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Dem Tod so nah Roman von Hand, Elizabeth (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 13.08.2015
  • Verlag: Bastei Lübbe AG
eBook (ePUB)
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Dem Tod so nah

Ein Interview führt die Fotografin Cassandra Neary auf die Insel Paswegas Island. Dort fallen ihr diverse Vermisstenmeldungen von Jugendlichen auf, manche bereits viele Jahre alt. Und dann verschwindet erneut ein Mädchen. Cass macht sich kurzerhand auf die Suche - und stößt dabei auf ein Geflecht aus alter Schuld, verletzter Liebe und verborgenem Hass ... Elizabeth Hand gewann mit ihren Titeln bereits verschiedene Preise, darunter der World Fantasy Award und der International Horror Guild Award.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 383
    Erscheinungsdatum: 13.08.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783732507023
    Verlag: Bastei Lübbe AG
    Serie: Cassandra Neary 1
    Originaltitel: Generation Loss
    Größe: 1508 kBytes
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Dem Tod so nah

1

Es gibt immer diesen Augenblick, in dem sich alles verändert. Ein Spitzenfotograf - einer wie Diane Arbus oder ich, als ich für den Bruchteil einer Sekunde berühmt war - sieht diesen Augenblick kommen und drückt auf den Auslöser, kurz bevor die Veränderung eintritt. Wenn man den Augenblick nicht kommen sieht, weil man blinzelt oder zu betrunken ist oder gerade woandershin blickt - na ja, alles verändert sich sowieso ständig, es macht also keinen allzu großen Unterschied.

Aber man ist für den Rest seines Lebens erledigt, weil man es vergeigt hat. Vielleicht hat es keiner mitgekriegt, aber man selbst weiß es. In meinem Fall war das kein Geheimnis. Jeder wusste, dass ich es vergeigt hatte. Manche Leute können mit so einer Situation klarkommen. Ich dagegen war nie gut im Klarkommen. In meinem Leben gab es ein großes beschissenes Loch. Warum so tun, als wäre es anders?

Ich wuchs auf in Kamensic Village, in einer versteckt liegenden Gegend des Hudson Valley, wo drei Countys in einer unwirtlichen Ansammlung von historischen Hollandhäusern, Äckern, uralten Bäumen und Villen von Neureichen aneinandergrenzen. Mein Vater war, besser gesagt, er ist der Bürgermeister. Ich war ein Einzelkind und ganz schön wild, genauso wie alle privilegierten Kinder dort.

Von klein auf kam es mir so vor, als gäbe es keine Haut zwischen mir und der Welt. Ich sah Dinge, die andere nicht sahen: Hände, die durch Lücken in der Luft schlüpften wie fallende Blätter, oder zackige Umrisse von einem kahlen Zweig, nur dass da gar kein Baum stand. Und nachts im Bett hörte ich, wie eine Stimme mit sanft beharrlicher Eintönigkeit meinen Namen wiederholte. Cass . Cass . Cass . Mein Vater ging mit mir zum Arzt, und der meinte, das würde sich mit der Zeit geben. Aber das tat es nicht.

Meine Mutter war viel jünger als mein Vater, ein schönes Radcliffe-Mädchen, das er bei einem von seinem Cousin arrangierten Blind Date kennenlernte. Sie starb, als ich vier war. Sie kam mit dem Wagen, unserem alten roten Rambler Kombi, von der Straße ab und krachte am Ortsrand von Kamensic gegen einen Baum. Es passierte Ende Januar in der Abenddämmerung, und es dauerte über eine Stunde, bis irgendjemandem auffiel, dass Scheinwerfer durch die Bäume leuchteten, und er die Polizei rief. Als die endlich kam, fand man meine Mutter, gepfählt von der Lenkradsäule. Ich lag auf dem Rücksitz, von Glasscherben umgeben, aber unverletzt.

An den Unfall kann ich mich nicht mehr erinnern. Der Polizist berichtete meinem Vater, ich hätte weder geweint noch gesprochen, ich hätte nur an die Wagendecke gestarrt, und dann, nachdem er mich herausgeholt hatte, in den Nachthimmel. Heutzutage gibt es für solche Fälle Trauerbegleiter, Kinderpsychologen, Medikamente. Das irisch-katholische Denken meines Vaters ließ jedoch offene Gefühlsregungen nicht zu, obwohl er nicht religiös war. Es gab eine Totenwache, ein Begräbnis, eine Woche mit Verwandtenbesuchen und Anrufen. Dann ging er wieder zur Arbeit. Eine Haushälterin, Rosie, wurde eingestellt, die sich um mich kümmern sollte. Mein Vater redete über meine Mutter nur dann, wenn er auf sie angesprochen wurde, und in der damaligen Zeit tat man das nicht. In unserem schlichten Haus aus der Kolonialzeit beschränkte sich ihre Gegenwart auf die gerahmten Schwarz-Weiß-Fotos, die mein Vater in seinem Schlafzimmer aufgestellt hatte. Während Rosie staubsaugte und das Mittagessen kochte, saß ich oft auf seinem Bett, strich mit den Fingern über das Glas und tat so, als wäre der Staub darauf der Gesichtspuder von den Wangen meiner Mutter.

Ich war gern allein. Mit vierzehn kam ich einmal bei einem Spaziergang durch den Wald an einem Feld heraus, wo die hohen Halme an einer Stelle flach gedrückt waren, weil dort Rehe gelegen hatten. Ich blickte hinauf zum Himmel und sah die Stelle darin gespiegelt, eine schwarz-grau-gelbe Spirale drehte sich langsam im Uhrzeigersinn wie ein

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