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Das fünfte Evangelium Roman von Vandenberg, Philipp (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 18.07.2014
  • Verlag: Bastei Lübbe AG
eBook (ePUB)
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Das fünfte Evangelium

Die junge, couragierte Anne von Seydlitz ist der Verzweiflung nahe, als ihr Mann, ein Münchner Kunsthändler, bei einem mysteriösen Autounfall ums Leben kommt. Das einzige, was ihr bleibt, ist ein Film, dessen Aufnahmen alle dasselbe Motiv zeigen: ein Pergament mit einer alten koptischen Inschrift. Bald wird Anne klar, dass dieses Schriftstück ein Geheimnis birgt, denn für das Original wird ein phantastischer Preis geboten. Die Suche nach dem verschwundenen Pergament führt sie nach Paris, wo gerade ein amerikanischer Professor in die Schlagzeilen geraten ist, der einen scheinbar völlig unmotivierten Säureanschlag auf ein Bild von Leonardo da Vinci verübt hat ...

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 349
    Erscheinungsdatum: 18.07.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783838757704
    Verlag: Bastei Lübbe AG
    Größe: 1442 kBytes
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Das fünfte Evangelium

Zweites Kapitel
D ANTE UND L EONARDO
verschlüsselte Geheimnisse

1

Es ist Unsinn, wenn Menschen behaupten, jemand, der mit seinem Leben abgeschlossen hat, sei nicht bei klarem Bewusstsein. Vossius war so klar, dass ihm – entgegen sonstiger Gewohnheit – sogar ständig irgendwelche Zahlen in den Sinn kamen, Zahlen, die für ihn und die Situation, in der er sich befand, ohne jede Bedeutung waren. So überlegte er allen Ernstes, ob er wirklich zwanzig Francs ausgeben sollte für den Lift, der ihn zur dritten Plattform bringen würde, oder ob er ein paar Francs sparen und zu Fuß die Treppe bis zur ersten Plattform hinaufklettern sollte. Einer Schemazeichnung neben der Kasse entnahm er, dass jene zwar nur 57 Meter hoch lag; aber um sich zu Tode zu stürzen, genügte das allemal. Doch dann sagte er sich, du stirbst nur einmal, und er wollte Paris noch einmal von oben sehen, aus dreihundert Metern Höhe. Also reihte er sich geduldig ein in die Schlange vor einem der Kassenschalter, mit dem festen Vorsatz, zum Preis von zwanzig Francs seinem Leben ein Ende zu setzen, von ganz oben.

Besucher des Eiffelturmes werden auf eine harte Geduldsprobe gestellt, weil die Menschenschlangen, die das Wahrzeichen erstürmen wollen, an allen Tagen schier endlos sind, sogar an einem unfreundlichen Herbsttag wie diesem. Von ihm selbst ausgehend begann er die Wartenden vor sich zu zählen. Er kam auf über neunzig und errechnete, dass, würde der Vorgang des Kartenerwerbs bei jedem Einzelnen nur zwanzig Sekunden in Anspruch nehmen, er eine halbe Stunde warten müsste.

Gewiss, das sind unsinnige Gedanken im Angesicht des Todes, aber sie sollen auch nur deshalb wiedergegeben werden, um die Klarheit seiner Gedanken zu beschreiben, die ihm der eine oder andere vielleicht im Nachhinein absprechen möchte. Das ging sogar so weit, dass er verstohlen – also mit jener betonten Zufälligkeit, die keinem aufmerksamen Beobachter verborgen bleibt – die Menschen vor und hinter sich musterte, ob sie nicht die absonderliche Ruhe in seinem Verhalten wahrnahmen, die einen Menschen kennzeichnet, der nur noch ein Ziel vor Augen hat. Er ertappte sich sogar dabei, dass er lautstark hüstelte, obwohl er gar kein Bedürfnis dazu verspürte – nur um keinen falschen Eindruck zu erwecken.

Irgendwann während dieser endlos scheinenden Minuten des Wartens kamen ihm Zeitungsmeldungen in den Sinn, die sein Sprung vom Eiffelturm nach sich ziehen würde. Vielleicht unter "Vermischtes" oder – noch verachtenswerter – ein Einspalter unter "Lokales" zwischen einem Verkehrsunfall in der Rue Rivoli und einem Wohnungseinbruch im Quartier Latin. Dabei war das, was er mit sich in den Tod nahm, von so großer Bedeutung, dass es alle Schlagzeilen dieser Welt am nächsten Tag verdrängt hätte.

Angst vor dem, was er vorhatte, kannte er nicht, weil man ohnehin vor dem Tod keine Angst zu haben braucht, nur vor dem Sterben, und das würde in seinem Fall so schnell vonstattengehen, dass keine Zeit zum Lamentieren bliebe. Irgendwo hatte er gelesen, man würde überhaupt keinen Schmerz spüren, wenn man sich von einem hohen Turm stürzte, weil einen kurz vor dem Aufschlag das Bewusstsein verlasse.

Skepsis verursachte bei ihm nur der Gedanke, wer das wirklich wissen konnte, ob dies nicht nur graue Theorie war – denn die Praxis hatte ja wohl keiner überlebt. Dennoch kamen bei ihm keine Zweifel auf, obwohl ihm natürlich bewusst war, dass der Entschluss, seinem Leben ein Ende zu setzen, nicht seinem eigenen Wollen entsprang. Doch der Entschluss war so stark, dass ihn nichts davon abbringen würde.

Irgendwie hatte der feste Entschluss in ihm sogar e

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