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Außenseiter von Francis, Dick (eBook)

  • Verlag: Diogenes
eBook (ePUB)
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Außenseiter

John Kendall, Verfasser von Ratgebern für Überlebenstraining, nimmt das Angebot an, die Biographie eines Pferdetrainers zu schreiben. Als er seine Recherchen auf dem Trainingshof aufnimmt, scheint er es mit dem Auftrag gut getroffen zu haben. Doch dieses Gefühl verwandelt sich in Entsetzen: Er muss erfahren, dass die düsteren Vorfälle im ländlichen England den Gefahren des Dschungels in nichts nachstehen. Dick Francis, geboren 1920, war viele Jahre Englands erfolgreichster Jockey, bis ein mysteriöser Sturz 1956 seine Karriere beendete. Fast 50 Jahre lang schrieb er Thriller, die das Pferderenn- und Wettmilieu als Hintergrund haben. Seine 42 Romane wurden alle Bestseller. Dick Francis starb 2010.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 400
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783257606836
    Verlag: Diogenes
    Größe: 785 kBytes
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Außenseiter

{7} 1

I ch hatte einen Auftrag angenommen, der von vier anderen Autoren bereits abgelehnt worden war, doch war ich damals ziemlich hungrig.

Obwohl die Aussicht auf ein Hungerleiderdasein in einer Dachkammer im Jahr zuvor noch recht verlockend gewesen war, nahm die Wirklichkeit im verschneiten Januar unter den eingefrorenen Regenrinnen des Hauses der Tante eines Freundes dramatische Formen an. Da mir ein entsprechendes Einkommen, das mich einigermaßen ernährt und gekleidet hätte, fehlte, war ich zur allzu leichten Beute für überstürzte Entscheidungen geworden.

An meinem Zustand war ich natürlich selbst schuld. Ohne Schwierigkeiten hätte ich mich nach einer gutbezahlten körperlichen Betätigung umsehen können; ich mußte nicht zitternd vor Kälte in einem Skianzug herumsitzen, an einem Bleistiftstummel herumkauen, mich über mein Notizbuch beugen und an mir selbst, meinen Fähigkeiten und den Hirngespinsten, die mir durch den Kopf jagten, verzweifeln.

Die spartanische Ungemütlichkeit war auch nicht dem Sumpf des Selbstmitleids, das aus dem Elend des Versagens entspringt, zuzuschreiben. Nein, es handelte sich vielmehr um den bodenlosen Tiefpunkt zwischen zwei berauschenden Gipfeln, nämlich der kurz zuvor erfolgten Zusage, daß mein erster Roman veröffentlich werden sollte, und dem noch weit entfernten Zeitpunkt, zu dem er sich in die höchsten literarischen Umlaufbahnen katapultieren würde. Nach der berauschenden Entgegennahme der ersten Vorschußzahlung und ihrer alsbaldigen Aufteilung in alte {8} Schulden, aktuelle Lebenskosten und die Miete für die nächsten sechs Monate im voraus hatte jetzt die Ernüchterung eingesetzt.

Zwei Jahre sollten genügen, hatte ich mir gedacht, als ich der Sicherheit eines geregelten Einkommens Lebewohl sagte: Wenn es mir nicht gelingt, innerhalb von zwei Jahren veröffentlicht zu werden, dann will ich gerne zugeben, daß der Zwang zu schreiben eine fixe Idee ist, und mich wieder auf den gesunden Menschenverstand verlassen. Es war schon ein verzweifelter Schritt gewesen, auf die Gehaltsüberweisungen einfach zu husten, doch ich hatte versucht, vor der Arbeit zu schreiben, nach der Arbeit, im Zug und am Wochenende. Es war jedoch nur Müll dabei herausgekommen. Eine übersehbare Zeitspanne in stiller Abgeschiedenheit, ohne Vorwände und Ausreden, so hatte ich es mir ausgemalt, würde die Sache so oder so klären. Die anfängliche Überdrehtheit tat meinem intensiven Gefühl des Glücks keinen Abbruch; ich hatte die Zehen in die ersten Spalten der Felswand gesetzt.

Da ich mich mit dem Überleben in widrigen Umständen zufällig recht gut auskannte, konnte die Aussicht auf magere Zeiten mich nicht besonders schrecken. Im Gegenteil, ich freute mich darauf, wie auf eine Art Bewährungsprobe für meinen Scharfsinn. Was ich nicht berücksichtigt hatte, war die Tatsache, daß man schon vom Herumsitzen und Nachdenken allein ordentlich friert. Ich hatte nicht gewußt, daß ein beschäftigtes Hirn den inaktiven Händen und Füßen klammheimlich Wärme entzieht. Bei meinen sämtlichen vorherigen Erfahrungen mit extremer Kälte war ich immer in Bewegung gewesen.

Der Brief von Ronnie Curzon kam an einem besonders kalten Morgen, als sich die Eisblumen wie eine halb heruntergelassene Jalousie über die Innenseite des Dachfensters im Haus der Tante meines Freundes ausbreiteten. Dieses Fenster, mit seiner schönen Aussicht über die Themse bei Chiswick, über die dahinsegelnden Möwen und den Schlamm bei Ebbe, dieses Fenster, {9} meine Wonne, hatte am meisten dafür gesorgt, daß sich meine Hirngespinste in Worte verwandelten. Ich hatte einen Stuhl auf ein Podest gerückt, damit ich von dort beim Schreiben den weiten Blick über den baumgesäumten Horizont von Kew Gardens genießen konnte. Noch nie hatte ich bislang einen auch nur halbwegs passablen Satz zustande gebracht, wenn ich direkt auf eine weiße Wand schaute.

"Lieber John"

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