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Memory. Stadt der Träume von Marzi, Christoph (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.07.2012
  • Verlag: Arena Verlag
eBook (ePUB)
9,99 €
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Memory. Stadt der Träume

Jude Finney hat eine besondere Fähigkeit: Er kann die Träume der Toten sehen. Auf dem Highgate Cemetery, in einer Welt zwischen Realität und Traum, begegnet er der geheimnisvollen Story, einem Mädchen, das tausend Geschichten kennt, aber sich an seine eigene nicht erinnern kann. Jude ahnt, dass Story noch lebt, irgendwo in den Straßen von London. Und dass es höchste Zeit wird, sie zu finden.

Christoph Marzi begann bereits im Alter von 15 Jahren zu schreiben. Sein Romandebüt 'Lycidas' avancierte 2004 zu einem Überraschungserfolg: 2005 wurde Christoph Marzi mit dem Deutschen Phantastik Preis ausgezeichnet. Seitdem schreibt er mit großem Erfolg sowohl für Erwachsene als auch Kinder und Jugendliche. Er arbeitet als Lehrer und lebt mit seiner Frau und seinen drei Töchtern in Saarbrücken.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 328
    Erscheinungsdatum: 01.07.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783401801476
    Verlag: Arena Verlag
    Größe: 3317kBytes
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Memory. Stadt der Träume

1. Der mausgraue Junge

Einen halben Tag zuvor ahnte noch niemand etwas von den Ereignissen, die sich zu so später Stunde begeben sollten; am allerwenigsten der Junge selbst.

London war gerade golden und bunt wie der Herbst, der über die Stadt gekommen war und alles in die rostroten Farben und rauchigen Gerüche des Oktobers tauchte. Oktoberland, hatte Miss Rathbone es genannt. In den Parkanlagen von Kentish Town schüttelten die Bäume ihre Blätter ab und es schien, als bewegten sich die Straßen mit jedem Windhauch.

Jude Finney, der bei Tage kein bisschen mausgrau wirkte, anders als im Mondschein, und der auch keine Melodie summte, mochte den Herbst genauso wie den Frühling. Die Welt war von einem geheimnisvollen Zauber erfüllt, den Sommer und Winter nicht kannten. Er mochte es, wenn die Luft nach braunen Farben und Holzkohle und gebrannten Kastanien roch und wenn die Erinnerung an den Sommer im Morgennebel verblasste. Wenn es schien, als könnten sich die Sonnenstrahlen nicht so recht entscheiden, ob sie einen wärmen oder frösteln lassen sollen. Irgendwie hatte er dann das Gefühl, unbeschwerter atmen und klarer denken zu können.

Und die Stadt schien sich viel langsamer zu bewegen als sonst.

Aber jetzt trennte ihn schmutziges Fensterglas von der Luft und dem Leben da draußen. Vor ihm auf dem Tisch lag ein dünner Stapel unbeschriebener Blätter, die darauf warteten, dass er sie mit geistreichen Gedanken füllte. Zumindest erwartete das sein Lehrer. Dazu hatte er zwei Stunden Zeit. Und während seine Mitschüler emsig bemüht waren, einen klugen Aufsatz zum Thema Die Welt, in der wir leben zu verfassen, starrte Jude zum Fenster hinaus und dachte an die Party in der kommenden Nacht, zu der Gaskell ihn eingeladen hatte. Es würde eine lustige Nacht werden, davon war Jude überzeugt, denn Gaskells gesamte Nachbarschaft würde sich dort versammeln und im Mondlicht singen.

Mr Ackroyd indes, Fachlehrer und Leiter des Fachbereichs Englisch an der altehrwürdigen Kentish School, schaffte es, den Himmel an diesem Mittag zu trüben. Er hatte eine grüne Karteikarte mit der gedruckten Aufschrift A-Level - General Certificate of Advanced Education in die Mitte des Whiteboards geklebt und darunter handschriftlich den unnötigen Zusatz Irregulärer Test gekritzelt.

Jude seufzte. Sein braunes Haar sah störrisch wie Holzwolle aus und er selbst fühlte sich ebenso. Sobald er die Schule betrat, kam er sich wie ein Fremder vor. Er rückte die Brille mit dem schwarzen Rand zurecht und sah erneut auf die Blätter, die außer dem runden Schulstempel rechts oben in der Ecke und den vorgedruckten Linien noch schneeweiß waren.

"Das, was ich von euch erwarte", hatte Mr Ackroyd zu Beginn der Stunde näselnd gesagt, "ist, wie alles im Leben, im Grunde ganz einfach. Zeigt mir, dass ihr kritisch denken könnt. Die Welt, in der wir leben . Schreibt eure Gedanken nieder und macht mich stolz, euch meine Klasse nennen zu dürfen. Seid kreativ!"

Jude rollte die Augen. Er war müde und schläfrig und das langweilige Thema tat ein Übriges. Worüber sollte er schreiben? Die überaus reichen Erfahrungen, die er in den letzten Wochen seines siebzehnjährigen Lebens gesammelt hatte, boten wohl kaum Stoff für den Aufsatz, der Mr Philip Ackroyd vorschwebte.

Er starrte auf das leere Blatt und das leere Blatt starrte zurück. Jude gähnte.

Gestern erst hatten alle Spekulationen angestellt, ob Mr Ackroyd den Test in dieser Woche oder in der nächsten schreiben lassen würde. In der Klasse hatte man sich einstimmig darauf geeinigt, dass es wohl erst nächste Woche so weit sein würde. Aber ihre Prognosen waren reine Wunschvorstellung gewesen.

Jude rieb sich die Augen und spielte ein wenig mit der Brille herum, bevor er sie wieder aufsetzte.

Er könnte über Gaskell und all die anderen schreiben, die auf dem Highgate Cemetery wohnten; und über Miss Rat

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