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Maja Kindheitserinnerungen aus dem Bündnerlande von Jens, Ina (eBook)

  • Verlag: Null Papier Verlag
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Maja

Die Autorin schreibt lebhaft und voller warmherziger Erinnerungen über ihre Kindheit in der Graubündener Alpen. Ihre Bücher sind für Kinder geschrieben, die dem Heidi-Alter entwachsen sind. 1. Auflage (Überarbeitete Fassung) Null Papier Verlag Ina Jens (1880-1945) war eine Schweizer Schriftstellerin und hieß mit richtigem Namen Claudia Cadisch. Sie arbeitete viele Jahre als Lehrerin. Nach ihrer Heirat mit dem Pädagogen Carl Werkmeister emigrierte das Ehepaar 1907 nach Chile, wo Ina Jens an der deutschen Oberschule in Concepción unterrichtete. Seit den 1920er Jahren veröffentlicht sie unter ihrem Pseudonym Romane und Geschichten, die sich in erster Linie an ein jüngeres Publikum richteten.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 153
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783962810535
    Verlag: Null Papier Verlag
    Größe: 1986 kBytes
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Maja

Mein Lebensretter und mein Zeugnis

I n unserem Dörfchen gab es eine Sommer- und eine Winterschule. Der Besuch der Winterschule war obligatorisch. In die Sommerschule konnte gehen, wer wollte. Selbstverständlich besuchte ich die Sommerschule, schon aus dem einfachen Grunde, weil, wäre ich zu Hause geblieben, ich tagelang im glühenden Sonnenbrande auf endlos weiten Wiesen hätte Heu nachrechen müssen.

Außerdem trieb mich in diesem meinem zehnten Lebensjahre ein fast krankhafter Ehrgeiz in diese Sommerschule. Ich hatte nämlich im vergangenen Jahre ein selten gutes Zeugnis erhalten, stand doch darin, dass ich während des Schulbesuchs "ausgezeichnet fleißig" gewesen sei, ein Zeugnis, das Generationen vor mir niemand aufzuweisen imstande gewesen wäre.

"Ausgezeichnet fleißig!" Das ganze Dorf sprach davon, nämlich wenn ein Huhn ein Ei legte, sprach auch das ganze Dorf darüber, so interessiert waren die lieben Mitmenschen damals in dem kleinen Dorfe. Dieses Mal waren auch alle merkwürdig einer Meinung, nämlich dass ich dieses Zeugnis überhaupt nicht verdient habe, dass ich ein ganz nichtsnutziges kleines Mädchen sei und man den Lehrer einfach nicht begreifen könne. Ich jedoch kümmerte mich nicht im geringsten um die Giftworte, die ich rechts und links zu hören bekam, sondern blähte mich wie ein Frosch in der Sonne, sah nur von Zeit zu Zeit in mein Zeugnis, um mich zu vergewissern, dass das Wörtchen "ausgezeichnet" auch wirklich und wahrhaftig noch dastand und nicht etwa plötzlich wie ein Vogel davongeflogen sei. Es stand aber unverrückbar da, lachte mich an, entzückte mich, berauschte mich derart, dass ich den festen Vorsatz fasste, auch in diesem Jahre mir dieses wunderbare Prädikat zu verschaffen, und mit diesem, wie mir schien heiligen Entschlusse betrat ich die Sommerschule.

Drei Monate gingen wie im Fluge vorbei. Ich war während der ganzen Zeit geradezu überfleißig und überaufmerksam gewesen. Unter allen Arbeiten standen die besten Noten, und über mein Zeugnis brauchte ich mir gewiss keine Gedanken zu machen. Ein zweiter Triumph, ein zweites "Ausgezeichnet fleißig" leuchtete lieblich wie ein Stern vor meiner Seele.

Die letzte Schulwoche war da, und eine große Erwartung erfüllte mich. Ich ging wie auf Bergeshöhen unter meinen Mitschülern einher, sah innerlich geradezu verächtlich auf sie nieder und fühlte mich grenzenlos erhaben. Das Sprichwort von den Bäumen, die der liebe Gott nicht in den Himmel wachsen lässt, kannte ich nämlich nicht.

Es war Donnerstag. Am Freitag hatten wir noch Zeichnen und Naturgeschichte, und am Sonnabend sollten wir unsere Zeugnisse erhalten. Nun hatte unser Lehrer einmal den Wunsch geäußert, wir möchten Stechapfel suchen, eine Pflanze, die bei uns sehr selten vorkam, und die zu finden als ein besonderes Verdienst des betreffenden Schülers angesehen worden wäre.

Was lag meinem Ehrgeiz näher, als alle Hebel in Bewegung zu setzen, um diese seltene Pflanze zu finden! Nach vielen erfolglosen Fahrten durch Wälder, Wiesen und Felder und nach endlosem, vergeblichem Nachfragen traf ich eines Abends die Schinderliese, ein als Hexe weit und breit verschrienes altes Weib. Sofort kam mir der Gedanke, dass sie allein mir helfen könne. Furchtlos trat ich auf sie zu und fragte sie nach Stechapfel - und siehe - die Alte versprach mir das herrlichste Exemplar, wenn ich ihr dafür ein Körbchen Pflaumen bringe. Ich hätte ihr in meiner Freude die Kleider vom Leibe gegeben.

Am Donnerstagnachmittag, so gegen fünf Uhr, machte ich mich auf den Weg ins Schinderhaus. Der Tag war trübe und die Berge mit Nebel verhängt. Das Schinderhaus lag jenseits des Flusses.

Statt nun den Weg über die hohe steinerne Brücke zu nehmen, stieg ich den Abhang hinter dem Dorf hinunter und durchkreuzte das weite, steinige Flussbett, zwängte mich mühsam durch das dunkle, dichte Erlengebüsch und stand endlich vor dem rauschenden Wasser. Es ging nicht hoch, und überall

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