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Meisterwerke der dunklen Phantastik 06: PRIESTER DES TODES

  • Erscheinungsdatum: 08.12.2014
  • Verlag: BLITZ-Verlag
eBook (ePUB)
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Meisterwerke der dunklen Phantastik 06: PRIESTER DES TODES

Seit etwa 1890 verbreitete sich im deutschen Sprachraum eine morbide Literatur, die Wahnsinn und Tod zu ihren Themen hatte. PRIESTER DES TODES erschließt in faszinierenden Beispielen - viele davon seit einem Jahrhundert nicht mehr veröffentlicht - die dunklen Tiefen der phantastischen Dekadenz. Morbide Erzählungen u. a. von Paul Busson, Max Dauthendey, Paul Ernst, Herbert Eulenberg, Georg von der Gabelentz, Ernst Hardt, Felix Hübel, Rudolf Lindau, John Henry Mackay, Charlotte Nisle-Klein, A. de Nora, Karl Rosner, Leopold Weber und Bodo Wildberg. Frank Rainer Scheck: geboren 1948 Studium der Germanistik, Philosophie und Theaterwissenschaften. Seit 1976 Lektor, seit 1979 Cheflektor in einem deutschen Verlag, seit 1993 freier Schriftsteller. Langjährige Beschäftigung mit der Literatur des Phantastischen; diverse Publikationen, zuletzt (mit Erik Hauser) die Anthologie Berührungen der Nacht(Leipzig 2002). verstorben im April 2013

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 316
    Erscheinungsdatum: 08.12.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783957199065
    Verlag: BLITZ-Verlag
    Größe: 1927 kBytes
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Meisterwerke der dunklen Phantastik 06: PRIESTER DES TODES

Rudolf Lindau
WAHNGEBILDE

11. November

Ich fühle mich seit einiger Zeit nicht mehr wohl, und es ist mir der Gedanke gekommen, daß dies von der peinlichen Aufregung herrühren könnte, in der ich mich häufig befinde. Auf andere Weise kann ich es mir nämlich nicht erklären, weshalb ich mich im Alter von achtundzwanzig Jahren, bei meiner kräftigen Körperbeschaffenheit und bei dem geregelten und angenehmen Lebenswandel, den ich führe, so schwer, müde und traurig fühle und so oft von Schlaflosigkeit und Reizbarkeit gequält werde. Die Natur jener peinlichen Aufregung aber ist derart, daß ich sie selbst meinem Arzte nicht anvertrauen kann, der, nachdem er mich aufmerksam untersucht und viele Fragen über meine Lebensgewohnheiten und über meine Eltern an mich gerichtet hat, den Kopf schüttelt und sagt, nach allem, was er festgestellt habe, müßte ich kerngesund sein, wäre es wohl auch und sollte nur einige Tage Geduld haben: Die kleinen Störungen, über die ich mich beklage, seien unbedenklich und würden bald von selbst vergehen; er wolle mich jedoch im Auge behalten. - Ich besuche ihn seitdem regelmäßig. Er schenkt mir jetzt etwas mehr Aufmerksamkeit, hat mir Bewegung in der freien Luft, kalte Bäder, geistige Ruhe verordnet und wiederholt mir bei jeder Gelegenheit, ich solle mich vor allen Dingen wegen meiner Gesundheit nicht aufregen; ich sei nicht krank. - Der Doktor hat gut reden: Ich fühle, daß er unrecht hat und daß ich leidend bin. Er weiß es möglicherweise auch. Nun, dann belügt er mich eben! Mancher Arzt hält es für erlaubt, seinen Patienten die Unwahrheit zu sagen.

Ich gelte bei allen meinen Freunden und Bekannten für einen entschlossenen, mutigen Mann. Niemand hat mich jemals zittern sehen, obgleich ich doch schon manche Gefahr in meinem Leben bestanden, ja, mich häufig freiwillig in Gefahr begeben habe, nur um damit Beweise meiner Unerschrockenheit abzulegen. Aber ich bin von Natur sehr ängstlich; ich fürchte mich eigentlich vor allem, was mein Leben bedroht oder zu bedrohen scheint: vor Dieben und Mördern, Feuer und Wasser, Pferden und Hunden, Krankheit und Tod, und ich kann die Qualen nicht beschreiben, die ich in meinem Leben ausgestanden habe, um dies unter der Maske kaltblütiger Furchtlosigkeit zu verbergen. - Neulich abends, um nur ein Beispiel von vielen anzuführen, trennte ich mich von einer kleinen Gesellschaft befreundeter Männer und liebenswürdiger junger Frauen und Mädchen, um mich durch den Tiergarten auf kürzestem Wege nach meiner Wohnung zu begeben. Ich trat gelassen, den Rauch einer Zigarre in die Luft blasend, unter die Bäume und schritt eine Minute anscheinend unbekümmert weiter. Aber als die Stimmen meiner Freunde verhallt waren und mich das undurchdringliche Dunkel des stillen Parks umfing, da ergriff mich Schaudern und Grausen. Doch wagte ich nicht umzukehren, aus Furcht, einem meiner Bekannten wieder zu begegnen und bei diesem den Verdacht zu erwecken, blasse Furcht habe mich aus den verödeten dunklen Alleen in die hellen Straßen zurückgetrieben. Ich schritt schnell und bebend weiter; hinter jedem Baum fürchtete ich einen Angreifer hervorspringen zu sehen; das Fallen eines verdorrten Zweiges schreckte mich; ich stand still und lauschte klopfenden Herzens auf jeden Laut, der sich um mich vernehmen ließ; ich schritt vorsichtig weiter; ich hätte, wie von wütenden Feinden verfolgt, davonlaufen mögen, aber Furcht hemmte meine Schritte, und so ging ich weiter, jede Minute zu einer Stunde tödlicher Angst ausdehnend, bis ich, in Schweiß gebadet, vollständig ermattet, die andere Seite des Tiergartens erreicht hatte und mich wieder auf belebter Straße unter Menschen befand. - Die Aufregung und Angst hatten mich förmlich krank gemacht; ich konnte, als ich im Bett lag, stundenlang keine Ruhe finden, und als ich am nächsten Morgen aus unerquicklichem Schlafe, in dem mich wüste Träume verfolgt hatten, erwachte, da erhob ich mich schwerfäl

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