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Im Ghetto gibt es keine Schmetterlinge Ein Roman über die Kinder von Theresienstadt von Corradini, Matteo (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 10.04.2017
  • Verlag: cbj Kinder- & Jugendbücher
eBook (ePUB)
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Im Ghetto gibt es keine Schmetterlinge

Nach einer wahren Geschichte... Theresienstadt 1942: Die Nazis haben ein Lager für Juden errichtet, das zeitweise als Vorzeigelager dient. Doch es ist nur eine Station auf dem Weg in die Vernichtungslager. Inmitten dieser Hoffnungslosigkeit gründen Kinder eine Zeitschrift, um gegen das Grauen anzuschreiben. Sie treffen sich heimlich und verfassen Berichte über das Lager. Aber sie zeichnen auch Bilder, führen Interviews oder schreiben Gedichte. Matteo Corradini bringt dem Leser auf berührende Weise das Schicksal dieser Kinder nahe. Matteo Corradini, geboren 1975, ist Hebraist und Schriftsteller. Er beschäftigt sich mit Didaktik der Schoah und arbeitet an verschiedenen Kunstprojekten. Er forscht in den Niederlanden und in Theresienstadt, wo er Geschichten und Gegenstände, vor allem Musikinstrumente, wieder zum Leben erweckt. Matteo Corradini ist außerdem der Kurator der neuen italienischen Ausgabe von Anne Franks Tagebuch.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 288
    Erscheinungsdatum: 10.04.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641178338
    Verlag: cbj Kinder- & Jugendbücher
    Originaltitel: La Repubblica delle Farfalle
    Größe: 1327 kBytes
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Im Ghetto gibt es keine Schmetterlinge

Kapitel 2

Die Festung

März 1943

Es ist Nacht und sehr dunkel. Embryo, Zdenek, Petr und ich gehen ohne ein Wort eine Straße entlang. Alles schläft, aus den Häusern dringt kein Laut und kein Licht. Wir schleichen wie Diebe, einer nach dem anderen, machen uns ganz dünn, so dünn wie die Farbe an den Wänden. An jeder Ecke bleibt der Erste stehen, schaut prüfend in die Straße, die kreuzt, und macht den Nachfolgenden ein Zeichen, wenn die Luft rein ist. Weiter. Immer weiter. An einer Kreuzung bemerkt Embryo eine Wache. Er dreht sich um und erinnert uns daran, still zu sein. Kontrolliert noch einmal. Der Wachposten steht ziemlich weit hinten im Lichtkegel eines Scheinwerfers, der an der Festungsmauer befestigt ist. Er hat wahrscheinlich keinen Dienst, er steht einfach da, vielleicht war er gerade bei einer Frau, vielleicht ist er betrunken. Sonst ist er nie da. Wir drücken uns ganz dicht aneinander, müssen aber unbedingt die Straße überqueren und die andere Seite erreichen. Wir sind so sehr an die Dunkelheit gewöhnt, weil wir selbst die Dunkelheit sind, nicht einmal das Weiße in unseren Augen ist zu sehen. Zdenek gibt Embryo einen Klaps auf den Rücken, der läuft los und versteckt sich in einer Ecke auf der anderen Straßenseite. Der Wachposten rührt sich nicht. Er beobachtet die Umgebung und geht dann vier Schritte nach vorne, bei den letzten beiden schwankt er.

"Zwei Schritte von vier, rechnen wir mal: Er ist halb betrunken", flüstert Petr.

Zdenek ist aufmerksam wie ein Spürhund und lässt die Wache nicht aus den Augen. Der Mann dreht sich um, Zdenek tippt Petr an, der sofort losläuft. Er rennt, er rennt zu der Ecke, wo sich Embryo versteckt hat. In den wenigen Sekunden, in denen sich der Wachposten am Rücken gekratzt hat, hat er sich in Sicherheit gebracht. Dann fällt etwas zu Boden, eine Flasche rollt über die Straße. Auf dem Pflaster klingt das Rollen fast wie Musik.

Der Mann beugt sich unbeholfen nach unten, um die Flasche aufzuheben, aber das sehe ich schon nicht mehr, denn als er den Blick auf den Boden richtet, packt mich Zdenek am Kragen meiner Jacke, rennt los und zieht mich hinterher. Zdenek war früher Sprinter und hat sogar Preise gewonnen. Er läuft leicht und locker, während ich Mühe habe, ihm zu folgen, obwohl er meine Jacke nicht loslässt. Sekunden später haben wir unser neues Versteck erreicht. Ich mit nacktem Oberkörper, Zdenek hat mir beim Hinterherzerren die Jacke ausgezogen.

Er gibt sie mir mit einem Blick zurück, der nur eines sagen will: Das nächste Mal gibst du wirklich Gas, du Schnecke.

Langsam setzen wir unseren Weg fort. In der Finsternis sind nur wir vier unterwegs: Embryo, Zdenek, Petr und ich. Die Scheinwerfer an der Festungsmauer schlagen Lichtschneisen in die Dunkelheit. Die Feuchtigkeit des nahen Flusses lässt die Welt um uns herum glänzen. Wir gehen weiter und erreichen den offenen Marktplatz, man könnte ihn leicht überqueren, aber das ist für uns Juden verboten, zu gefährlich. Wir umrunden ihn, versuchen die Wachposten zu meiden und nehmen dann die Straße, die an der Schule vorbeiführt. Dahinter ist das Versorgungsgebäude. Jetzt sind wir in der Nähe des Krankenhauses und dem Gebäude der Mädchen.

"Besuchen wir sie doch einfach", schlägt Zdenek vor.

Du bist verrückt, denkt Petr, sagt aber kein Wort.

Kurze Zeit später sind wir da. Die Mauer unter den Fenstern ist mit ihren Vorsprüngen und Stuckverzierungen ideal zum Klettern. Wir ziehen uns mit den Armen hoch, die Füße folgen, und schon hängen wir an den Fenstergittern im Erdgeschoss. Wir linsen hinein. Durch die Fensterscheiben sehen wir einen Raum, ähnlich wie unserer, mit zusammengezimmerten Stockbetten, hart und unbequem, drei-, einmal sogar vierstöckig. Überall Decken und Kleidungsstücke, aufgeklappte Koffer, zum Trocknen aufgehängte Blusen, aufgespannte Bettlaken und Stoffbahnen, mit deren Hilfe um eine einzelne Matratze eine Art winziges Zi

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