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Ländlicher Schmerz Erzählungen. von Bille, S. Corinna (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 25.03.2015
  • Verlag: Limmat Verlag
eBook (ePUB)
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Ländlicher Schmerz

In diesem Buch vereinigt die Westschweizer Erzählerin fünfzehn Novellen und Kurzgeschichten, die unabhängig voneinander in ihrer ersten Schaffensperiode entstanden und l953 erstmals von der "Guilde du Livre" in Lausanne veröffentlich worden sind. Die meisten Erzählungen sind im älteren Wallis angesiedelt, das der Autorin noch vertraut ist aus ihrer eigenen Kindheit in Sierre. Eine natur- und traditionsgebundene Welt mit einfachen Lebensformen, denen die katholische Kirche verbindliche Massstäbe setzt, ein Dorf, eine in sich geschlossene, aber keine heile Welt, sind das Umfeld. Corinna Bille macht die Härten dieses Daseins bewusst. Von nostalgischer Verklärung ist nichts zu spüren. Ausgangspunkt jeder einzelnen Geschichte ist eine Begebenheit, die der Autorin zugetragen wurde, die sie miterlebt oder in einer Zeitungsnotiz gelesen hat. S. Corinna Billes Aufmerksamkeit und Liebe gilt den Einzelgängern, den Missverstandenen, den Verzweifelten, die mit ihrem Leid alleine sind oder es so lange verschweigen, bis ihr Unglück unvermeidbar geworden ist. Corinna Bille (1912-1979), schrieb zahlreiche Novellen und Romane (auf deutsch erschienen der Roman "Theoda" und der Erzählungsband "Schwarze Erdbeeren"). Sie war verheiratet mit dem Schriftsteller Maurice Chappaz.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 220
    Erscheinungsdatum: 25.03.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783038550129
    Verlag: Limmat Verlag
    Übersetzt von: Übersetzung: Dütsch, Elisabeth
    Größe: 900kBytes
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Ländlicher Schmerz

Die Heilige

Ihre Augen waren kalt wie das Wasser und wechselten die Farbe wie das Wasser - je nach dem Grund, je nach dem Himmel ... Sie hatte viel zu langes rotes Haar: Bis auf die Füsse fiel es ihr hinunter. Jeden Tag brauchte sie eine Stunde, um ihre Zöpfe zu flechten, aber sie weigerte sich, sie kürzer zu schneiden. Ihr Haarknoten sah nicht aus wie der von anderen Frauen; er war so gross und schwer, dass er den ganzen Nacken und den Ansatz der Schultern bedeckte. Sie hatte eine gerade Nase, reine Züge und eine so weisse Haut, dass sich jedermann darüber wunderte. Aber wer ihre schmalen, immer geschlossenen Lippen sah, bekam es mit der Angst zu tun.

So übermässig lang wie ihr Haar war auch das Goms, wo ihr Dorf lag. Ein ganz schwarzes Dorf, dessen Häuser sich dicht aneinanderdrängten und mit Eichhörnchenaugen auf einen Berg starrten, der auch ganz schwarz wurde, wenn das Wetter umschlug.

Als kleines Mädchen hatte man sie "Irrwisch" genannt; jetzt getraute man sich nicht mehr und sagte "Flavie", wie sie wirklich hiess. Aber auch jetzt noch wurde es heller, sobald sie die Dorfstrasse herunterkam.

Jeden Morgen ging sie zur Messe. Der Gemeindepriester schätzte sie hoch und führte sie als Beispiel an. Sie hatte fünf Brüder und zwei Schwestern. Der älteste Bruder war Missionar, der zweite Kartäuser, ein anderer Pfarrer im Unterwallis, der vierte Kapuziner, und der letzte studierte noch am Priesterseminar. Auch die beiden Schwestern waren geistlichen Standes. Die eine unterrichtete die Taubstummen im Kloster von Géronde, die andere lebte als Nonne im Kloster von Brig. Es hiess, Flavie habe sie alle dazu gedrängt, in einen Orden zu treten. Sie übte auf ihre Umgebung eine seltsame Macht aus. Es war eine solche Gewissheit in ihr, eine solche Willenskraft, gepaart mit einer grossen Sanftmut: Da blieb einem nichts anderes übrig, als sich zu fügen.

"Und sie? Warum ist denn sie nicht Nonne geworden?", erkundigten sich die unbequemen Frager. Die einen antworteten: "Das verbietet ihre zarte Gesundheit." Die andern: "Es ist gut, wenn auch die Laien eine Heilige bei sich haben." Die bösen Zungen gaben zu verstehen: "So fällt ihr die ganze Erbschaft zu." Sie blieb also daheim bei ihren schon betagten Eltern. Der Vater und zwei Knechte kümmerten sich um die Güter und das Vieh; die Mutter ging manchmal noch mit aufs Feld hinaus. Im Übrigen besorgte sie die Küche. Flavie rührte kaum eine Arbeit an. Es wäre ihnen nicht in den Sinn gekommen, von ihr zu verlangen, dass sie auch Hand anlege. Erstaunlich bei Bauern: Sie begnügten sich mit Flavies Schönheit, ihrem Wissen, ihrer Tugend. Vielleicht erinnerten sie sich an die Geschichte von Maria und Martha.

An der Kirchweih tanzte sie nie. Sie war jedoch immer dabei, etwas abseits auf einer Anhöhe, von wo sie das Fest überblickte. Die jungen Leute hatten ihre Absagen satt und luden sie nicht mehr zum Tanzen ein. Um sie herum bildete sich eine Leere, als hätte sie einen Zauberkreis gezogen, und mitten drin stand sie unantastbar, sehr aufrecht, mit zusammengepressten Lippen.

Die Männer sahen trotzdem zu ihr hinüber; das konnte sie ihnen nicht verwehren. Merkte sie es überhaupt? ... Während sie sich im Takte drehten, warfen sie ihr dann und wann einen fragenden Blick zu und vergassen darob ihre Tänzerinnen. Einer vor allem sah sie an. Ein unbeholfener Junge mit Augen voll Zärtlichkeit, Germain. Schon lange liebte er sie und sprach mit keinem darüber.

Am Anfang macht einen die Liebe glücklich, auch wenn sie fast hoffnungslos ist. Das brennt heiss in Blut und Seele. Man kennt sich kaum mehr aus: Die Berge haben eine andere Färbung, der Himmel auch, und das Dorf fängt an, dem Paradies zu gleichen, weil sie darin wohnt. Und jedes Mal wenn man ihr begegnet, ist es, als bekäme man ein schönes Bild geschenkt ... Man verbirgt es sorgfältig im Herzen, um es später in aller Ruhe zu betrachten, wie man es in den Kindertagen mit den Bildchen mach

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