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In der Mondnacht gesammelte Märchen von Wachenhusen, Hans (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 25.02.2015
  • Verlag: RUTHebooks
eBook (ePUB)
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In der Mondnacht

Hans Wachenhusen - In der Mondnacht

'In der Mondnacht' ist eine Märchensammlung von Hans Wachenhusen aus dem Jahre 1854.

Für RUTHeBooks Klassiker lassen wir alte und schon lange vergriffene Werke als eBooks wieder auferstehen. Wir möchten Ihnen diese Bücher nahe bringen, Sie in eine andere Welt entführen. Manchmal geht das einher mit einer für unsere Ohren seltsam klingenden Sprache oder einer anderen Sicht auf die Dinge, so wie das eben zum Zeitpunkt des Verfassens vor 100 oder mehr Jahren "normal" war. Mit einer gehörigen Portion Neugier und einem gewissen Entdeckergeist werden Sie beim Stöbern in unseren RUTHeBooks Klassikern wunderbare Kleinode entdecken. Tauchen Sie mit uns ein in die spannende Welt vergangener Zeiten!

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 200
    Erscheinungsdatum: 25.02.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783959230445
    Verlag: RUTHebooks
    Größe: 260kBytes
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In der Mondnacht

Etwas Höheres

Eine Stahlfeder und ein Gänsekiel lagen eines schönen Sommermorgens auf dem Pulte eines Dichters. Dieser war verreist, und da das Stubenmädchen nach dem Auskehren des Zimmers das Fenster offen gelassen hatte, so konnten die beiden Federn recht nach Herzenslust die frische Luft genießen. Aber daran dachten sie gar nicht, denn sie hatten viel wichtigere Dinge zu besprechen.

Wie es gewöhnlich geht, daß die Dienerschaft groß spricht, wenn die Herrschaft nicht zu Hause ist, führten auch die Stahlfeder und der Gänsekiel eine gelehrte Unterhaltung über die Dichtkunst und beide strichen ihre Verdienste um dieselbe heraus.

"Ich bin doch eigentlich viel mehr als Du," sagte die Stahlfeder, "denn mit mir hat unser Herr sein berühmtes Gedicht 'an den Mond' geschrieben; ich bin also im Grunde eine berühmte Stahlfeder. Es ist doch recht beruhigend, wenn man sich sagen kann: Du hast etwas Großes geleistet! Andere Federn freilich können sich dessen nicht rühmen! setzte sie mit einem spöttischen Blick auf den Gänsekiel hinzu."

"O ja, das können sie wohl!" sagte der Gänsekiel, sich seine schöne Fahne streichend. "Mit mir z. B. hat unser Herr sein berühmtes Gedicht über "die Unsterblichkeit der Seele" geschrieben, und die ist doch etwas viel Höheres als der Mond!"

"Das ist nicht wahr!" entgegnete die Stahlfeder; "der Mond ist etwas viel Höheres als die Seele."

"Nein, die Seele ist höher!"

"Nein, der Mond, behaupte ich!... Aber dazu muß man Astronomie verstehen und von der hat eine Gans wie Du natürlich keine Ahnung!"

So stritten sich Beide darum, ob der Mond oder die Seele höher sei und Jeder verteidigte seine Ansicht.

Endlich machte die Stahlfeder, um den Streit zu schlichten, den Vorschlag, es solle Derjenige Recht haben, welcher den feinsten Haarstrich machen könne.

"Nein, wer den dicksten Grundstrich machen kann!" rief der Gänsekiel, und das war eigentlich recht gescheit von ihm, denn in solchen kann ein Gänsekiel etwas leisten.

"Gut, auch Das!" sagte die Stahlfeder, sich auf die Biegsamkeit ihrer langen Beine verlassend; "ich bin nicht so streitsüchtig wie andere Leute, und nur um Dir dies zu beweisen, nehme ich Deinen Vorschlag an."

Die Stahlfeder sollte nun zuerst schreiben. Stolz richtete sie sich auf, tauchte ihre spitzen Beine recht tief in die Tinte, stellte sich auf das Papier, und um dem Gänsekiel doch auch zugleich einen Begriff von der Feinheit ihrer Haarstriche zu geben, machte sie zuerst einen Haarstrich, der war so dünn wie eine Stecknadelspitze.

"Das muß wahr sein," sagte der Gänsekiel, "fein ist der Strich; aber ich kann ihn auch so machen.... Jetzt den Grundstrich, der ist die Hauptsache!"

Die Stahlfeder lächelte sehr vornehm, wie Einer, der seiner Sache gewiß ist, steckte ihre Beine noch einmal in die Tinte, bog sie dann auf dem Papier recht weit auseinander und machte einen Druck.

Knack! Da brach ihr das eine Bein, daß es hoch in die Luft flog und das Papier mit ihrem schwarzen Blut bespritzte; und da sie mit dem andern Bein weder einen Grundstrich machen, noch sich auf demselben aufrecht erhalten konnte, so sank sie mit einem Seufzer um.

"Daran bist Du mit Deinem Grundstrich Schuld!" sagte sie zum Gänsekiel; "aber so ergeht es Einem immer, wenn man sich mit solchem Gesindel, wie Du bist, einläßt!"

Der Gänsekiel freute sich über die Maßen und konnte doch der Stahlfeder die Antwort nicht schuldig bleiben.

"Gesindel?" rief er. "Oho! Ich bin von sehr achtbarer Herkunft!"

"Ja wohl, Du stammst von einer Gans!"

"Und woher stammst denn Du, wenn man fragen darf?"

Ich bin weither aus einem Gebirgslande, in welchem nur edle Metallfamilien leben. Der Stahl ist von jeher etwas Aristokratisches gewesen; schon die alten Ritter trugen uns auf der Brust.

"Und uns Federn trugen sie auf den Helmen; das ist doch viel höher."

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