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Zusammen allein Roman von Bruder, Karin (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.09.2010
  • Verlag: dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
eBook (ePUB)
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Zusammen allein

Von der Liebe in Zeiten der Diktatur Von heute auf morgen steht Agnes allein da. Nacheinander sind ihre Eltern in den Westen gereist und dort geblieben. Selbst die begehrte Westjeans und die Zusicherung ihrer Eltern, sie bald nachzuholen, können Agnes' Enttäuschung nicht lindern. Und obwohl sie fortan die ganze Härte des Ceau?escu-Regimes zu spüren bekommt, liebt sie ihre Heimat und will jetzt erst recht nicht fort. Erst als sie ohnmächtig mit ansehen muss, wie ihre große Liebe Petre in die Mühlen des staatlichen Unrechtssystems gerät und fast zerbricht, erkennt sie, dass ein menschenwürdiges Leben nur unter menschenwürdigen Bedingungen gelebt werden kann und jeder seinen Beitrag gegen Willkür und Unterdrückung leisten muss. Nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2011 (Sparte Jugendbuch) Unter den besten 7 Büchern für junge Leser, Januar 2011 (Deutschlandfunk-Bestenliste) Jugendbuch des Monats Oktober 2010 der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur e.V. Karin Bruder , in Kronstadt/Rumänien geboren, lebt seit 1970 in Deutschland. Sie leitet u. a. Schreibwerkstätten an Schulen und beim Bildungszentrum für politische Bildung Baden-Württemberg. Für "Zusammen allein" erhielt sie den Frau Ava Literaturpreis 2007 und wurde für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2011 nominiert. Karin Bruder lebt in Waldbronn.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 272
    Erscheinungsdatum: 01.09.2010
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783423402781
    Verlag: dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
    Größe: 1444 kBytes
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Zusammen allein

2

"Was hast du getan?", fragte Gicuonkel drei Wochen später.

Ich dachte an die leeren Gläser, ich dachte an die verbrannten Zeitschriften. Wenigstens den Katalog hätte ich leben lassen sollen.

"Du blöde Kuh hast in der Schule herumerzählt, dass du bei uns wohnst, der Hausmeister hat es mir erzählt." Erstaunt schaute ich vom Abendessen auf. Selbst der halbseitig gelähmte Großvater vergaß seinen Getreidebrei zu löffeln.

"Joi, sowieso wissen sie es. Wieso dieser Wind?", bremste ihn meine Tante. "Oder glaubst du, dass irgendetwas in diesem Land passiert, von dem sie nichts wissen? In jeder Kakerlake steckt eine Wanze."

Doch ihr Mann, dem ich beleidigt den Titel: "Mein ehemaliger Onkel" verliehen hatte, war nicht zu bremsen. Wie ein Auto mit gelöster Handbremse rollte er den Berg hinunter, direkt auf mich zu. "Die können es von mir aus wissen, doch die ganze Stadt muss es nicht erfahren. Ich bin Briefbote gewesen, man kennt mich, man wird mich schräg anschauen, wenn ich eine Saboteurin beherberge."

"Was redest du, du Depp? Ihre Eltern haben nur das Land verlassen, wie du das am liebsten auch machen würdest."

"So, würde ich das, woher willst du das wissen? Und red noch lauter, damit es auch die Nachbarn hören. Damit ich meine Stelle wieder wechseln muss. Ihr Sachsen seid unser Untergang. Aber jetzt sind wir die Herren, klar?" Sein Blick traf mich wie ein Messer. "Klar?", wiederholte er lautstark. Alle Nachbarn konnten es hören.

Die Zwillinge bissen sich auf die Lippen, sie grinsten ein bisschen, sie fürchteten sich ein bisschen. Die Hand ihres Vaters war schnell, und man wusste nie, wo sie landen würde.

"Wasch isch insch disch gefahrschen?", nuschelte der halbseitig gelähmte Großvater. Keiner verstand ihn. Ich duckte mich unter Gicus rumänischem Worthagel, der immer noch andauerte.

"Du gehörst zur Familie, du bist unser Gast, du tust, was ich dir sage. Und du lässt die Finger von meinem Plattenspieler."

"Das war ich nicht."

"Wie sie lügt, es ist unglaublich. Nicht rot, sondern lila wird sie dabei."

Ein Blick zu den Zwillingen bewies, dass es ihre Gesichter waren, die sich dunkel verfärbt hatten.

"Was willst du eigentlich von mir?" Ich war aufgesprungen, was ein Fehler war. Meine Beine zitterten.

"Keinen Ärger. Die Gäste, die man nicht bemerkt, sind mir die liebsten", plusterte er sich auf.

Nun reichte es auch meiner Tante. Auch sie erhob sich, versuchte zu beschwichtigen, versuchte einzulenken. Nichts sei geschehen, absolut nichts, betonte sie, und ihre Stimme nahm jene Festigkeit an, die zu ihrer Körpermasse passte. Doch dann holte mein ehemaliger Onkel zu einem neuen Schlag aus und beendete jede mögliche Versöhnung.

"Aber sie frisst für zwei, dabei bekommen wir nur für eine bezahlt und das auch noch sehr knapp. Hast du gehört, knapp. Ihre Eltern sind Geizhälse. Sie sitzen wie die Maden im Speck, und uns haben sie vergessen." Mit einem Ruck wandte er sich wieder mir zu. Seine Achselhaare stachen wie borstige Stacheln unter den Rändern seines Unterhemdes hervor. "Hast du schon ein Paket bekommen, hast du? Ich jedenfalls hab keins gesehen?"

"Mamusch ist erst seit ein paar Wochen weg. Sie wird Pakete schicken, sie wird Geld schicken."

"Hoffentlich bald, sonst ..."

"Was sonst?"

"Sonst kannst du zu deiner Großmutter, der Hure, ziehen, kapiert. Die weiß sowieso nicht, wohin mit ihrem Zaster."

Es war heraus, das lang gehütete Familiengeheimnis. Ein Zischen machte die Runde am Tisch. Erst zischte meine Tante, dann stieß der Großvater, von dem ich angenommen hatte, dass er kaum etwas verstand, Luft zwischen einer seiner Zahnlücken aus. Am Schluss entließ sogar mein ehemaliger Onkel einen merkwürdig dumpfen Laut.

So erfuhr ich bei einem verpatzten Abendessen, drei Wochen nachdem ich zu fast hundert Prozent Vollwaise geworden war, dass eine mein

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