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13A von Lehner, Fritz (eBook)

  • Verlag: Seifert Verlag
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13A

Als Lisa ihn sah, wusste sie es. Das war der Mann, den sie töten wollte. Das Warten hatte sich gelohnt. Wagner hatte um ihr Kommen gebettelt. Er wollte nicht allein sein, wenn er das Grab des Serienkillers besuchte. Wahrscheinlich war der alte Mann jetzt darauf aus, dass Lisa ihm alles erzählte über die Befreiung der Seestadt von ihrem Serienmörder, angefangen von den ersten Schneeflocken auf dem Gesicht des toten Killers bis zu seiner Iris, weit geöffnet, himmelblau, alles begreifend. An sie konnte sich Lisa besser erinnern als an die eigenen Schreie. Daran musste sie denken, während sie durch die Gärten des Belvedere zurück zu ihrer kleinen Wohnung schlenderte, unweit der Endstelle der Buslinie 13A. Lisa hatte damals die Seestadt verlassen und war ins Sonnwendviertel gezogen. Auch wenn der Friedhofsbesuch erfolgreich gewesen war, wie konnte sie jetzt noch mit Kellermann reden, wenn er nur mehr Asche war? Dabei hatte sie so viele Fragen: Wie lange dauerte die Euphorie nach dem Mord, und sah man es einem an? Sandra würde vielleicht nur denken, Lisa sei verliebt. Die schöne Anwältin Sandra. Dieses Raubtier hatte es zu etwas gebracht. Warum nicht auch Lisa? Fritz Lehner, geb. 1948 in Freistadt, OÖ. Absolvent der Hochschule für Film und Fernsehen, Wien. Mitglied der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste, Frankfurt sowie der Akademie der Künste, Berlin. Vielfach ausgezeichnetes Filmschaffen, u. a. : 'Schöne Tage', 'Mit meinen heißen Tränen', 'Jedermanns Fest'. Bisherige Publikationen: '?' (2003), Metropol-Trilogie (2004-2006), 'Der Schneeflockenforscher' (2008), 'Margolin' (2012), 'Vor dem Angriff' (2014), 'Seestadt' (2016, Shortlist zum Leo-Perutz-Preis der Stadt Wien) und 'Nitro' (2017).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 292
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783902924834
    Verlag: Seifert Verlag
    Größe: 334 kBytes
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13A

1

Helmut-Zilk-Park


A ls Lisa ihn sah, wusste sie es. Das war der Mann, den sie töten wollte. Das Warten hatte sich gelohnt. Niemand war geeigneter als er. Wagner kam ihr vor wie ein Geschenk des Himmels. Oder der Hölle. Dort, wo Kellermann jetzt schon war. Ihr Geliebter. Seit einem Jahr tot. Auf den Tag genau. Deswegen war sie heute auch hier, im Urnenhain des Wiener Zentralfriedhofs, im großen Hof, zwischen den Arkaden, bei den Birken. Nach einem Anruf von Wagner. Der alte Mann hatte um ihr Kommen gebettelt. Er wollte nicht allein sein, wenn er das Grab des Serienkillers besuchte. Kellermann war nach insgesamt sieben Morden in der Seestadt auf der Janis-Joplin-Promenade verreckt, im eigenen Blut ertrunken. Lisa hatte sich über ihn gebeugt, über seine noch warme Leiche, alles ausgekostet, ihren Mantel noch immer nicht gereinigt. Wagner hatte den großen Augenblick versäumt, die Befreiung der Seestadt von ihrem Serienmörder. Wahrscheinlich war der alte Mann jetzt darauf aus, dass sie ihm alles erzählte, angefangen von den ersten Schneeflocken an diesem 17. November auf dem Gesicht des toten Killers bis zu seiner Iris, weit geöffnet, himmelblau, alles begreifend, daran konnte sich Lisa besser erinnern als an die eigenen Schreie.

Der alte Mann kam auf sie zu, reichte ihr die Hand, eine noch immer kalte Hand. Fast hätte er sie umarmt. Lisa beglückte diese Zutraulichkeit, sie würde alles leichter machen, die Suche nach der Vene, das Setzen der Spritze, das Töten. Schon als Krankenschwester hatte sie einige Male daran gedacht, nicht nur bei Wagner, wenn er sie als anhänglicher Patient bis aufs Blut quälte, auch bei anderen war ihr das Auslöschen eines Lebens in den Sinn gekommen. Lysthenox hätte sich am besten geeignet. Noch immer. Lisa hatte in ihrem Versteck genug davon, elegant gestohlen, ohne Mühe oder Kontrolle in ihrer großen Handtasche aus dem Spital nach Hause gebracht. Was machte es da aus, dass sie für den Diebstahl von Psychopax und Morphin gekündigt worden war? Sogar Kellermann hatte sie dafür geschätzt und bewundert, weil sie anfing, zu ihm zu gehören, weil sie fast ein Killerpaar geworden wären.

"Lisa, Sie sehen gut aus, sehr gut, Sie haben sich nicht verändert."

"Doch, doch, innerlich."

"Der Schmerz, das Trauerjahr, ich weiß. Auch mir fehlt Kellermann. Sie hätten nicht wegziehen dürfen aus der Seestadt. Ich sterbe vor Langeweile ohne Sie, ohne Serienmorde."

"Wo ist das Grab?" Lisa blickte sich um.

"Kein Grab, nichts mit Erde, eine Nische. Ein Loch in der Mauer. Kommen Sie! Mein Gott, was würde ich dafür geben, hätten wir in der Seestadt richtige Bäume, unsere sind zu jung, ich muss auf den Friedhof kommen, wenn ich in meinem Alter noch ausgewachsene Birken sehen will. Sie wohnen jetzt beim neuen Hauptbahnhof?"

Wagner führte Lisa die Mauer entlang.

"Geduld, Geduld, Lisa! Seine Asche läuft uns nicht davon. Mitten in Wien, ist es da besser?"

"Ja. Hier kennt mich niemand. Die Geliebte des Serienkillers."

"Sieben Tote, was für eine schöne Zahl, eine Gnade. Trotzdem schade, dass es nicht mehr geworden sind, die Seestadt hätte eine Zugabe verdient. Aber wer weiß, vielleicht steigt Kellermann aus der Asche und kommt wieder."

"Oder ein anderer tut es für ihn. Setzt seine Morde fort. Oder beginnt von vorne. Nicht in der Seestadt, sondern hier, mitten in Wien."

"Aussichtslos. Alles jämmerlich. Die toten Mädchen am Donaukanal, erbärmlich! Zu wenige! Hilflose Geschöpfe, Spraylack in den Mund, ich bitte Sie! An Kellermann kommt niemand heran. Niemand. Von Mann zu Mann, wie in einer Schlacht, das ist es. Ein Bajonett ist nicht brutal, denn wenn man es kann, ist es sauber, es riecht nach Blut und nicht nach Farbe. Kellermann konnte es. Das ist seine Nische."

Lisa dachte an ihre Spritze. Sie würde alles überbieten. Sauberkei

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