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17 Briefe oder der Tag, an dem ich verschwinden wollte von Kolbe, Karolin (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.02.2015
  • Verlag: Planet! in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH
eBook (ePUB)
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17 Briefe oder der Tag, an dem ich verschwinden wollte

Jetzt hat sich Line entschieden - morgen ist der Tag, an dem sie verschwinden wird! Raus aus ihrem alten Leben, weg von den Problemen mit ihrem Vater! Noch einen letzten Brief verfasst sie und versteckt ihn am Flussufer. Dass dieser Brief gefunden wird, daran hätte Line niemals geglaubt. Doch der Finder schreibt ihr zurück, berührt von ihren Worten. Es entwickelt sich eine zarte Brieffreundschaft - und nie hätte Line gedacht, wer sich hinter diesen gefühlvollen Zeilen verbirgt ... Karolin Kolbe, 1993 in Kassel geboren, denkt sich Geschichten aus, seitdem sie Kassetten aufnehmen und Buntstifte halten kann. Mit der Grundschulzeit begann das Aufschreiben und lässt sie nun nicht mehr los. Nach ihrem Abitur zog sie für ein Freiwilliges Ökologisches Jahr nach Berlin, wo sie nun studiert. Die Autorin liebt interessante Menschen, gute Gespräche, spannende Bücher und Filme, bunte Farben, blühende Natur und die Sonne.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 192
    Erscheinungsdatum: 12.02.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783522652766
    Verlag: Planet! in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH
    Größe: 2214 kBytes
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17 Briefe oder der Tag, an dem ich verschwinden wollte

Noch 17 Tage

Es begann an dem Tag, an dem sie verschwinden wollte.

Der Tag war nicht besonders, er war nicht anders als die davor oder die, die noch kommen sollten. Das Wetter war grau, die Heizungen kalt und er schien noch nicht einmal gut genug zu sein, ihrem alten Leben auf ewig den Rücken zu kehren, keiner, der in Erinnerung bleiben würde.

Es war einfach nötig.

Bitter nötig.

Line schob ihr Fahrrad langsamer, als sie in ihre Straße einbog. Der Bürgersteig unter ihren Schuhen schien wie mit Pech bestrichen, so sehr klebten ihre Sohlen auf dem grauen Asphalt und wollten sich nicht lösen, wollten nicht mehr vorangehen. Wieso auch? Sie war jetzt achtzehn Jahre alt. Und sie würde sich endlich trauen zu tun, was sie wollte. Schließlich war sie erwachsen.

Der Herbstwind fegte durch die kleinen Vorgärten und hob die Blätter der pingelig gepflegten Beete in die Luft, wirbelte sie einen Moment umher, ehe er sie in einer fast ironischen Unordnung wieder losließ. Als wolle er die Bewohner der schmalen Reihenhäuser ärgern.

Line lief weiter. Das kleine Gartentor mit dem blauen Schild schwang quietschend auf, als sie es mit ihrem Fuß anstieß und auf das ungemähte Gras trat. Es roch nach Essen. Schon hier konnte sie das brutzelnde Fett riechen, mit dem ihre Mutter das Mittagessen zubereitete. Und das, obwohl es noch einige Meter bis zu der schmutzigen Haustür waren, hinter der sich der Ort verbarg, den sie am meisten hasste. Und der sie am meisten schützte.

Heute war Dienstag, Fleischtag.

Line lehnte das Rad an die graue Hauswand und stützte sich mit der Hand einen Moment ab, als sie spürte, wie der Kloß in ihrem Hals aufstieg.

Dann hob sie den Kopf, richtete ihren Blick auf das Küchenfenster. Sie konnte den Schatten ihrer Mutter sehen, die am Herd herumhantierte, spürte schon jetzt deren Sorge, einen Fehler zu machen.

Sie atmete tief durch und verkroch sich in der dicken Jacke, als wolle sie darin einsinken, unsichtbar werden und sich weit weg träumen.

Doch es half nichts. Sie trat zur Haustür und drückte auf den kleinen goldenen Klingelknopf. Ein lautes Rasseln ertönte von innen, Fußgetrappel.

Die Tür schwang auf.

"Line!", rief das blonde Mädchen und schlang ihre kleinen Ärmchen um ihre Knie. Anna grinste breit und ergriff ihre vom Herbstwind eiskalte Hand. "Komm, komm." Einen kurzen Moment geriet Lines Entschluss ins Wanken.

Hatte das Orakel vielleicht gelogen?

Nein, sie hatte ihre Entscheidung getroffen. Heute war der Tag. Endlich.

Und doch hatte sie ein leichtes Ziehen in der Magengegend, als sie auf den Scheitel zwischen den dünnen Rattenschwänzen blickte, der sich wie ein weißer Strich über Annas runden Kopf zog.

Line zwang sich, die Tür hinter ihrem eigenen Rücken zu schließen. Je schmaler der Lichtspalt nach draußen wurde, desto beklemmender wurde das Gefühl.

Zu.

Der Geruch von zu Hause strömte ihr entgegen. Eine Mischung aus schmutzigem Teppich und den alten Jacken, die an der Garderobe hingen. Mühsam schälte sie sich aus dem Anorak und hängte ihn an einen der völlig überladenen Haken. Heute war es noch dunkler als sonst in dem engen Flur. Die Schuhe, die sich auf dem Boden stapelten, versperrten fast den ganzen kurzen Weg zur winzigen Küche. Der rare Platz wurde von einem monströsen Schrank gefressen, ein abartiger Holzkasten, den ihr Vater geerbt hatte, als seine Eltern in eine spießige Altenresidenz gezogen waren und nicht alle Möbel hatten mitnehmen können.

"Line ...", rief die Kleine ungeduldig und wartete bereits an der Küchentür auf sie. Line stellte die Stiefel ordentlich zur Seite und bahnte sich dann einen Weg zu ihrer kleinen Schwester.

Allein diese Enge machte sie krank.

Anna zupfte an ihrem Pullover, ein hässliches Strickteil, das ihre Großmutter ihr zu Weihnachten geschenkt hatte. Orange-braun gestreift. Wahrscheinlich hatte sie ihn mit Absicht so k

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