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Brandgeruch Roman von Margolina, Sonja (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 03.09.2011
  • Verlag: Bloomsbury
eBook (ePUB)
10,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
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Brandgeruch

Die Perestroika bereitet dem Sowjetreich ein Ende. Agent Nikolaj Gribojedow, auf Mission in der DDR, wartet auf Anweisungen aus Moskau - vergeblich. Er beginnt eine neue Existenz in Berlin aufzubauen. Doch kaum hat er sich in seinem Leben als Zivilist eingerichtet, bekommt er den langen Arm des Geheimdienstes zu spüren und wird auf eine undurchsichtige Mission in ein orthodoxes Kloster geschickt.
In Moskau sitzt eine Künstlerin auf der Anklagebank. Der Vorwurf: Beleidigung religiöser Gefühle. Zwar gelingt es ihr, sich nach Berlin abzusetzen, doch dort verliert sich ihre Spur. Die Journalistin Tanja Legat beginnt Nachforschungen anzustellen, die sie in ein orthodoxes Kloster in Deutschland führen. Dort stößt sie nicht nur auf einen unheimlichen Staat im Staate, sondern auch auf einen geheimnisvollen Mann, der in einer Gemeinschaft religiöser Eiferer mehr als deplatziert wirkt. Wer ist dieser Mann, mit dem sie sich in eine Amour fou stürzt, was ist seine Aufgabe in Deutschland und was weiß er über die Verbindungen von Kirche und Geheimdienst?
Hierzulande sind Verschwörungstheorien verpönt, wenn man dagegen nach Russland blickt, scheinen sie oft das einzige Mittel zu sein, um sich seltsame, undurchschaubare Vorgänge zu erklären. In Brandgeruch öffnet Sonja Margolina diesen Blick auf das System Russland und die Verbindungen zwischen Kirche und Geheimdienst, denen - so steht zu befürchten - die Realität nicht viel hinzuzufügen hat.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 320
    Erscheinungsdatum: 03.09.2011
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783827075079
    Verlag: Bloomsbury
    Größe: 270 kBytes
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Brandgeruch

DEUTSCHLAND ÜBER ALLES

Von den fünf Absolventen seines Lehrgangs, die sich freiwillig zum Kriegseinsatz gemeldet hatten, kehrten drei in Zinksärgen zurück. Fracht 200 hießen diese Lieferungen mit den verstümmelten Leichen. Dem angehenden Agenten Nikolaj Gribojedow wurde die Ehre zuteil, eine dieser Ladungen mit den sterblichen Überresten eines gefallenen Freundes in dessen Heimat zu begleiten, ein kleines, abgelegenes Kaff im Norden.

Erbarmungslos war der Sarg auf der Fahrt des Kleinbusses über die holprige Landstraße durchgerüttelt worden, und Gribojedow, der ihn die ganze Zeit über hatte festhalten müssen, war halbtot vor Erschöpfung, als er am Haus der Familie ankam. Kaum war die Fracht ausgeladen, stürzte sich die Mutter des Gefallenen heulend auf ihn, versetzte ihm Faustschläge und stieß Flüche aus. Zwei angetrunkene Männer zerrten sie von ihm weg, doch sie hörte nicht auf zu schreien und verlangte, dass der Sarg geöffnet werde. Sie war überzeugt, dass man ihr die Leiche eines Fremden unterschieben wollte. Doch der Sarg war bereits in Afghanistan fest verschweißt worden. Vorsorglich, damit die verzweifelten Angehörigen nicht zu sehen bekamen, was von ihren Liebsten übrig geblieben war.

Die kleine Prozession aus ein paar alterslosen Frauen, betrunkenen Männern und eingeschüchterten Kindern machte sich, begleitet von einer Meute herrenloser Hunde, schweigend auf den Weg zum Dorffriedhof. Musik gab es keine. Auf dem von Unkraut überwucherten Friedhof sah Gribojedow zwei frisch aufgeschüttete Gräber, auf denen verblichene Papierblumenkränze lagen. Zwei Jungen aus der Ortschaft waren bereits in Zinksärgen zurückgekehrt. Auf ihren Gräbern erhoben sich kleine Pyramiden aus grau gestrichenem Holz mit Fotos der Gefallenen, darunter standen ihre Geburts- und Todesdaten. Außer dem roten Stern auf der Spitze wies nichts darauf hin, dass hier Zwanzigjährige in Erfüllung ihrer "internationalen" Pflicht gefallen waren.

Für die letzte Ruhestätte der jüngsten Fracht 200 war in der schweren Tonerde eine Grube ausgehoben worden. Schweigend und ohne die Papirossi aus dem Mund zu nehmen, ließen die Männer den Sarg hinab, schluchzende Frauen warfen eine Handvoll Heimaterde darauf und machten sich anschließend wieder auf den Heimweg. Die Mutter des Toten, die nicht mehr weinen konnte und in eine Art Starre verfallen war, musste von den anderen Frauen fast über den staubigen Boden geschleift werden. Für die Teilnahme am Leichenschmaus hatte Gribojedow sich entschuldigt, weil er es sonst nicht mehr zu seinem Zug nach Moskau geschafft hätte. Der aufgelösten Mutter konnte er kaum in die Augen sehen.

Was das Schicksal auch für ihn bereithalten mochte, Leute seinesgleichen waren nicht für solche Zinkkisten bestimmt. Auf den besten Absolventen der militärisch-diplomatischen Akademie und vielversprechenden Mitarbeiter der I. Hauptverwaltung Aufklärung des KGB wartete eine andere Zukunft. Seit nunmehr einem Jahr bereitete er sich auf seinen ersten Auslandseinsatz in der Hamburger Residentur vor. Die Papiere zur diplomatischen Deckung waren bereits unterwegs. Im Zug versuchte er, sich von den unangenehmen Gedanken an die Bestattung abzulenken, indem er von seiner bevorstehenden Mission in der Hafenstadt träumte. Er stellte sich vor, wie er auf einem weißen Dampfer ins offene Meer stach, sah die bleierne Weite der Nordsee vor sich, hörte das Hupen der gigantischen Containerschiffe und schmeckte das Salz im feuchten Wind.

Das monotone Rattern des Zugs ließ ihn einnicken.

Doch zurück in Moskau erwartete ihn die Nachricht, er werde statt nach Hamburg zur Westgruppe in die DDR abkommandiert. In ein sozialistisches Land, noch dazu in eine Militärgarnison, sandte man allenfalls stupide KGB -Nichtstuer und Quoten-Parteikader, deren Ambitionen nicht über deutsches Bier und Klamotten für ihre Ehefrauen hinausgingen, wie man in der Hauptverwaltung spottete. I

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