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Der Spiegelmacher von Vandenberg, Philipp (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 18.07.2014
  • Verlag: Bastei Lübbe AG
eBook (ePUB)

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Der Spiegelmacher

Europa im fünfzehnten Jahrhundert. Michel Melzer, ein Spiegelmacher aus Mainz, reist in das ferne Konstantinopel, um sein Glück zu machen. Durch Zufall gelangt er dort in den Besitz einer Erfindung, die unermesslichen Reichtum verspricht: das Geheimnis der künstlichen Schrift. Dadurch gerät er in den Konflikt zwischen dem Kaiser von Byzanz und dem türkischen Sultan, dem Papst in Rom und dem Dogen von Venedig. Doch der Spiegelmacher lässt sich allein vom Zauber der schönen Lautenspielerin Simonetta blenden, die im Dienst einer fremden Macht steht, welche die Schwarze Kunst für ihre eigenen Zwecke missbrauchen will...

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 479
    Erscheinungsdatum: 18.07.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783838757711
    Verlag: Bastei Lübbe AG
    Größe: 3911 kBytes
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Der Spiegelmacher

ZU ANFANG DAS ENDE

E s ist dies das Eintausendvierhundertachtundachtzigste Jahr seit der Fleischwerdung des Herrn, und gewiss wird es – so diese Welt das Jahrhundert überdauert – einmal heißen, es sei ein gar unwichtiges, unbedeutendes, unmaßgebliches Jahr gewesen. Was mich nicht juckt. In meinem Alter ist das Bedürfnis nach Wichtigkeiten ohnehin gering. Nein, für einen Greis wie mich gewinnen ganz andere Dinge an Bedeutung.

Wie viel Zeit habe ich verschwendet, irdische Güter anzuhäufen, wie viel Gefühl, um das zu erleben, was gemeinhin als Liebe beschrieben wird! Nun, da mein Bart weiß ist wie das Fell eines Schneehasen und meine Männlichkeit zwischen den Beinen hängt – erspart mir jeden Vergleich –, nun, da mein Buckel krumm und mein Augenlicht nur noch nützlich ist, den Tag von der Nacht zu unterscheiden, da ich also unzufrieden, unglücklich, schwermütig und von Gram zerrissen sein müsste, empfinde ich seltsame Zufriedenheit und ein gewisses Glück. Fragt nicht warum, es ist widersinnig genug.

Ich, Michel Melzer, Spiegelmacher von Mainz und Schwarzkünstler dazu, zähle hier im Gewölbe des Erzbischofs meine Tage, und ich wundere mich, wie lange ich schon zähle, und frage mich täglich, wie lange ich noch zählen soll, wo meine Uhr, die das Schicksal einem jeden hinstellt, doch längst abgelaufen sein müsste. Sind es achtundsiebzig Jahre oder weniger – was kümmert's mich? Und Euch schon gar nicht!

Obwohl ich seit Laurenzi Anno ichweißnichtmehr hier sitze und die Schergen mir alles andere als wohlgesinnt sind, obwohl mein Leben auf drei Schritte nach vorn und zwei zur Seite eingeengt ist, erscheint mir dieser Sommer als der glücklichste meines Lebens. Ihr werdet fragen, warum. Ich werde Euch die Antwort geben.

Teilt sich das Leben nicht von Anfang an in Licht und Schatten – in Krieg und Frieden, Arbeit und Muße, Leidenschaft und Gleichmut, Chaos und Harmonie? Wenn dem so ist, so lebe ich hier und jetzt am Ende meiner Tage in Frieden, Muße, Gleichmut und Harmonie. Gibt es ein besseres Leben als dieses?

Nun, da ich mich an diesen Ort gewöhnt habe, fernab von Chaos, Leidenschaft, Arbeit und Krieg; nun, da es mir Glück bedeutet, den Morgenstrahl der Sonne zu erwarten und das Abendgeläute von St. Alban zu vernehmen; nun empfinde ich mehr Zufriedenheit als in meinen sogenannten besten Jahren.

Meine Zelle teile ich mit einem Spinnentier, welches auf Nahrungssuche in der Dämmerung täglich denselben Weg an der Längswand gegenüber meiner Holzpritsche zurücklegt. Anfangs musste ich mich still halten, damit die Spinne ihren Weg zu dem vergitterten Fenster fortsetzte, doch seit geraumer Zeit haben wir uns so aneinander gewöhnt, dass das Getier in der Mitte der rauen Wand einhält, sich einmal um die eigene Achse dreht, als wollte es mir einen Gruß zuteilwerden lassen, und sich dann geradewegs seinem Ziel nähert, dem Mauervorsprung der Luke, auf dem es seine Nahrung findet.

Ich hätte wirklich nicht geglaubt, dass ich auf meine alten Tage noch zum Arachnologen würde. Doch ich schätze die Spinne. Nicht nur, weil sie mir alles Ungeziefer vom Leibe hält, sondern auch wegen ihrer prophetischen Gabe. Sie vermag durch ihr Verhalten das Wetter vorherzusagen, und dabei irrt sie nie. Bewegt sie sich hastig und schnell, so kündet sie Sturm, Regen und düstere Wolken an. Ist ihr Lauf aber gleichmäßig ruhig, so bedeutet dies einen heiteren Himmel. Dem nicht genug, wies mir die Spinne sogar den rechten Weg, meine Erinnerungen der Nachwelt weiterzugeben, was mir von höchster Stelle untersagt worden war, w

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