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Marias letzter Tag von Kui, Alexandra (eBook)

  • Verlag: cbt Jugendbücher
eBook (ePUB)
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Marias letzter Tag

Der Sommer ohne Angst Jeder hat Angst: vor der Euro-Krise, dem steigenden Flusspegel, dem Notendurchschnitt. Lous beste Freundin Maria hat Angst, wie ihre Mutter an Krebs zu erkranken. Als sie von einem Zug erfasst wird und nur knapp überlebt, sprechen alle von versuchtem Selbstmord. Daraufhin ruft Lou den Sommer ohne Angst aus. Ihr Plan: zu leben, als sei es ihr letzter Tag. Tun, wovor sie sich immer gefürchtet hat. Sich fühlen, wie Maria sich gefühlt hat. Ihre selbstgedrehten Videos postet Lou auf ihrem YouTube-Channel, dem sie den Titel "Marias letzter Tag" gibt. Rasant steigt die Zahl der Klicks, es entsteht eine Bewegung der Angstverweigerer. Die Mitschüler, Freunde und Fans übertrumpfen sich mit immer gefährlicheren Aktionen. Und irgendwann verliert Lou die Kontrolle ... Alexandra Kui wurde 1973 in Buxtehude geboren. Sie studierte Soziologie, Politikwissenschaften und Sozialgeschichte in Hamburg und arbeitete für verschiedene Tageszeitungen, bevor sie anfing, Bücher zu schreiben. Nach den Krimis "Blaufeuer", verfilmt fürs ZDF unter dem Titel "Der Tote im Watt", und "Wiedergänger" erschienen inzwischen drei Jugendthriller, "Lügensommer", "Falsche Nähe" und "Stille Feindin". Mit "Marias letzter Tag" veröffentlicht die Autorin, die auf der Geest bei Hamburg lebt und zuletzt für "Die Welt ist eine Scheibe" von den Kritikern hochgelobt wurde, ihren ersten literarischen Roman bei cbt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 288
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641150730
    Verlag: cbt Jugendbücher
    Größe: 3462 kBytes
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Marias letzter Tag

Schlaflos

Nacht über der Titanic. Das Schwarz ist vollkommen, kein Mond, keine Sterne. Die schlimmste Etappe der Nacht, die letzten Stunden vor der Dämmerung, die Dunkelheit drückt gegen die Fenster, will rein, denn kälter als jetzt wird es nicht mehr. Egal ob Sommer oder Winter, Plus- oder Minusgrade, immer und immer wieder, weit nach Mitternacht, gibt es diesen Tiefpunkt. Ein Eisberg, der gerammt werden will, jede Nacht.

Ich höre den Regen aufs Dach prasseln, Tropfen hart wie Kiesel, der Fernseher muss lauter, sonst kommt er gegen die Nacht nicht an. Die Fernbedienung ein Tropf mit überlebenswichtiger Medizin in meiner linken Hand. Die Gewissheit, dass die Welt da draußen noch pulsiert. Dass ich ein Teil von ihr bin - und am Leben.

Ich werde sterben.

Lautstärke zehn, elf, zwölf. Immer noch zu leise, aber mehr ist nicht drin. Im ersten Stock, direkt unter mir, brauchen meine Eltern ihren Schlaf. Ich schalte um. Ein dicklicher Engländer, der schnell redet, kocht ein schnelles Essen. Auf einem anderen Sender marschieren schlanke Soldaten in Schwarz-Weiß schweigend und langsam los, um einen Weltkrieg zu verlieren. Der NDR zeigt Amerika in HD , Grand Canyon von oben, die Stimme des Sprechers ist ein langer, ruhiger Fluss ohne Stromschnellen, anders als der Colorado, der am Grund der Schlucht fließt. Der sie überhaupt erst geformt hat. Der Colorado ist wild und wütend. Wie unbezwingbar Wasser sein kann, das weiß bei uns jedes Kind. Eine neue Erkenntnis: Colorado heißt roter Schlamm. Hier im Norden, im nassen Dreieck, ist Schlamm immer schlammfarben.

Wenn mich einer zum Einschlafen bringen kann, dann dieser Amerika-Märchenonkel mit seinem sonoren Bass. Er bekommt seine Chance, aber er nutzt sie nicht. Ich nutze sie nicht, denn ich bin wach. Wacher. Hellwach. So wach, wie ich tagsüber in der Schule sein müsste. Wach wie das Kaninchen vor der Schlange. Wie Frederick Fleet (der Matrose im Ausguck der berühmteren Titanic) im Angesicht des Eisbergs.

Der Regen wird lauter, die Dunkelheit drückt härter, mit aller Kraft. Nur die Nacht ist noch wacher als ich. Meine Beine und Arme kribbeln, ich setze mich auf, möchte schreien und lasse es bleiben, lege mich wieder hin.

Als die Türklinke sich bewegt, schließe ich die Augen, nehme eine für mich typische Schlafhaltung ein, Seitenlage, Beine angewinkelt, Kopf tief in der Armbeuge vergraben. Meine Mutter schleicht ins Zimmer, ich spüre einen schwachen Windhauch, dann ihren Blick, wie er mich von oben bis unten abtastet. Das Kribbeln ist kaum auszuhalten. Als würden die Muskeln für die Stimme das Schreien übernehmen. Jetzt bloß nicht blinzeln.

"Bist du wieder vorm Fernseher eingeschlafen?"

Nein, ich bin wieder vor dem Fernseher nicht eingeschlafen. Tröste mich!

Über meine Lippen kommt kein Wort, ich liege schlaff und reglos da wie eine Puppe, nur das Zittern meiner Lider bleibt unkontrollierbar und macht mich verdächtig.

Mama weiß Bescheid, weil sie meine Mutter ist, eine Rolle, die sie ganz gut beherrscht, wie ich finde, nicht perfekt, aber für eine unperfekte Tochter wie mich muss es reichen. Mehr Kinder hat sie nie gewollt und auch nicht gekriegt.

"Du kannst nicht die ganze Nacht fernsehen, Lou. Das geht nicht."

Sie hat es so kommen sehen, war strikt dagegen, den Fernseher für mein Zimmer zu kaufen. Zu groß, zu ungesund, Geldverschwendung. Reicht denn nicht der Computer? Das lächerlich überteuerte iPhone? Das Getippe und Gebrabbel und Gedaddel tagein, tagaus? Nein, nein und nochmals nein! Am Ende stand es zwei zu eins gegen sie. Auf meinen Vater ist in solchen Dingen Verlass. Der Rubel muss rollen, ist seine Devise. Kaufen oder sich verkauft fühlen. Wofür geht er schließlich arbeiten!

Ein Schatten über meinem Gesicht, Mamas Duft, derselbe wie früher beim Gutenachtgeschichten-Vorlesen. Zimt und Honig. Meine Lieblingsgeschichte

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