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Solange die Nachtigall singt von Michaelis, Antonia (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.09.2012
  • Verlag: Verlag Friedrich Oetinger
eBook (ePUB)

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Solange die Nachtigall singt

Ein Wald, der im Nebel ein Rätsel verbirgt. Ein Wanderer, der sich verirrt. Eine Geschichte, die dem Leser den Atem raubt. Nach Abschluss seiner Tischlerlehre begibt sich Jari auf Wanderschaft, um Freiheit und Natur zu genießen. Dabei trifft er auf Jascha, das bezauberndste Mädchen, dem er je begegnet ist, und folgt ihr zu ihrer Enklave mitten im Wald. Gefangen zwischen märchenhafter Schönheit und menschlichen Abgründen wird der harmlose Tischler zum unerbittlichen Jäger. Poetisch und fesselnd erzählt Erfolgsautorin Antonia Michaelis die Geschichte einer Liebe, der kein Geheimnis zu düster und kein Opfer zu groß ist. Das Meisterwerk einer Märchenerzählerin. Antonia Michaelis, Jahrgang 1979, in Norddeutschland geboren, in Süddeutschland aufgewachsen, zog es nach dem Abitur in die weite Welt. Sie arbeitete u.a. in Südindien, Nepal und Peru. In Greifswald studierte sie Medizin und begann parallel dazu, Geschichten für Kinder und Jugendliche schreiben. Seit einigen Jahren lebt sie nun als freie Schriftstellerin in der Nähe der Insel Usedom und hat zahlreiche Kinder und Jugendbücher veröffentlicht, facettenreich, fantasievoll und mit großem Erfolg. 'Der Märchenerzähler', ihr erstes Buch für junge Erwachsene, wurde für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2012 nominiert. Über ihren Alltag als Mutter und Autorin berichtet Antonia Michaelis mit viel Witz und Esprit in einem Weblog auf oetinger.de.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 448
    Erscheinungsdatum: 01.09.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783862745975
    Verlag: Verlag Friedrich Oetinger
    Größe: 1437 kBytes
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Solange die Nachtigall singt

Flammseide

Sie wanderten lange so zu zweit durch den Wald. Der Boden stieg an und fiel wieder ab, steil hinauf und hinab führte der Pfad sie, zwischen Buchenstämmen hindurch, wo hohe Gräser im Wind schaukelten. Knorrige Eichen säumten den Weg; sie krallten ihre Wurzeln um runde Felsköpfe. An sumpfigen Stellen balancierten sie über umgestürzte Birkenstämme. Violette Blütenstauden ragten aus dem Wasser, hier und da eine gelbe Lilie. Jaris Mutter liebte Lilien, sie hatte ein ganzes Zwölferset an Servietten mit gelben Lilien bestickt.

Jari beobachtete einen Frosch, der im feucht glänzenden Morast saß und ihn mit goldenen Augen ansah. "Bis wohin gehen wir zusammen?", fragte er.

"Das ist eine Frage, die nur du beantworten kannst", sagte sie sanft und sprang leichtfüßig auf einen weiteren Baumstamm, eine weitere scheinbar zufällige Brücke durch den Sumpf. "Du bist ein Wanderer. Du kannst gehen, wohin du willst."

Er nickte. "Ich habe drei Wochen Zeit, mich gründlich in den Bergen zu verlaufen."

"Du hast bereits damit begonnen", sagte sie und lachte. "Vorsicht!"

Ihre Warnung kam zu spät, Jaris Füße rutschten auf einem glatten Stamm ab, und im nächsten Moment landete er rücklings im Sumpf. Sie watete auf ihren nackten Füßen zu ihm und streckte die schlanke Hand aus, um ihm hochzuhelfen. Die Berührung ihrer Finger war ihm beinahe unangenehm. Als sei dies bereits eine zu intime Geste, viel intimer als alles, was die namenlosen Mädchen in den schummrigen Ecken seiner Vergangenheit getan hatten. Er stand auf, sah an sich hinab; seine Jeans war getränkt mit dem Wasser des Moores. Er fluchte, und sie legte lächelnd den Finger an die Lippen.

"Still, still." Sie stand ganz dicht vor ihm und sah zu ihm auf. Ihre dunklen Augen waren wie das Moor. Man konnte nicht dahintersehen. "Wanderer", sagte sie leise, "hast du auch einen Namen?"

"Jari", antwortete er. "Aber in der Lehre haben sie mich nur bei meinem Nachnamen genannt. Cizek. Der Zeisig."

"Ein Zeisig", wiederholte sie nachdenklich und strich mit einer Hand durch sein Haar, das verklebt war vom Schlamm. Er musste aussehen wie ein kompletter Idiot. "Was ist ein Zeisig für ein Vogel?"

"Er ist klein und unscheinbar", sagte Jari. "Unbedeutend. Er tut nichts, als zu existieren. Er lebt in den Tag hinein. Nur wenn man ihm ein wenig näher kommt, bemerkt man die gelben Federn in seinem Kleid. Wenn man ihm näher kommt, ist er bunt."

"Und er fällt gern in den Schlick und macht sich diese schönen gelben Federn schmutzig", sagte sie. "Aber ich mag sein Lied."

Er fing ihre Hand, als sie sie zurückzog, und die Berührung war noch immer wagemutig, obwohl es nur eine Hand war. Er hielt sie fest. Und in seinem Kopf standen glasklar, gestochen scharf die Worte: Ich flirte. Ich flirte mit einem Mädchen im Wald, dem schönsten Mädchen der Welt. Das war nicht der Plan. Sie wird gehen, in ihr Dorf, und ich bin erst am Anfang meiner Wanderung.

"Und wie heißt du?", fragte er.

"Jascha."

"Jascha?" Er schüttelte den Kopf. "Das ist ein Männername."

"Nicht nur. Es ist auch ein Name für eine Frau. Wenn man im Wald ganz auf sich gestellt ist, muss man manchmal ein Mann sein und manchmal eine Frau ... Es gibt so viele Dinge, die nur ein Mann tun kann!"

Sie riss sich los und lief weiter, ihr Lachen neckisch, ihr Haar wie ein schwarz glänzender Pinselstrich auf dem Waldbild, das sie durchquerte. Er rannte ihr nach, froh, dass der Weg hier wieder trocken und eben war.

"Holz hacken!", rief sie. "Wasser tragen! Mauern ausbessern! Bären jagen!" Sie drehte sich nach ihm um. "Manche versteinern, wenn man auf sie schießt."

"Gibt es hier Bären?"

Sie zuckte die Schultern. "Wölfe gibt es. Sie hatten sie schon ausgerottet hier, aber es sind wieder welche eingewandert, von Polen her. Jetzt sind sie geschützt, und sie vermehren sich. Die Menschen in den Dörfern haben Angst

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