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Am Abgrund aller Dinge Roman von Carofiglio, Gianrico (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 20.04.2015
  • Verlag: Goldmann
eBook (ePUB)
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Am Abgrund aller Dinge

Eine gefährliche Freundschaft, die Faszination des Bösen und die Sprache der Gewalt. In der Umgebung von Bari wird ein Mann namens Salvatore bei einem Bankraub erschossen. Als Enrico Vallesi davon in der Zeitung liest, kommen lange verdrängte Erinnerungen an seine Kindheit hoch. Er war ein verschlossener Jugendlicher, der mit sechzehn Jahren beschloss, sich gegen Ungerechtigkeiten zu wehren. Salvatore, ein älterer Mitschüler, bot ihm damals an, mit ihm zu trainieren. In einer Wohnung fand die geheime Ausbildung zum Schläger statt, die äußerst brutal verlief. Enrico führte eine Art Doppelleben: zu Hause der angepasste Schüler, bei Salvatore der hartgesottene Kämpfer. Während seiner Spurensuche in der Vergangenheit merkt Enrico, dass die Stunde der Wahrheit gekommen ist und er endlich Frieden finden muss. Gianrico Carofiglio wurde 1961 in Bari geboren und arbeitete in seiner Heimatstadt viele Jahre als Antimafia-Staatsanwalt. 2007 war er als Berater des italienischen Parlaments für den Bereich organisierte Kriminalität tätig. Von 2008 bis 2013 war Gianrico Carofiglio Mitglied des italienischen Senats. Berühmt gemacht haben ihn vor allem seine Romane um den Anwalt Guido Guerrieri. Carofiglios Bücher feierten sensationelle Erfolge, wurden bisher in 27 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen literarischen Preisen geehrt, u.a. mit dem Radio Bremen Krimipreis 2008. Er lebt mit seiner Familie in Bari.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 290
    Erscheinungsdatum: 20.04.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641123307
    Verlag: Goldmann
    Originaltitel: Il Bordo Vertiginoso Delle Cose
    Größe: 1601 kBytes
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Am Abgrund aller Dinge

2

Die Strecke Florenz-Bologna hat weniger als vierzig Minuten gedauert.

Der Bahnhof von Bologna ist genau wie immer. Das heißt, er ist nicht genau wie immer, aber er gibt einem das immer gleiche Gefühl. Ein Durchgangsort, ein Angelpunkt, ein Ort, an dem man auf der Schiene bleibt oder davon abkommt und im Graben landet.

Du sitzt im Zug, der dich nach Bari bringt. Ein schöner Zug, sauber und erstaunlich wohlriechend. Oder vielleicht, sagst du dir, ist es die Dame neben dir, die diesen zarten Geruch nach Seife und Puder verströmt. Sie sieht ganz unscheinbar aus, aber offenbar duftet sie. Geruch war schon immer ein diskriminierendes Element. Angenehm zu riechen ist ein mitunter geradezu entscheidendes Plus. Mal ehrlich: In manchen wegweisenden Momenten deines Lebens war es entscheidend. Du überlegst, dass das ein guter Aufhänger für eine Erzählung wäre, eine Liste der Düfte, die mit den wegweisenden Momenten deines Lebens verknüpft sind. Bisweilen passiert es dir noch, dass du überlegst, was ein guter Aufhänger für eine Erzählung oder einen Roman sein könnte. Aber die Ideen sind schneller wieder weg, als du sie notieren könntest - außerdem trägst du schon seit Ewigkeiten kein Notizbuch mehr bei dir. Sie flattern einfach davon, ohne noch Schmerz oder Traurigkeit zu hinterlassen. Nur einen Hauch Wehmut.

Einen Hauch.

Du lehnst dich zurück und denkst, dass dir die Vorstellung, nichts tun zu müssen, gefällt. Wenn du dich langweilst, kannst du dein Buch herausholen, aber im Augenblick willst du nur diesem kaum hörbaren Knistern der Seele lauschen. Dich auf etwas konzentrieren und den Gedanken freien Lauf lassen.

Und so geschieht es. Der Gedankenfluss rauscht dahin - zu anderen Zeiten hättest du gesagt: der Bewusstseinsfluss, aber diese Zeiten liegen weit zurück. So weit, dass du dich hin und wieder fragst, ob es sie je gegeben hat. Die nächste Frage lautet: Wieso stellst du dir dauernd so alberne Fragen?

Die Dame neben dir, die nach Seife und Puder duftet (inzwischen bist du dir sicher: Sie ist es, die duftet, und nicht der Zug), hat ein Sandwich gegessen und ein paar Schlucke Wasser getrunken. Jetzt holt sie ein Buch und einen Bleistift aus der Tasche und beginnt zu lesen. Ab und zu unterstreicht sie eine Stelle oder vermerkt etwas am Seitenrand. Die Neugier herauszufinden, was die Menschen, denen du begegnest, lesen, ist dir geblieben, und so verdrehst du möglichst unauffällig den Kopf, um zu sehen, welches Buch deine Nachbarin in der Hand hält. Du zuckst überrascht zusammen. Es ist Tonio Kröger , die Erzählung kennst du gut. Du hast sie vor Jahren in deiner Jugend gelesen, in der Phase, in der du alles verschlungen hast, was Thomas Mann je geschrieben hat. Lange Zeit hast du behauptet, er sei dein Lieblingsschriftsteller, und gedacht - auch wenn du es nie jemandem gesagt hast -, Tonio Kröger enthalte Wahrheiten, die auf geradezu erschreckende Weise etwas mit dir zu tun haben.

Als die Dame aufblickt, weil sie offenbar merkt, dass du sie musterst, sprichst du sie ganz selbstverständlich an.

"Gefällt es Ihnen?"

Sie hat ein herzliches Lächeln, es macht sie richtig hübsch.

"Ich bin mir noch nicht sicher. Manches ist brillant, anderes erscheint mir ziemlich altbacken. Ich weiß nicht, vielleicht liegt es auch an der Übersetzung. Haben Sie es gelesen?"

"Vor Jahren. Ich weiß nicht, wie es wäre, es jetzt noch einmal zu lesen. Alten Kram aufzuwärmen ist ja meistens keine besonders gute Idee."

Sie lächelt abermals.

"Tja, meistens nicht. Aber manchmal kommt man nicht umhin. Alten Kram wieder aufzuwärmen, meine ich."

Jetzt gefällt dir die Dame richtig gut, und so damenhaft erscheint sie dir gar nicht mehr.

"Sie meinten, einige Dinge fänden Sie ..."

"Brillant. Ja, genau."

"Zum Beispiel?"

Sie blättert zurück, findet schließlich, was sie sucht, und liest laut v

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