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Der Choreograph Roman - Sonderausgabe zum 70. Geburtstag - Håkan Nessers erster Roman erstmals auf Deutsch von Nesser, Håkan (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 17.02.2020
  • Verlag: btb
eBook (ePUB)

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Der Choreograph

Ein Mann und eine Frau. Er sieht sie eines Tages, als der Winter vorbei ist; etwas zögerlich sucht sie ein Kleid in einem Laden aus. Sie gefällt ihm. Sie erwidert seinen Blick. So werden sie - gelenkt von einer unüberwindlichen Choreographie - zu einem Liebespaar. Fahren schließlich gemeinsam zu einem abgelegenen Ferienhaus. Aber warum verschwindet sie immer wieder? Und warum hält er auf einmal ein Messer in der Hand? Håkan Nesser, geboren 1950, ist einer der beliebtesten Schriftsteller Schwedens. Für seine Kriminalromane erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, sie sind in über zwanzig Sprachen übersetzt und mehrmals erfolgreich verfilmt worden. Håkan Nesser lebt abwechselnd in Stockholm und auf Gotland.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 17.02.2020
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641262082
    Verlag: btb
    Originaltitel: Koreografen
    Größe: 2191 kBytes
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Der Choreograph

I

Der Regen setzte kurz nach sechs Uhr ein.

Anfangs nur ein paar Tropfen, bleischwer in Erwartung des richtigen Augenblicks, als der Zug den Bahnhof verließ. Anschließend ein kurzer, erlösender Schauer, und dann, als die Geschwindigkeit gestiegen und die Bebauung spärlicher geworden war, ein anhaltender, wenn auch nicht besonders kräftiger Regen.

Es war ein heißer Tag gewesen, die Frau mir gegenüber schloss die Augen und holte tief Luft. Als versuchte sie, die erfrischende Wirkung des Regens aufzunehmen, obwohl die Luft im Abteil nicht eine Spur davon aufwies.

Ich schaute aus dem Fenster. Es war so ein Regen, der stundenlang andauern konnte. Es schien keinen Grund für ihn zu geben; entstanden aus dem Nichts heraus, und von meinem Standpunkt aus konnte es sich genauso gut um ein geographisches wie ein meteorologisches Phänomen handeln. Etwas, in das man einfach hineinfuhr und das man später hinter sich ließ, wie einen Wald oder einen Tunnel. Natürlich war es schwer, durch die Fensterscheibe hindurch eine Beurteilung abzugeben, sie war zwar sauber, verwandelte aber dennoch die vorbeigleitende Dämmerungslandschaft in eine Anzahl facettenreicher Wasserspiegelungen von nur kurzer Dauer.

Ein paar Zeilen einer östlichen Weisheit tauchten in meinen Gedanken auf:

Ich hatte einen Krug, und ich hatte ihn nicht.

Was vor allem von einem erzählt: der Unbeständigkeit der Dinge.

So sind sie, die Bedingungen, unter denen der Mensch lebt.

Plötzlich lächelte die Frau.

Es dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde, dieses Lächeln, aber sicher hätte sie etwas über das Wetter oder die Reise gesagt, wenn sie nur gewusst hätte, in welcher Sprache sie mich ansprechen sollte. Dass ich zumindest Deutsch verstand, das konnte sie vermutlich erraten, aber das Buch, das ich gerade beiseite gelegt hatte, zeugte von einer vollkommen fremden Sprache, vielleicht nicht einmal einer europäischen.

Stattdessen schloss sie erneut die Augen und atmete durch leicht geblähte Nasenflügel. Ich betrachtete sie halb unbewusst. Sicher, sie war eine schöne Frau, deren Busen sich jetzt unter dem blassblauen Baumwollkleid hob. Ihre Gesichtszüge waren markant, geradezu kraftvoll; ihr Haar stramm in einem Knoten zusammengebunden in der Art, wie es Frauen in meinem Land nie tun würden. Ihre Haut verriet eine levantinische Herkunft, und ich nahm an, dass sie unverheiratet war, da sie allein und unverhüllt reiste. Doch das war eine Überlegung, die mein Gehirn tätigte, ohne dass ich darum gebeten hatte, etwas, das sich einfach so ergab, da es nun einmal arbeitete. Ehrlich gesagt weiß ich sehr wenig über die Situation der Frauen in diesem Teil der Welt.

Dagegen war ich ziemlich überzeugt davon, dass sie um die fünfundzwanzig Jahre alt sein musste.

Sie öffnete die Augen. Wieder trafen sich unsere Blicke, und allzu schnell versuchte ich meine Aufmerksamkeit auf einen fliehenden Punkt draußen im Regen zu richten. Sie errötete.

"Haben Sie etwas dagegen, dass ich für eine Weile das Fenster öffne?"

Ich fragte auf Deutsch und machte gleichzeitig eine erklärende Geste in Richtung der Zeitschrift, die sie gelesen hatte und die jetzt auf ihren Knien lag.

"Nein, nur zu."

In dem Moment geht die Beleuchtung im Abteil an.

Die Beleuchtung geht an, und der Zug legt sich in eine Kurve. Ein Pappbecher fällt zu Boden. Der Soldat, der die letzte Stunde unter seinem Soldatenmantel geschlafen hat, wacht auf und kratzt sich am Hals.

All diese Dinge treffen mehr oder weniger gleichzeitig ein, und bevor ich das festgeklemmte Fenster auch nur einen Zentimeter habe öffnen können, ist alles in einen anderen Zustand übergegangen.

Ich weiß auf jeden Fall, wo ich anfangen soll.

Ja, sollte es mir jemals gelingen, über alles einen Bericht zu schreiben, was heute nicht besonders wahrscheinlich erscheint, dann weiß ich zumindest

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