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Der Revolver von Nakamura, Fuminori (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 25.09.2019
  • Verlag: Diogenes
eBook (ePUB)
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Der Revolver

In einer Regennacht findet ein junger Mann in den Straßen von Tokio eine Leiche - und neben ihr einen Revolver. Nishikawa nimmt die Waffe an sich und entwickelt schon nach kurzer Zeit eine unheimliche Obsession. All seine Gedanken, sein ganzes Leben kreisen um das perfekte kleine Wunderwerk. Und um die vier Kugeln, die sich noch immer in der Trommel befinden. Irgendwann ist es nicht mehr genug, die Waffe zu besitzen. Er muss sie abfeuern. Fuminori Nakamura, geboren 1977 in Tokai, studierte Öffentliche Verwaltung und Staatsverwaltung an der Universität Fukushima. 2002 erschien sein Debüt Ju Der Revolver

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 192
    Erscheinungsdatum: 25.09.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783257609875
    Verlag: Diogenes
    Originaltitel: Juu
    Größe: 698 kBytes
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Der Revolver

1

G estern - es kommt mir vor wie gestern - habe ich einen Revolver gefunden. Vielleicht auch gestohlen, ich weiß es nicht genau. Noch nie habe ich etwas so Schönes gesehen, er liegt in meiner Hand, als wäre er für mich gemacht. Bisher hatte ich überhaupt kein Interesse an Waffen, aber in dem Moment, in dem ich den Revolver sah, musste ich ihn haben.

Es regnete in Strömen. Als wolle es nie wieder aufhören. Ein Schirm nützte wenig, schräg kam das Wasser vom Himmel und durchnässte mich bis auf die Knochen. Es war schon spät am Abend, etwa elf Uhr. Der Dauerregen erschien mir wie ein Spiegel meiner Verfassung, und obwohl ich von den Knien abwärts klatschnass war und fror, ging ich aus irgendeinem Grund nicht nach Hause. Vermutlich, weil mir einfach nach Herumlaufen war und ich keine Lust auf meine Wohnung hatte. Mein Verhalten ist mir selber oft ein Rätsel. Ohne bestimmtes Ziel lief ich in die nächste Straße hinein, die Geschäfte waren alle bereits dunkel. Bei einem kleinen Park stand ein weißer Transporter. Ich erinnere mich genau an das Kätzchen, das unter dem Auto hervorlugte, mich mit seinen leuchtenden Augen fixierte. Wenn ich jetzt daran denke, war es nicht das erste Mal, dass mich eine Katze anstarrte, bevor etwas passierte. Im Nachhinein kommt es mir wie ein Zeichen vor, doch als ich die Katzenaugen sah, kümmerte es mich nicht.

Hinter dem Bahnübergang tauchte ich in ein Labyrinth verschlungener Straßen. Vom Dach eines alten, verlotterten Mietshauses pladderte Regenwasser ohrenbetäubend auf den Blechschrott, der überall herumlag. Der Lärm riss mich für einen Moment aus meiner Trance, und ich überlegte, ob es nicht doch besser wäre, schnell nach Hause zu gehen. Eine heiße Dusche, trockene Kleider. Dennoch lief ich weiter, ohne Ende, ohne Ziel. Ich kann es mir selbst nicht erklären. Andererseits war es schon vorgekommen, dass ich mich derart treiben ließ und, warum auch immer, genau das Gegenteil von dem tat, was ich eigentlich wollte. Durchnässt und in trostloser Stimmung setzte ich meinen Weg fort.

Das war gut so. Über mein Tun und Lassen habe ich mir kaum je Gedanken gemacht. Auch nicht über die Konsequenzen. Doch diesmal ist es anders. Wenn ich an mein nächtliches Abenteuer denke, empfinde ich fast so etwas wie Dankbarkeit. Denn wäre ich einfach nach Hause gegangen, läge dieser Revolver jetzt nicht in meiner Hand. Allein schon die Vorstellung, ihn nicht zu besitzen, lässt mich erschauern, was unsinnig sein mag, weil mir der Revolver von Anfang an nie gehört hat.

Irgendwo zog ich am Automaten einen Dosenkaffee. Ich hatte keinen Durst, aber es war mir fast zur Gewohnheit geworden, im Gehen Kaffee zu trinken. Ich riss die Lasche hoch und nahm einen Schluck. Am Himmel hingen schwere graue Wolken, so dass man weder Mond noch Sterne sah. Die letzten Spuren von Wärme, die der Tag hinterlassen hatte, waren durch den Regen wie weggewaschen. Mich fröstelte.

Doch ich lief und lief, lief und lief, ohne jeden Plan. Lauschte dem Rauschen des Regens, nippte an meinem Kaffee. Als die Dose leer war, zündete ich mir eine Zigarette an. Links und rechts drängten sich Wohnhäuser dicht aneinander. Nach einer Weile lichtete sich das Häusergewirr, und ich kam zu einer breiten Straße. Ohne die Geschwindigkeit zu drosseln, stoben die Autos an mir vorbei, besprühten mich mit Wasserfontänen, und weit und breit gab es keine Seitenstraße, in die ich mich hätte flüchten können. Die Regentropfen schienen im Scheinwerferlicht der entgegenkommenden Autos wie Myriaden Goldkörnchen zu funkeln. Und auch wenn das wirklich schön aussah, fror ich in meinen nassen Kleidern nun so sehr, dass es kaum mehr zu ertragen war.

Die Straße wurde zu einer Brücke. Statt den Fluss zu überqueren, stieg ich die grasbewachsene Böschung zum Ufer hinunter. Für einen Moment wollte ich einfach nur dem Regen entkommen, wollte unter dem Brückenbogen eine Zig

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