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Wir fallen nicht von Vuorela, Seita (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.09.2014
  • Verlag: Ravensburger Buchverlag
eBook (ePUB)
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Wir fallen nicht

Angenommen, ihr findet ein verlassenes Gebäude, das seit Jahren kein Erwachsener betreten hat.
Angenommen, einer von euch stürzt vom Dach die zehn Meter nach unten auf den Asphalt und ist nicht mehr da.

Nach dieser Nacht, so viel steht fest, willst du die Dunkelheit nicht mehr verlassen.
Nach dieser Nacht musst du, willst du der Dunkelheit entkommen, diese Geschichte erzählen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 352
    Erscheinungsdatum: 01.09.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783473475537
    Verlag: Ravensburger Buchverlag
    Originaltitel: Karikko
    Größe: 1407 kBytes
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Wir fallen nicht

Ich weiß, wer du bist

Wenn man Hunderte von Kilometern Autobahn gefahren ist, kennt man die Lärmschutzwände, die überall an ihr entlang verlaufen. Mal sind sie aus Metall. Mal sind es Steinmauern. Oder hohe Dämme, an denen staubige Büsche und Gräser wachsen. Manchmal wird die Schutzmauer von einem Waldstück gebildet. Für die Menschen, die an so einer Straße wohnen, sind Lärmschutzwände lebenswichtig. Das begreift man, sobald man in die Welt jenseits der Wand eintaucht. Dort schnellen die Dezibel schlagartig nach oben und das Brummen des Verkehrs verwandelt sich in ein Donnern.

Ich ließ den Campingplatz hinter mir, denn ich wollte mir die Graffiti anschauen, an denen wir beim Abbiegen von der Hauptstraße vorbeigefahren waren. Wenn ich Stress mit der Familie habe, haue ich ab und suche mir einen Ort, an dem ich allein sein kann. Auf der anderen Seite der Wand war der Verkehr in beide Richtungen so stark, dass man schon ernsthaft hätte rennen müssen, um die andere Straßenseite lebend zu erreichen. Im Auto klingt der Verkehr wie ein eintöniges Brummen, von dem man leicht einschläft. Aber das hier war etwas ganz anderes. Um hier schlafen zu können, müsste man schon tödlich verletzt sein, so als wollte man im Schützengraben schlafen, während rundherum geschossen wird.

Die Grashalme am Straßenrand wippten unter ihrer Staublast hin und her, genauso wie der Rest des kümmerlichen Lebens an der Böschung. Weil die Autofahrer achtlos Getränkedosen, Bonbontüten und Zigarettenkippen aus den Fenstern geworfen hatten, sah der Seitenstreifen aus wie eine Müllkippe - und das war er ja auch. Mitten durch diese Allee aus Abfällen rauschten die Autos, angeberisch und siegessicher. Besiegt hatten sie zum Beispiel eine Menge kleiner Waldtiere, deren Kadaver jetzt im Müll verstreut lagen. Als letzte Heldentat ihres Lebens hatten sie sich vorgenommen, die Straße zu überqueren, doch sie waren sofort von Autoreifen überrollt worden, die wie aus dem Nichts auftauchten.

So wie dieser Fuchs. Ich beugte mich zu ihm hinunter. Er musste gerade eben überfahren worden sein, denn er sah noch lebendig aus; er war noch nicht steif vom Tod. Sein Pelz glänzte golden und war noch frei vom Straßenstaub, der alles andere bedeckte. Vor nicht langer Zeit war der Fuchs im Wald herumgelaufen und hatte gemacht, was Füchse eben machen. Ich kenne mich mit Füchsen aus. Bei uns in der Gegend heißen sie Stadtfüchse und hausen an denselben verlassenen Orten wie wir Jungs. Sie fressen aus Mülltonnen und verstecken sich in Abbruchhäusern. Wir kommen gut miteinander klar, bei den Füchsen können wir unsere Coolness ablegen. Nehmen wir zum Beispiel einen vierzehnjährigen Jungen, der zuerst am Computer Tausende Feinde niedermetzelt und dann in die Küche geht und mit dem Familiendackel schmust. Tieren können wir das geben, was Eltern und Mädchen von uns nicht bekommen, weil wir Angst haben, das Gesicht zu verlieren, oder aus irgendwelchen anderen Gründen. Diesen Fuchs hätte ich gerne umarmt; er erinnerte mich an Noel. Seine Bewegungen waren wie unsere Bewegungen bei unseren Crossläufen durch den Wald, rennen, ohne anzuhalten. Seine Kraft war wie unsere Kraft. Sein Leben wie unser Leben. Sein Tod - wie der Tod jedes Lebewesens.

Ob der Geist des Fuchses noch irgendwo in der Nähe herumschwebte? Weit konnte er jedenfalls nicht gekommen sein. Vielleicht würde ich es herausfinden, indem ich mich mit der Wange auf die Erde legen und meine Nase an die Fuchsschnauze drücken würde.

Da lagen wir nun wie zwei Freunde, die der Verkehr niedergemäht hatte. Ich versuchte, dem Fuchs in die Augen zu sehen, und dachte darüber nach, was es bedeutete, wenn Augen tot waren, und ob ihnen etwas fehlte. Und ja, es fehlte etwas. Der Fuchs hatte keinen Blick. Er sah mich nicht an. Was hier lag, war nur der Körper, der Fuchs selbst war woanders. Was sah ich in seinen Augen? Ich sah, dass sie die Landschaft widerspiegelten. Ich sah ein S

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