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Letzte helle Tage Roman von Bedford, Martyn (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 22.05.2015
  • Verlag: dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
eBook (ePUB)
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Letzte helle Tage

Zurück ins Leben

Shivs Leben ist vollkommen aus den Fugen geraten: Während eines Familienurlaubs in Griechenland verunglückte ihr jüngerer Bruder Declan - und Shiv gibt sich die Schuld an seinem Tod. In einer psychiatrischen Klink gelingt es ihr, nach und nach Erinnerungen an unbeschwerte Tage am Meer, an den lebensfrohen, quirligen Declan und an den gut aussehenden Griechen Nikos, in den sie sich dort Hals über Kopf verliebt hatte, zuzulassen. Und an das Unglück, das sich dennoch so unausweichlich zusammenbraute.

Was ist damals wirklich geschehen? Und welche Rolle spielte Nikos dabei? Noch einmal muss Shiv durch die Hölle gehen, um sich endlich Klarheit zu verschaffen.

Martyn Bedford war jahrelang als Journalist tätig und hat zahlreiche Kurzgeschichten in Anthologien, Magazinen und im Radio veröffentlicht. Mittlerweile unterrichtet er am Leeds Trinity University College Englisch und Kreatives Schreiben. Er selbst hat mehrere Romane für Erwachsene und Jugendliche geschrieben, die von der Presse sehr gelobt und für zahlreiche Preise nominiert wurden.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 360
    Erscheinungsdatum: 22.05.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783423426510
    Verlag: dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
    Serie: dtv junior
    Originaltitel: Never Ending
    Größe: 808kBytes
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Letzte helle Tage

Nach Kyritos

Der Anfang von etwas Neuem.

Sie fahren schon seit Stunden durch einen entlegenen Teil des Landes, in dem Siobhan noch nie gewesen ist und von dem sie auch noch nie gehört hat. Sie hört Musik und schaut durchs Fenster auf die vorbeiziehende Landschaft, auf die sich unerbittlich vor ihnen abspulende Straße - und knibbelt so lange an der Kante ihres Sitzpolsters herum, bis die Naht aufplatzt, sie die Finger in das Loch bohren und die Schaumstofffüllung Stück für Stück herausrupfen kann.

Erst nach einer Weile wird sie sich dessen bewusst. Sie muss sich zwingen, damit aufzuhören.

Dad sitzt neben ihr am Steuer und sieht stur geradeaus. Er hält das Lenkrad so fest umklammert, als hätte er Angst, dass es ihm jemand wegnehmen könnte.

Ab und zu macht er sie auf etwas aufmerksam: ein vereinzeltes Reh am Waldrand, ein Sportflugzeug am Himmel, die Abzweigung zu einer Stadt, in der er gelebt hat, ehe er Mum kennenlernte.

Nur eine Handvoll Wörter zwischen langen Abschnitten des Schweigens.

Vom Anblick der Schaumstofffetzen neben ihrem Sitz wird ihr schlecht, aber nicht, weil ihr Magen verrücktspielt, sondern vor Selbstekel. Wie jemand, der eine Diät macht und auf das Einwickelpapier der Schokolade sieht, die er auf gar keinen Fall essen wollte. Die Kuppen ihrer Mittelfinger sind aufgescheuert, und sie hat sich einen Nagel abgebrochen.

"Dad ...", fängt sie an, und so etwas wie ein Gespräch kommt in Gang.

Wenn du beim Sprechen lächelst, hörst du dich netter an.

Das hat Granny O'Driscoll immer behauptet. Die Oma, von der sie ihren Namen hat: Siobhan. "Shiv" nennt sie selbst sich, auch wenn Granny O'D. sich immer geweigert hat, die Abkürzung zu benutzen. Sie hat Shiv unbeirrt als "Shi-wohn" angeredet. Zum Beispiel: Lächle, Shi-wohn, sonst fällt dir die Kinnlade runter .

Also versucht Shiv zu lächeln, eine nette Beifahrerin zu sein. Normal zu sein. Dad hat es nicht verdient, dass sie sich in ihr Schneckenhaus zurückzieht. Er liebt sie. Deswegen machen sie das hier ja.

Beinahe hätte sie ihrem Vater gesagt, dass sie ihn auch lieb hat, aber die Worte bleiben ihr im Hals stecken.

"Na, kommst du damit klar?", fragt er. Mit "damit" meint er ihr Fahrtziel.

Shiv zuckt die Schultern.

Sein Blick klebt weiter auf der Straße. "Oder willst du abspringen?"

Abspringen. Nicht: "Hast du's dir anders überlegt?" Das käme im Prinzip aufs Gleiche heraus, wäre aber trotzdem etwas ganz anderes. "Nein", sagt sie. "Ich will nicht abspringen ."

Oje. Es hört sich schon wieder pampig an. Sie hat es gerade mal zehn Minuten geschafft, nett zu sein.

Dad lässt das Thema fallen. Sie haben schon zu oft darüber geredet. Abspringen würde bedeuten, nach Hause zu fahren - in dieses Haus. Es würde bedeuten, weiter mit Mum zusammenzuleben, so wie sie jetzt ist. Mit Mum und Dad, so wie sie jetzt sind. Ohne Dad, jedenfalls die meiste Zeit. Ohne Declan, logisch. Vor allem würde es bedeuten, weiter mit der Person zu leben, zu der sie selbst geworden ist, die endlosen Sommerferienwochen durchzustehen, die vor ihr liegen wie ein Labyrinth ohne Mitte und ohne Ausgang.

Trotzdem klingt ihr "Nein" entschiedener, als sie eigentlich ist.

Das Problem ist nicht das, was sie zurücklässt, sondern das, was auf sie zukommt. Nach Wochen voller Erwartung, voller Vorfreude und Ungeduld, ist der Tag endlich da, und sie muss aufpassen, dass ihre Entschlossenheit sie nicht verlässt.

Und wenn es ihr danach nicht besser geht?

Es muss. Alles andere hat nicht geholfen. Es ist ihre letzte Chance.

"Ich will nicht mehr so sein, wie ich bin", sagt sie.

Dad lässt das Lenkrad los und nimmt ihre Hand. Er will etwas erwidern, aber er muss zweimal ansetzen, weil seine Stimme belegt ist. "Zwei Monate sind schnell vorbei, Shivvers."

Shivvers.

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