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Der Fall Kallmann von Nesser, Håkan (eBook)

  • Erschienen: 30.10.2017
  • Verlag: btb
eBook (ePUB)
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Der Fall Kallmann

Wie lebt es sich im Schatten eines Mordes?
Wer war Eugen Kallmann? Warum musste der beliebte Gesamtschullehrer in der beschaulichen schwedischen Kleinstadt sterben? Wirklich nur ein Unglücksfall, wie die Polizei behauptet? Als sein Nachfolger im Schwedischunterricht, Leon Berger, nach der langen Sommerpause seinen Dienst antritt, findet er im Pult unter Kallmanns Sachen eine Reihe von Tagebüchern, die sich als eine Mischung aus Dichtung und Wahrheit entpuppen und ihn schon bald daran zweifeln lassen, dass sein Vorgänger tatsächlich eines natürlichen Todes gestorben ist. Denn in seinen Einträgen behauptet Kallmann unter anderem, er würde die Gabe besitzen, in den Augen anderer Menschen erkennen zu können, ob sie gemordet haben. Und er scheint in den letzten Monaten seines Lebens einem nie entdeckten und nie gesühnten Verbrechen auf der Spur gewesen zu sein. Leon Berger will den Fall Kallmann lösen - seine privaten Ermittlungen setzen etwas in Gang, das schließlich die ganze Kleinstadt erschüttert.

Håkan Nesser, geboren 1950, ist einer der beliebtesten Schriftsteller Schwedens. Für seine Kriminalromane erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, sie sind in über zwanzig Sprachen übersetzt und mehrmals erfolgreich verfilmt worden. Håkan Nesser lebt abwechselnd in Stockholm und auf Gotland.

Produktinformationen

    Herausgeber: btb
    Untertitel: Roman
    Sprache: Deutsch
    Seitenanzahl: 576
    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    ISBN: 9783641208172
    Erschienen: 30.10.2017
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Der Fall Kallmann

1

Leon

Ich verließ Stockholm etwa sieben Monate nach dem Verschwinden meiner Frau und meiner Tochter.

Es war ein heißer Sonntagvormittag Anfang August. Das Taxi wartete am Scheitelpunkt des Slottsbacken, neben der Statue von Birger Jarl. In Gamla Stan, der Stockholmer Altstadt, waren zu viele Touristen unterwegs, um Autoverkehr zuzulassen. Das hatte mir die Dame in der Taxizentrale ungefragt mitgeteilt, und als ich meine zwei sperrigen Koffer über das Kopfsteinpflaster des Stortorget zog, stellte ich fest, dass sie nicht gelogen hatte. Die Straßencafés waren überfüllt, und rund um den Brunnen standen Horden von Japanern, Deutschen und Italienern und fotografierten sich gegenseitig nach Herzenslust. Auf der Treppe zum Gebäude der Schwedischen Akademie saßen zwanzig Jugendliche in gelben T-Shirts und lauschten einer Frau in einem gelben Jackett, die aus einem Buch vorlas; ich nahm an, dass ein Literaturnobelpreisträger aus ihrem Heimatland es geschrieben hatte. Welches Land es auch immer sein mochte, Polen vielleicht, die flüchtigen Worte, die an mein Ohr drangen, klangen slawisch.

Als mein Blick auf das Taxi und die Fassade des Schlosses fiel, war ich bereits in Schweiß gebadet. Lebe wohl, Stockholm, dachte ich, und wäre bei dem Gedanken fast in Tränen ausgebrochen, bekam aber gerade noch die Kurve.

"Kurze Fahrt", bemerkte der Taxifahrer, als ich auf der Rückbank Platz genommen hatte.

"Mag sein", erwiderte ich. "Aber zwei Koffer und eine alte Sportverletzung ... tja, Sie verstehen."

Darauf fiel ihm nichts ein, und wir wechselten während der siebenminütigen Fahrt zum Hauptbahnhof kein Wort mehr miteinander. Im Übrigen war ihm das Fahrtziel natürlich bekannt gewesen, da ich es bei der Bestellung angegeben hatte.

Über mein eigentliches Reiseziel wusste er allerdings herzlich wenig, so wenig wie die meisten anderen, zumindest in der Hauptstadt. Ich hatte es bewusst für mich behalten, nur meine Schwester, zwei, drei frühere Freunde und meinen Rektor informiert. Meine Schwester lebte seit sechs Jahren in Basel in der Schweiz, ebenso lange hatte ich sie nicht mehr gesehen.

Ich hatte nicht den Eindruck, dass mich irgendjemand vermissen würde, wofür ich volles Verständnis hatte. Auch das Mitleid kennt Grenzen, es ist nicht leicht, Schiffbrüchige des Lebens in sein Herz zu schließen. Einen Monat, vielleicht auch zwei oder drei, lässt sich das machen, aber so gut wie niemand hält ein halbes Jahr lang durch. Alte Trauer wird langweilig.

Helena war seit März unter der Erde, es hatte gedauert, die Leiche nach Hause zu verfrachten, eine bizarre Kette von Formalitäten war in Gang gesetzt worden, als man sie schließlich gefunden und identifiziert hatte, Judith galt dagegen nach wie vor als vermisst. Darin lag meine aberwitzige Hoffnung, mein Schiffbruch; jeder konnte sich ausrechnen, dass sie tot war, der Indische Ozean war groß genug, um eine Ertrunkene so lange zu verbergen, wie es ihm gefiel.

Jeder, außer mir. Monatelang hatte ich die Karte von den Inseln vor der Küste Tansanias studiert. Pemba, Mafia, Sansibar. Sowie zahlreiche kleinere Flecken im unendlichen Blau, so klein, dass sie wahrscheinlich nicht einmal besiedelt waren. Aber wenn sie an Land eines dieser Flecken gelangt war, lag es dann nicht im Bereich des Möglichen, dass sie es in irgendeinem kleinen Dschungel schaffen würde zu überleben? So argumentierte ich. War es nicht denkbar, dass sie sich von Obst und essbaren Wurzeln ernährte? Unwahrscheinlich, gewiss, aber das ganze Leben ist eine einzige Aneinanderreihung unwahrscheinlicher Begebenheiten.

Die Fähre war in einem Sturm zwischen Daressalam und Sansibar untergegangen. Von den zweihundertneunzig Passagieren hatten sechsunddreißig überlebt. Einhundertfünfundneunzig Ertrunkene waren gefunden worden, angespült an diversen Ufern in der Umgebung. Neunundfünfzig Menschen wurden noch vermisst. Im Grunde glaubte keiner, d

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