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Anaconda 0.2 Roman. von Richle, Urs (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 07.10.2016
  • Verlag: Limmat Verlag
eBook (ePUB)
25,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
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Anaconda 0.2

An einer politischen Demo wird Leo, ein junger Mann von zwanzig Jahren, von einem Hartgummigeschoss der Polizei so schwer getroffen, dass er ins Koma fällt und stirbt. In ihrer Trauer schlagen die Eltern ganz unterschiedliche Wege ein. Während die Mutter einen Verein für Persönlichkeitsrechte gründet und mit dessen Hilfe den Untersuchungsbericht der Polizei attackiert, versucht der Vater herauszufinden, was für ein Leben sein Sohn geführt hat, seit er vor einem Jahr von zu Hause ausgezogen ist. Bei der Räumung des ehemaligen Kinderzimmers findet er eine seltsame, alte Spieluhr, die sich als geplante Paketbombe entpuppt. Auf der Suche nach den Personen, die mit seinem Sohn in Kontakt standen, dringt er immer tiefer in den digitalen Kampf zwischen Big-Data-Konzernen und Antiglobalisierern vor, an dem sich Leo als Hacker beteiligt hatte. Als der Vater sich von seiner Frau zunehmend zu entfremden droht und gleichzeitig feststellen muss, dass er in Leos digitalem Krieg längst seine eigene Rolle hat, fasst er einen Entschluss.

Urs Richle, geboren 1965 im Toggenburg, lebt mit seiner Familie in Genf. Er ist diplomierter Medieningenieur und veröffentlichte in den Neunzigerjahren eine Reihe von Romanen (u. a. "Das Loch in der Decke der Stube", "Mall oder das Verschwinden der Berge", "Fado Fantastico"), die in mehrere Sprachen übersetzt und mit Preisen ausgezeichnet wurden. Neben dem Schreiben arbeitet Urs Richle in Forschungsprojekten an der Universität Genf und als Dozent am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 200
    Erscheinungsdatum: 07.10.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783038550730
    Verlag: Limmat Verlag
    Größe: 1020kBytes
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Anaconda 0.2

Liberact

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Um halb fünf trat ich aus meinem Büro, eine halbe Stunde früher als sonst. Niemand bemerkte mein Weggehen. Der Conda war da, oder er war nicht da, das kam so ziemlich auf dasselbe raus. Das modulare Sicherheitssystem, das ich am hml , dem Human Machine Laboratory, seit einigen Jahren betreute, musste auch ohne mich auskommen: Videoüberwachung, biometrische Schlüssel, automatische Türverriegelungen, Zugangsfilter, Netzwerkbarrieren. Winzige und große Linsen lieferten Bilder von Kunden im Kontinuum an einen Server unseres Instituts, auf dem sie nach drei Monaten und ein paar Stunden automatisch wieder gelöscht wurden. Über hundert solcher Kameras hatte ich in den vergangenen fünfzehn Jahren bei Banken, Versicherungen und Privatleuten installiert, die alle zusammen täglich eine gigantische Menge Bilder produzierten, Bilder der Gefahrenleere, der Kapitalisierungsstatik, der Hochsicherheitsinformatik, mein Kompetenznachweis.

Parallel dazu schrieb ich Algorithmen für neuronale Netzwerke im Bereich der Emotionserkennung für effiziente Entscheidungsfindung, das zweite Spezialgebiet des hml . Produkte und Kommunikationskanäle, Schnittstellen und Bedienungsoberflächen von Werkzeugen und Apparaten wer den mit sensorischer Intelligenz ausgestattet, um auf Kundenverhalten zu reagieren und effizienter und schließlich gewinnbringender zu agieren. Aber als Forscher interessierten mich die ökonomischen Ziele nicht. Ich konzentrierte mich auf die Funktionen, die kleine Berechnungen und Anweisungen ausführten, und organisierte meinen Code chaotisch, organisch beinah, als handle es sich um eine lose Ansammlung von Gewürzen. Die ständig wachsende Modulbibliothek war meine Küche, in der ich eine gewisse Unordnung so lange als Schutzmechanismus praktizierte, bis ich selbst darin die Übersicht verlor. Das Ganze war so kompliziert geworden, dass nicht vorauszusehen war, was alles passieren würde, wenn das Programm einmal lief. Aber es funktionierte und zeigte Zahlen und Buchstaben an. Das Fenster öffnete sich brav genau so, wie ich es vorgesehen hatte, und präsentierte die absolut unspektakulären Ergebnisse am Bildschirm. Nur ich vermochte sie zu interpretieren und wusste, was im Innern des Computers ablief, sah vor meinem inneren Auge, wie eine Funktion nach der anderen ausgelöst und durchgerechnet wurde, quer durch den wirren Wald der konstruierten Module, der verketteten Objekte, durch die Vernetzungen und Verlinkungen dieses künstlichen Hirns. Ich war der Herrscher und der Beherrschte zugleich. Ich sah und kontrollierte und sah, was ich kontrollierte. Meine Gedankenwelt war die eines Hologramm-Künstlers.

Ich ließ mein Fahrrad auf dem Platz vor dem Institut stehen, stellte mich mit meiner Aktentasche zwei Straßen weiter an die Haltestelle. Der Bus fuhr pünktlich, und 45 Minuten später überquerte ich am anderen Ende der Stadt den weiten, von alten Autos und ausrangierten Lastwagen verstellten Parkplatz. Neben einem lahmen Igluzelt rauchte eine Feuer stelle, aufgeschlitzte Matratzen lagen davor, zerschlagene Wodkaflaschen, Bierdosen, Reste eines gebratenen Huhns. Ein Hund schoss auf mich zu, bellte, rannte wieder weg. Auf der linken Seite standen riesige, durch ein weites Rohrleitungsnetz verbundene Öltanks, ein Lastwagen fuhr vor und wieder weg, im Schritttempo, schleichend, als wartete er auf bessere Zeiten. Die Lagerhalle lag im hinteren Teil neben dem halbeingestürzten Wachturm. Ich war schon einmal hier gewesen, dann aber auf halbem Weg wieder umgekehrt, weil Leo mir entgegen gekommen war und mir den Zugang verweigerte. Diesmal stieß ich das Blechtor auf und tastete mich durch das Chaos, einen Fuß vor den andern setzend, durch die blinden Flecken meines Sohnes tappend. Die ursprüngliche Einfahrtshalle war in eine große Küche umfunktioniert worden. Mehrere Tische und Stühle standen im Raum verteilt, zwei Sofawracks an der Wand, ein kleiner Kühlschrank in der Ecke.

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