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Der Hunger der Lebenden Ein Fall für Friederike Matthée von Sauer, Beate (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 25.01.2019
  • Verlag: Ullstein
eBook (ePUB)
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Der Hunger der Lebenden

Der Sommer 1947: heiß und tödlich Köln, Juni 1947. Eine Hitzewelle plagt die von Krieg und Hunger gezeichnete Stadt. Friederike Matthée von der Weiblichen Polizei untersucht den Mord an einer früheren Kollegin. Die Beamtin überwachte während des Nationalsozialismus die Unterbringung von Kindern und Jugendlichen in Polizeilichen Jugendschutzlagern. Die Zustände dort gehen Friederike nahe, Erinnerungen an ihre Flucht aus Ostpreußen werden in ihr wach. Der Fall bringt sie und Richard Davies von der Royal Military Police wieder zusammen. Der Offizier Richard schwankt zwischen beruflichem Ethos und seinem Hass auf die Deutschen. Friederike überschreitet einmal mehr ihre Befugnisse, um den Fall aufzuklären. Der zweite Fall für Friederike Matthée Beate Sauer studierte katholische Theologie und Philosophie und absolvierte danach eine journalistische Ausbildung. Dabei stellte sie fest, dass ihr Herz noch viel mehr für fiktive Geschichten schlägt. Mit ihren historischen Romanen begeisterte sie eine riesige Fangemeinde genauso wie mit ihren Krimis um Friederike Matthée.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 385
    Erscheinungsdatum: 25.01.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783843718110
    Verlag: Ullstein
    Größe: 2740 kBytes
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Der Hunger der Lebenden

2. Kapitel

Köln, Donnerstag, 19. Juni 1947

Das Gras am Wegrand war feucht von Tau. Hauptkommissar Heimerzheim hatte Friederike zu der Schrebergartensiedlung in Köln-Zollstock gefahren, wo sie seit Ende März mit ihrer Mutter lebte.

Auf manchen der schmalen Parzellen standen Holzbaracken, auf anderen Nissenhütten aus Wellblech, die Friederike mit ihren abgerundeten, weit heruntergezogenen Dächern immer ein bisschen an die Jurten eines Wandervolkes erinnerten. Überall bedeckten Beete fast jedes Stück nutzbaren Bodens. Kartoffeln und anderes Gemüse, vor allem Kohl und Rüben, wuchsen in langen Reihen. Auch Tabak spross in vielen Gärten. Irgendwo gackerten Hühner in einem improvisierten Gehege.

Die Schrebergartensiedlung in Köln-Zollstock hatte nichts gemein mit der großbürgerlichen Villa in Königsberg oder dem barocken Gutshaus bei Gumbinnen - den Häusern, in denen Friederike aufgewachsen war. Doch seit über zwei Jahren, seit sie und ihre Mutter in den letzten Kriegsmonaten aus Ostpreußen geflohen waren, seit der Zeit im Lager Friedland und dann in dem Zimmer in der Kölner Südstadt, war dies ihr erstes richtiges Zuhause.

Im Innern der Nissenhütte war es dämmrig, denn die Vorhänge aus Sackleinen sperrten die beginnende Helligkeit aus.

"Friederike, bist du das?" Ihre Mutter richtete sich im Bett auf.

"Ja, schlaf ruhig weiter."

"Brot und Marmelade stehen auf dem Tisch."

Ihre Mutter ließ sich wieder auf die Matratze zurücksinken. Friederike schob sich an dem Tisch vorbei - inzwischen war ihr das Innere der Hütte so vertraut, dass sie sich auch im Dunkeln zurechtgefunden hätte - und ließ sich auf der Kante ihres eigenen Bettes nieder.

Sie goss Wasser in ein Glas und kratzte einen Marmeladenrest auf eine Scheibe Brot. Sie aß langsam, kaute sorgfältig Bissen für Bissen und versuchte, das Wissen zu ignorieren, dass das Brot ihren Hunger kaum lindern würde.

Zwei, drei Stunden Schlaf, dann würde sie ins Polizeipräsidium aufbrechen und aus ihren Notizen Protokolle verfassen. Wie Richard Davies die junge Frau wohl beurteilt hätte? Ob er auch von ihrer Schuld überzeugt wäre? Friederike war sich nicht ganz sicher. Davies war zwar durchaus streng, und er konnte kurz angebunden und ungeduldig im Umgang mit Menschen sein. Aber er ließ sich Zeit mit seinen Einschätzungen. Andererseits war Frau Röder brutal umgebracht worden, und es deutete wirklich alles auf die namenlose junge Frau als Täterin hin.

Friederike widerstand der Versuchung, sich noch eine weitere Scheibe Brot abzuschneiden. Nachdem sie sich notdürftig mit Wasser aus einer Schüssel und einem kleinen, harten Stück Seife gewaschen hatte, legte sie sich im Hemd ins Bett. Schon machte sich der Hunger wieder bemerkbar. Beim Einschlafen sah sie Ilse Röders von Fliegen umschwärmten Leichnam vor sich.

Die Schnittwunden auf ihrer Kopfhaut schmerzen immer noch. Sie hat sich geschworen, sich nie wieder die Haare scheren zu lassen, hat sich mit aller Kraft gewehrt. Doch schließlich ist sie überwältigt worden. Sie hat sich ebenfalls geschworen, niemals wieder ins Gefängnis zu gehen. Doch genau das ist nun geschehen. Wahrscheinlich wird man sie für immer einsperren. Eine winzig kleine Chance hat sie noch. Nicht etwa davonzukommen, nein, dies begreift sie sogar mit ihrem von Brom umnebelten Kopf. Man hat ihr das Mittel verabreicht, um sie ruhigzustellen. Aber vielleicht hat sie die Chance, nicht für immer weggesperrt zu werden.

Doch dafür müssen ihre Fingerabdrücke unauffindbar sein. Und niemand darf sie erkennen. Bitte, lieber Gott ... Bitte ... So viele Häuser sind vernichtet und so viele Menschen getötet worden. Bitte, hilf mir ... Bitte gib, dass ich einen Nutzen aus all der Zerstörung, dem Leid und dem Tod habe. Ich will auch ein besserer Mensch werden.

Sie wünscht sich, die Arme um sich schlingen und sich so selbst festhalten zu können.

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