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Der schlaflose Cheng Sein neuer Fall von Steinfest, Heinrich (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.03.2019
  • Verlag: Piper Verlag
eBook (ePUB)
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Der schlaflose Cheng

Cheng macht Urlaub. Besser gesagt, entfernt er sich räumlich, um fernab von Wien auf andere Gedanken zu kommen. In der Bar seines mallorquinischen Hotels spricht ihn ein Mann an - Peter Polnitz, die Synchronstimme des englischen Weltstars Andrew Wake. Cheng und Polnitz unterhalten sich über Gott und die Welt, gehen aber ohne die Absicht auseinander, sich je wieder zu sehen. Ein Jahr später melden die Nachrichten, Polnitz sei wegen Mordes an Wake zu lebenslanger Haft verurteilt worden - und seine Tochter taucht in Chengs Büro auf: Sie überredet ihn, den Fall zu übernehmen und Polnitz' Unschuld zu beweisen. Am Ende kennt er Polnitz besser, als ihm lieb sein kann - und weiß endlich, was er mit dem Rest seines Lebens anstellen soll.

Heinrich Steinfest wurde 1961 geboren. Albury, Wien, Stuttgart - das sind die Lebensstationen des erklärten Nesthockers und preisgekrönten Autors, welcher den einarmigen Detektiv Cheng erfand. Er wurde mehrfach mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet, erhielt 2009 den Stuttgarter Krimipreis und den Heimito-von-Doderer-Literaturpreis. Bereits zweimal wurde Heinrich Steinfest für den Deutschen Buchpreis nominiert: 2006 mit 'Ein dickes Fell'; 2014 stand er mit 'Der Allesforscher' auf der Shortlist. 2016 erhielt er den Bayerischen Buchpreis für 'Das Leben und Sterben der Flugzeuge', 2018 wurde 'Die Büglerin' für den Österreichischen Buchpreis nominiert, zuletzt erschien von ihm bei Piper 'Der schlaflose Cheng'.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 316
    Erscheinungsdatum: 01.03.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492993319
    Verlag: Piper Verlag
    Größe: 4330 kBytes
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Der schlaflose Cheng

1

Der Mann, der bis zehn zählte,
sich aber entschied, dass bis fünfzehn
auch in Ordnung wäre

Cheng betrat den Frühstücksraum und nahm Platz. Da bemerkte er den Blick der Frau. Wobei der Blick weniger ihm selbst galt, sondern dem Hund an seiner Seite. Der Hund, der zu seinen Füßen lag und sich wie eine schläfrige Schnecke zusammengerollt hatte.

Ein Hund freilich, der schon lange tot war.

Es geschah selten, aber es geschah, dass Menschen, wenn sie zu Cheng schauten, für einen Augenblick diesen Hund an seiner Seite wahrzunehmen schienen. Manche nur ganz kurz, andere etwas länger, um dann doch festzustellen, sich getäuscht zu haben. Dass also jenes Tier, von dem sie gerade noch meinten, es erblickt zu haben, gar nicht vorhanden war. Ein stämmiger Rüde mit sehr kurzen Beinen und langen, spitz zulaufenden Schlappohren sowie einer Schnauze, die wegen des dort weiß gewordenen Fells aussah, als rage ein Zuckerhut aus seinem Gesicht. Und in dessen trüben Augen die Blindheit von jemandem steckte, der wirklich schon alles einmal gesehen hatte und nicht fand, er müsse sich das ein zweites Mal antun. Genau so ein Hund war das.

Markus Cheng hatte ihn, der einst den Namen Lauscher getragen hatte und vor vielen Jahren hochbetagt entschlafen war, seit dessen Tod weder gesehen noch irgendwie gespürt. Und dennoch fiel ihm immer wieder auf, wie fremde Leute in einer Weise an ihm, Cheng, heruntersahen, die sich eben nur dadurch erklären ließ, dass diese Leute für einen Augenblick dachten, da befinde sich ein kleines Wesen zu seinen Füßen.

Klar, ein kleines Wesen war nicht automatisch ein Hund. Aber die Art der Blicke ließ eigentlich nur einen Hund zu. Hätte es sich um eine Schlange, einen Hasen oder ein Kind gehandelt, die Gesichter der Leute hätten einen anderen Ausdruck besessen. Wenn Menschen Hunde betrachteten, dann lag sofort ein tiefes Verständnis in ihrem Schauen. Ein Verständnis für die Gestalt und das Wesen dieser Kreatur. Als würden sie die Natur der Hunde besser durchschauen als die eigene. Erstaunlicherweise besitzt dieser Ausdruck tief gehenden Begreifens aber auch eine etwas trottelhafte Note. Wie man das wiederum von denen kennt, die frisch verliebt sind. Der menschliche Blick auf den Hund erscheint als eine Kombination aus Wissen und Liebe. Man könnte auch sagen: Bildung und Torheit.

 

Und genau einen solchen Blick bemerkte Markus Cheng, als er sich an einem Tisch im Frühstücksraum des Hotels niederließ. Die Frau drüben am Fensterplatz war der einzige andere Gast zu dieser noch frühen Morgenstunde.

 

Das war so eine neue Unart in seinem nun fünfeinhalb Jahrzehnte währenden Leben, nämlich viel zu zeitig aufzuwachen und dann trotz aller Müdigkeit und dem Gefühl des von der bisherigen Nachtruhe völlig Erschlagenen einfach nicht mehr zurück in den Schlaf zu finden. Um fünf Uhr spätestens war alles vorbei und jegliche Rückkehr eine Illusion. Eher um vier oder davor. Eine Weile hatte er dagegen angekämpft, hatte auf eine geradezu wütende Weise versucht, zurück in seinen Schlaf zu finden, wie einer, der gegen die Türe trommelt und Einlass fordert. Dann aber hatte er eingesehen, dass es wohl am besten war, einfach aufzustehen und die Schönheit und den Schrecken dieser frühen Stunde in aufrechter Haltung zu erleben. Die »Stunde des Wolfs«, wie sie bei Ingmar Bergman heißt und in der angeblich die meisten Menschen sterben und die meisten geboren werden, was einen eigentümlichen Widerspruch ergibt, weil in dieser Zeit die Welt geradezu stillzustehen scheint und rein gar nichts geschieht.

Cheng kam es so vor, als höre er in all der Stille den Planeten, auf dem er stand, an den Leitplanken des Weltraums entlangschrammen. Und er begann nun den viel zu frühen Tag damit, Gymnastik zu treiben. Einarmige Gymnastik, denn Markus Cheng hatte in den Neunzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts seinen linken Arm verloren. Und einige andere Verletz

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