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Der Blogger von Brosi, Patrick (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 17.09.2015
  • Verlag: Emons Verlag
eBook (ePUB)
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Der Blogger

Ein Ruderer verschwindet spurlos aus seinem Boot. Der Vermisste ist der weltweit bekannte Enthüllungsblogger René Berger, der die Pharmaindustrie durch geleakte Insiderinformationen an den Pranger gestellt hat. Wurde er aus dem Weg geschafft? Und was geschah mit der jungen Journalistin Marie Sommer, die dem öffentlichkeitsscheuen Blogger auf der Spur war? Ein intensiver, spannungsgeladener Thriller über die Unmöglichkeit, das richtige Leben im falschen zu führen.

Patrick Brosi wurde 1987 in Backnang bei Stuttgart geboren und studierte nach Abitur und Zivildienst Geschichte und Informatik in Tübingen und Freiburg. Er lebt und arbeitet in Freiburg.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 456
    Erscheinungsdatum: 17.09.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783863588625
    Verlag: Emons Verlag
    Größe: 3220 kBytes
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Der Blogger

Marie ( I )

Einen Monat zuvor - 5. August

DER ICE SCHOSS durch einen verfallenen Provinzbahnhof irgendwo vor Wittenberge. Marie versuchte, das Stationsschild zu entziffern. Wahrscheinlich erst Glöwen. Links war ein kleinbürgerliches Wohnviertel zu sehen, rechts flog ein Industriegebiet vorbei, dann tauchte der Zug in einen dunklen Tannenwald. Dahinter ging bereits die Sonne unter. Es war etwa acht Uhr. Ein lauer Augustabend. Marie trug einen schwarzen Rock, darüber das enge rote Oberteil - ihr Manipulations-Top, das die Brüste besonders gut betonte und auf Jonas einen unwiderstehlichen Einfluss ausübte. Sie zupfte es zurecht. Die baldige Ankunft in Wittenberge wurde durchgesagt. Sie klappte den Laptop auf.

Marie fühlte sich müde. Umfassend müde, wie sie Thomas Sessenheim einige Stunden zuvor klargemacht hatte, als sie die Story erneut abgelehnt hatte. Keine Müdigkeit, die mit einer Tasse Kaffee oder zehn Stunden Schlaf zu kurieren gewesen wäre. Thomas, ihr Chefredakteur, hatte gesagt: "Burn-out, hehe." Und ihr einen Schulterstoß verpasst. Jonas hatte einige Tage zuvor bemerkt: "Du arbeitest zu viel." Ein Psychologe hätte wahrscheinlich eine Depression festgestellt. Marie hatte tatsächlich häufig den Wunsch, ein oder zwei Sitzungen auf der Couch zu absolvieren. Was sie davon abhielt, war Scham. Sie wusste nur zu gut, weshalb sie in den letzten Monaten so antriebslos geworden war.

Neben ihr sagte eine entnervte Stimme offenbar zum zweiten Mal: "Die Fahr scheine bitte."

Marie blickte auf. "Entschuldigung." Sie kramte in ihrem Geldbeutel und zog die zerfledderte Strecken-Jahreskarte Hamburg-Berlin heraus, die die Redaktion ihr bezahlte. Mit einem zerknirschten Lächeln zeigte sie sie.

Es war ihr gekränkter Ehrgeiz. Sie wusste, dass ihre Antriebslosigkeit allein von der Tatsache herrührte, dass sie trotz jahrelanger Arbeit, trotz des Pendelns zwischen dem Studium in Hamburg und dem Praktikum in Berlin, trotz aller möglichen Teilnahmen an Workshops und Journalismuswettbewerben noch keinen Schritt weitergekommen war. Sie war fünfundzwanzig, und sie war ein Niemand, ein Nichts, kein Mensch kannte ihren Namen. Dass sie nur deshalb an einer beginnenden Depression litt, weil sie wegen des ausbleibenden Erfolgs beleidigt war, konnte sie doch keinem Psychologen anvertrauen. Vollkommen lächerlich. Es gab doch Menschen mit richtigen Problemen.

In der Adresszeile ihres Browsers blinkte der Cursor erwartungsvoll. Marie loggte sich auf der Homepage der Universität ein. Seit Wochen wartete sie auf die Bewertung einer Hausarbeit. Sie besuchte dieses Seminar bereits im zweiten Anlauf. Schon im Wintersemester war sie für die gleiche Prüfungsleistung angemeldet gewesen, aber im letzten Moment abgesprungen. Die Belastung in der Redaktion war zu groß geworden. Offiziell war sie damals wegen der Nicht-Abgabe der Hausarbeit durchgefallen. Eine kleine, dumme Formalität. Dieses Semester hatte Marie sich Mühe gegeben und hoffte auf eine einigermaßen gute Bewertung. Doch in der Notenübersicht stand wie gehabt ein kleines Fragezeichen. Sie öffnete den Mail-Client.

Thomas hatte ihr geschrieben. "Marie, überlege es dir noch mal, bitte. Bitte! Bitte!!!"

Sie tippte: "Thomas, alles, was ich diesen Sommer brauche, sind ein paar ruhige Wochen mit meinem Freund. Außerdem muss ich mich endlich mal wieder um mein Studium kümmern. Ich bin die Falsche dafür. Das ist kein Journalismus, dafür brauchst du einen Paparazzo."

Seit Tagen sprach Thomas von nichts anderem. Eine anonyme Quelle hatte René Berger in einem Touristenort gesehen. Thomas wollte jemanden vor Ort haben, falls sich eine Story entwickeln sollte. Es war eine jener vagen Eingaben, die ihn alle paar Wochen überfielen und die er dann mit einer beinahe neurotischen Verbissenheit umsetzen musste.

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