text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Von Schatten und Licht von Bondoux, Anne-Laure (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 04.02.2016
  • Verlag: Carlsen
eBook (ePUB)
12,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Von Schatten und Licht

Der neue Roman der preisgekrönten Autorin Anne-Laure Bondoux ('Zeit der Wunder') - ein modernes Märchen voller Weisheit und Symbolik --- Hama und Bo arbeiten in derselben Fabrik, und als sie sich begegnen, ist es die große Liebe. Obwohl sie sich nicht oft sehen - Hama steht tagsüber an ihrer Maschine, Bo arbeitet nachts -, erleben sie ein unbeschwertes Glück. Doch ein Unfall ändert alles und sie müssen aus der Stadt fliehen. Es beginnt eine abenteuerliche, lange Reise ins Unbekannte, mit seltsamen Begegnungen und unerwarteten Hindernissen. Und irgendwann müssen sich Hama und Bo fragen: Kann die Liebe auch dann bestehen, wenn der gemeinsame Weg immer steiniger wird, wenn die Schatten das Licht verdrängen? Anne-Laure Bondoux träumte als Kind davon, Forschungsreisende zu werden. Nach ihrem Literaturstudium arbeitete sie als Lektorin. Ihre Bücher haben viele Preise gewonnen und wurden in zwanzig Sprachen übersetzt; ihr Roman "Die Zeit der Wunder" wurde mit dem Katholischen Kinder- und Jugendliteraturpreis und dem Gustav-Heinemann-Friedenspreis ausgezeichnet und für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Anne-Laure Bondoux lebt in der Nähe von Paris und hat zwei Kinder, die ihr inzwischen über den Kopf gewachsen sind.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 352
    Erscheinungsdatum: 04.02.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783646927726
    Verlag: Carlsen
    Größe: 1033 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Von Schatten und Licht

1

LÄRM UND STILLE

Gerade hatte das Heulen der Sirene den Tagesanbruch verkündet. Hundert Arbeiter, Männer und Frauen, bereiteten sich auf ihre Schicht vor, während hundert andere, die die ganze Nacht gearbeitet hatten, langsam ihre Maschinen verließen.

Unsere Fabrik, die einzige im Umkreis von mehreren Tausend Kilometern, die noch in Betrieb war, stellte Kriegsgerät her. Dort herrschte ständiger Lärm: Eisenträger wurden mit Hämmern bearbeitet, durchbohrt und zugeschnitten, Winden und Flaschenzüge knirschten, es entwich pfeifend Druckluft und Motoren brummten. All diese Geräusche hallten von den Pfeilern wider, auf denen das riesige gewölbte Dach der Werkshalle ruhte.

Welchen Sinn hatte unsere Arbeit? Welcher Krieg profitierte davon? Wir wussten es nicht.

Wir gehorchten lediglich verworrenen Regeln und liehen die Kraft unserer Arme unsichtbaren Großindustriellen, die nicht unsere Sprache sprachen. Das Einzige, was zählte, war der Lohn, den wir am Ende der Woche einstrichen.

Hama gehörte zur Nachtschicht. Sie hatte gerade ihre Handschuhe ausgezogen und den Schutzhelm abgenommen, das Gesicht grau vor Müdigkeit, mit steifen Händen und schmerzendem Nacken, als Bo den Mittelgang entlangkam, zwischen den Reihen von Schleifmaschinen und Walzwerken hindurch. Sie erstarrte, während er auf sie zuging, groß und kräftig und mit diesem lässigen Gang, den wir damals noch nicht kannten. (Bo war erst einen Tag zuvor eingestellt worden. Später erfuhren wir, dass er aus dem Norden kam und einer dieser Gemeinschaften von Schmieden angehört hatte, die von der Armut auf die Straße getrieben worden waren.)

Als sie einander gegenüberstanden, schien der Lärm nachzulassen, als wären die Öfen, Brückenkräne, Gießpfannen und Strangpressen plötzlich von Schnee bedeckt. Niemand stanzte mehr Löcher, niemand passte etwas an oder schweißte. Wir hatten Watte in den Ohren.

Vor unseren Augen berührten sich ihre Hände.

Ein kindliches Lächeln erhellte Hamas Gesicht und Bos große Gestalt erschauderte. Wir hätten geschworen, dass sie sich nicht zum ersten Mal trafen.

Es dauerte nur einen Moment, einige zerbrechliche, anmutige Sekunden, die wir den lähmenden Zwängen der Fabrik gestohlen hatten. Doch es genügte, um uns an etwas Wichtiges zu erinnern: Das Feuer, das im Bauch unserer Hochöfen loderte, brannte immer noch in unseren Adern. Auch wenn wir etwas anderes gedacht hatten, wir waren nicht tot.

So sahen sich Bo und Hama jeden Morgen beim Schichtwechsel wieder. Kaum war die Sirene verklungen, betrat Bo mit seinem Werkzeug und dem Helm die Halle. Er rannte fast. Hamas nächtliche Müdigkeit verflog augenblicklich, sobald sie sich zu ihm umdrehte und ihn mit einer Umarmung begrüßte.

Ihre Gesichter strahlten so sehr, dass wir geblendet die Augen schließen mussten.

Als man die beiden zum ersten Mal sonntags zusammen sah, gingen sie am Fluss spazieren. Sie liefen Hand in Hand unter einem vom Regen reingewaschenen Himmel entlang und Hamas zarte Gestalt lehnte an Bos Schulter. Ein streunender Hund hatte sich an ihre Fersen geheftet. Sie lachten. Ihre Gesten verrieten, dass sie die Nacht im selben Bett verbracht hatten, und ihre Augen, dass sie nicht viel zum Schlafen gekommen waren.

Am nächsten Sonntag sahen wir sie auf dem Großen Platz, immer noch gefolgt von dem streunenden Hund, ein kleiner Kläffer mit kohlrabenschwarzem Fell und nur einem Ohr.

Der Nordwind ließ die Pfützen zu Eis erstarren. Am selben Morgen hatte man zwei erfrorene Männer in
einem Hauseingang gefunden. Die meisten Fabrikarbeiter waren vor der Kälte in die Cafés rund um den Platz geflohen. Dort saßen sie Seite an Seite am Tresen, tranken Wein, spielten Karten, schlossen Wetten ab oder warfen Pfeile an die Hinterwand. Auf der anderen Seite der Fensterscheiben bewegten sich Bo und Hama in ihrer eigenen Welt.

Frei und ohne Mützen hatten sie den Großen Platz zu ihrem

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen