - hinein in das Lebendige, Schweigende, Gleichgültige und alles für immer Verschlingende ... Der weiße Funke erlosch, und nichts geschah. Kein Zweig zitterte, und kein Auge öffnete sich, sei es auch nur einen Spaltbreit, um ihn anzublicken. Da warf Pfeffer das zweite Steinchen.

Wenn er alle anderthalb Minuten ein Steinchen warf, dachte er, und wenn es richtig war, was die einbeinige Köchin mit Spitznamen Casalunia erzählte, und auch Madame Bardot, die Leiterin der Gruppe "Hilfe für die Einheimischen"; wenn nicht stimmte, was Kraftfahrer Trumpf und der Unbekannte aus der Gruppe "Technische Erschließung" einander zuraunten; wenn die menschliche Eingebung etwas wert war und sich nur ein einziges Mal im Leben Erwartungen bestätigten, dann würde sich beim siebten Steinchen knackend das Gestrüpp hinter ihm öffnen. Und heraus, auf das zertrampelte, vom Morgentau silbrige Gras der Lichtung, träte der Direktor - mit nacktem, schweißglänzendem, behaartem Oberkörper. Er trüge eine graue Gabardinehose mit lila Seitenstreifen, würde kräftig und geräuschvoll einatmen und sich dann, ohne auf irgendetwas anderes zu achten - weder auf den Wald unter sich, noch auf den Himmel über sich -, vornüberbeugen und die breiten Handflächen ins Gras tauchen. Wenn er sich anschließend wieder aufrichtete, würde man den Windstoß spüren, den seine breiten Hände bei der Bewegung entfachten. Bei jedem Hinunterbeugen würde sich die dicke Speckfalte über den Hosenbund wälzen und mit Kohlendioxid und Nikotin angereicherte Luft unter Zischen und Gurgeln aus seinem aufgerissenen Mund entweichen. Wie ein U-Boot, das die Wassertanks durchbläst. Wie der Schwefelgeysir auf Paramuschir ...

Und nun bog sich das Gestrüpp hinter ihm knackend auseinander ... Pfeffer blickte sich vorsichtig um, sah anstelle des Direktors jedoch nur einen guten Bekannten: Claudius Octavian Heymbacken aus der Gruppe "Ausrottung". Er kam langsam näher, blieb zwei Schritte hinter ihm stehen und musterte ihn mit seinen durchdringenden, dunklen Augen. Er wusste oder ahnte etwas, irgendetwas Wichtiges - das konnte Pfeffer in seinem langen, starren Gesicht lesen. Es war das versteinerte Gesicht eines Menschen, der eine ebenso sonderbare wie beunruhigende Nachricht zu überbringen hatte: Noch kannte niemand auf der Welt diese Nachricht, aber es war klar, dass sie alles verändern würde, alles bisher Gewesene von nun an bedeutungslos wäre und jeder bis an seine Grenzen gefordert sein würde ...

"Wem gehören diese Schuhe?", fragte Heymbacken und blickte sich um.

"Das sind keine Schuhe", sagte Pfeffer. "Das sind Sandalen."

"Ach so?" Heymbacken lachte kurz auf und zog einen großen Notizblock aus der Hosentasche. "Sandalen. Aha. Sehr-r gut. Und wem gehören diese Sandalen?"

Er näherte sich der Schlucht, blickte vorsichtig in die Tiefe hinab und tat sogleich einen Schritt zurück.

"Da sitzt ein Mensch am Abgrund", sagte Heymbacken. " Neben

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen