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Und im Fenster der Himmel Eine wahre Geschichte Roman von Reiss, Johanna (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 27.05.2016
  • Verlag: dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
eBook (ePUB)
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Und im Fenster der Himmel Eine wahre Geschichte

Eine Kindheit im besetzten Holland

Herbst 1941: Als die Deutschen die Niederlande besetzen, geraten die neunjährige Annie und ihre Schwester in große Gefahr - weil sie Juden sind. Hilfreiche Bauern verstecken die beiden Schwestern in einer kleinen Kammer auf dem Dachboden. Fast drei Jahre leben sie dort in drangvoller Enge und sehnen sich nach frischer Luft und Bewegung, nach einem normalen Kinderleben und fürchten sich vor dem Entdecktwerden bei den häufigen Hausdurchsuchungen.

Mit einem aktuellen Interview mit der Autorin und weiterem Zusatzmaterial.

Johanna Reiss , 1932 als Johanna (Annie) de Leeuw im niederländischen Winterswijk geboren, erzählt in "Und im Fenster der Himmel" ihre eigene Lebensgeschichte. Ihre Erlebnisse während des Zweiten Weltkriegs wollte sie eigentlich nur für ihre beiden Töchter zu Papier bringen. "Ursprünglich dachte ich, das habe ich in einer Woche geschafft", meinte sie. "Erst, als ich anfing zu schreiben, merkte ich, an wie viel ich mich erinnerte, an Dinge, über die ich niemals gesprochen hatte, weil sie zu weh taten."

Das Buch wurde zu einem großen, unter anderem mit der Newbery Honor und dem Buxtehuder Bullen ausgezeichneten Erfolg; zwei weitere Bände mit Erinnerungen sind seitdem gefolgt. Die ehemalige Lehrerin lebt in New York und spricht bis heute regelmäßig als Zeitzeugin vor Schülern auf der ganzen Welt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Erscheinungsdatum: 27.05.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783423427869
    Verlag: dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
    Größe: 743kBytes
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Und im Fenster der Himmel Eine wahre Geschichte

1

1938 war ich noch nicht sehr groß, erst sechs, und ein ziemlicher Winzling. Winzig genug, um mich zwischen die Wand und Vaters Stuhl zu quetschen, der damals immer direkt vor das Radio gerückt stand. Dort saß Vater vornübergebeugt, die Arme auf die gespreizten Beine gestützt, damit er das Gesicht möglichst nah ans Gerät halten konnte. Und lauschte.

"Vater, schau mal." Ich hielt ihm eine Zeichnung hin, die ich gemacht hatte.

"Psst!"

"Vater, kannst du ..."

Er hörte zu. Allerdings nicht mir.

Wo lag dieses Österreich, das Hitler im Frühling an Deutschland angeschlossen hatte? Das war gar nicht nett gewesen, oder? So wütend, wie Papa dreingeschaut hatte.

Hitler. Im Radio sprachen sie nur noch von Hitler. Der musste ein wichtiger Mann sein in Deutschland. Warum konnte der die deutschen Juden nicht leiden? So musste es nämlich sein. Sonst würde er ihnen ja nicht das Leben schwermachen. Davon erzählten sie immer im Radio.

"Vater ..."

"Psst!"

Oder warum sonst sollte er die Juden nur zu bestimmten Zeiten ihr Essen kaufen lassen? Oder sie verhaften und ins Gefängnis werfen? Nur dass das Gefängnis Lager hieß. Aber Holland war ja nicht Deutschland. Ich lächelte. Ein Glück! Wenn wir in Deutschland lebten, wäre er zu uns ja vielleicht genauso. Dieser Hitler musste auch der Mann sein, der den Deutschen gerade erlaubt hatte, den Juden ihre Sachen zu stehlen. Wenn sie etwas haben wollten, durften sie es sich einfach nehmen. Oder es verbrennen. Die Deutschen durften die Juden sogar verhaften, einfach so.

Im Radio hieß es, dass irgendwas passiert war. Ein jüdischer Junge hatte einen deutschen Mann umgebracht. Das war natürlich nicht nett. Aber den Leuten in Deutschland zu erlauben, die ganze Nacht lang durch die Stadt zu ziehen und den Juden all diese Dinge anzutun, das war auch nicht nett. Diese Nacht hatte sogar einen eigenen Namen: Kristallnacht.

"Vater, was heißt denn Kristallnacht ?"

"Psst, Annie. Ich will das hier hören."

Das sagte er dauernd in letzter Zeit. Und das passte mir gar nicht. Früher hatte er viel mehr mit mir gesprochen, ganz lieb. Sogar mit mir gespielt hatte er. Wie sollte ich je irgendwas herausbekommen, wenn er meine Fragen nicht beantwortete? Ich stand auf. Mutter würde es mir erklären. Ich ging zu ihr ins Schlafzimmer, um mich bei ihr zu erkundigen, was Kristallnacht bedeutete, doch sie hatte schon wieder Kopfweh. Wie kann man von kranken Nieren Kopfweh bekommen?

Wie auch immer, Deutschland war ja nicht Holland. Aber trotzdem. Winterswijk lag gleich an der deutschen Grenze, keine zwanzig Minuten entfernt. So nah war das. Einige Bauern lebten so dicht an der Grenze, dass ihre Kühe in Deutschland weideten, einfach ihrem Haus gegenüber, jenseits des Feldwegs. Das wusste ich, weil mein Vater Viehhändler war und mich oft mitnahm, wenn er Kühe kaufen ging.

Ich war froh, dass wir mitten in Winterswijk wohnten, nicht so nah an Deutschland, dass man es vom Fenster aus sehen konnte. Aus meinem Fenster hatte ich eine viel schönere Aussicht: das Haus der Familie Gans, gleich auf der anderen Straßenseite. Die Gansens winkten mir oft zu, wenn ich mich abends aus dem Fenster lehnte - das alte Ehepaar und ihr großer Sohn. "Zurück ins Bett", riefen sie, "oder wir erzählen's deiner Mutter!"

Sollten sie ruhig. Solange sie es nur nicht meinen Schwestern erzählten. Von denen hatte ich zwei, Sini und Rachel. Große Schwestern, sechzehn und einundzwanzig. Und dann war da noch Marie, unser Hausmädchen, die fast so etwas wie eine Schwester war. Alle gemeinsam lebten wir in unserem Haus in der Innenstadt, weit weg von der Grenze.

Nach dieser schlimmen Nacht in Deutschland wurde in unserem Haus ein Treffen abgehalten. Die Familie Gans war dabei, alle drei, und Onkel Bram, der mit Vater den Viehhandel betrieb, und sei

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