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Der Kommissar von St. Pauli von Brack, Robert (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 07.09.2018
  • Verlag: Ullstein
eBook (ePUB)
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Der Kommissar von St. Pauli

Mord oder Selbstmord? Alfred Weber ermittelt im St. Pauli der 30er Jahre. Hamburg im März 1931. Eine Serie von mysteriösen Todesfällen erschüttert die Stadt. Auf Strecken der Hochbahn stürzen Frauen vor fahrende Züge - scheinbar ohne Fremdeinwirkung. Die Kriminalpolizei steht vor einem Rätsel, viele Menschen meiden inzwischen Fahrten mit der Hochbahn. Kommissar Alfred Weber ermittelt eigentlich in einem politischen Mord im Umfeld der aufsteigenden Bewegung der Nationalsozialisten. Dabei stößt er auf einen Zusammenhang mit den Todesfällen auf der Hochbahn. Doch seine Vorgesetzten bremsen ihn. Weber ermittelt auf eigene Faust und gerät selbst ins Visier des Mörders ... Robert Brack, geboren 1959, lebt seit 1981 in Hamburg. Er arbeitet als Übersetzer und freier Schriftsteller. Für seine historischen und politischen Kriminalromane wurde er mit mehreren Preisen ausgezeichnet.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 400
    Erscheinungsdatum: 07.09.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783843718127
    Verlag: Ullstein
    Serie: Alfred Weber .3
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Der Kommissar von St. Pauli

Zweites Kapitel: Hokuspokus

Es war ein Morgen mit einer steifen Brise, belebend und erheiternd trotz der Wolkenballen, die der Westwind über den Himmel trieb. Es würde gelegentliche Schauer geben, vielleicht mit Schnee vermischt, aber die Strahlen der Sonne, die dann und wann die feuchten Mauern und den nassen Asphalt zum Schimmern brachten, waren Vorboten des Frühlings.

Wie schön.

Schwerfällig ächzend kroch der Ringbahnzug aus dem Untergrund und nahm mühsam die Kurve, die ihn hinauf auf das stählerne Viadukt der Station am Rödingsmarkt führte. Das Quietschen, Knirschen und Kreischen der eisernen Räder in der engen Biegung klang in den Ohren der Frau, die der Bahn erwartungsvoll entgegensah, so fröhlich wie das Scherzo aus dem Forellenquintett von Schubert.

Das weiß ich sehr wohl, denn ich habe sie mit diesem Musikstück bekannt gemacht.

Ja, sie war selig. Und ja, es hatte mit dem neuen Klavierlehrer zu tun. Was für ein feiner Mann er doch war, so reif und edel mit seinen grauen Schläfen und der zurückgekämmten Künstlermähne. Seine blauen Augen leuchteten, wenn er über Schubert oder Mozart sprach, über Brahms oder Beethoven. Von den ersten beiden sprach er geradezu verzückt und entrückt, von den Letzteren mit Ehrfurcht, und immer wenn er Beethoven erwähnte, furchte sich seine Stirn und er blickte in die Ferne.

Es ist leicht mit Beethoven zu renommieren. Seine Urgewalt, die ins Militärische geht, kann man sich bei den Damen zunutze machen. Seine Tragik als gehörloser Komponist lässt ihre Herzen schmelzen, wenn man den richtigen Ton anschlägt. Freude, schöner Götterfunken ... er hat die Ode nie gehört!

Ach, wie gern würde ich mit meinen Fingern die Klaviatur seiner Mimik bespielen, dachte sie. Wer weiß, welche Resonanzen sein gesamter Korpus unter meinen Händen von sich gäbe, wenn ich ein Arpeggio darauf spielen dürfte ... aber wäre ich nicht viel lieber ein Instrument unter seiner Herrschaft, eine Geige, ein Violoncello?

Oho! Das waren ja schlimme Gedanken, die sie da hegte. Sie schämte sich dafür, so ungefähr: Der Aufsichtsposten wird bestimmt sofort die Sperre schließen, wenn er hört, was ich denke. Meine Gedanken sind zu laut. Man darf doch nicht laut denken, jeder weiß das. Laut zu denken ist verboten! Ich werde mich ein Stück von dem Haltestellenwärter entfernen, damit er mich nicht hört. Zum Glück übertönt die Musik alles.

Jawohl! Und da kommt auch schon das Orchester: Wie eine Herde eckiger Riesenfische, brav hintereinander aufgereiht, nähern sich die Wagen. Jetzt Schubert! Auf ihre cremefarbenen Dächer prasselt ein kleiner Regenschauer. Sie hört die Forellen im Bergbach plätschern. Hoppla, sie ist wohl zu weit hinausgelaufen. Unter dem Stationsdach wäre es trockener.

Gelbe und rote Wagen rollen musizierend auf sie zu. Und sie muss immerzu an seine Hände denken, an meine, und wie ich damit ihren Hals umfasste und ihren Korpus packte und eine jubilierende Melodie erzeugte, die in einem Glissando gipfelte, das in den Himmel stieg.

Sie ist hingerissen, denn: Das Hinaufsteigen ist das Schönste an der Musik. Und hat er nicht von fliegenden Fischen gesprochen? Hinaufsteigen! Aber wie und wo soll das gelingen? Jetzt rollen die Wagen an ihr vorbei und bleiben stehen. Die Türen öffnen sich.

Man kann so einem Wagen nicht aufs Dach steigen. Hoch! Nein, das geht nicht, so sehr es sie auch dazu drängt. Hoch! Da ist ja keine Leiter. Und eigentlich müsste sie springen. Hoch hinauf! Besser noch darüber hinweg. Welche Fische sind das denn, die aus den Wellen emporfliegen, und in welchem Meer sind sie zu Hause?

Forellen sicher nicht, die plätschern in Gebirgsbächen. Aber springen können die auch. Man muss kein Meerestier sein, um über brausenden Wellen zu fliegen.

So habe ich es ihr erzählt.

Jetzt rollen die Wagen davon, die Riesenfische schwimmen Richtung Hafen und werden dort in die Elbe tauchen und i

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