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Der Walmann Roman von Boëtius, Henning (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 30.10.2014
  • Verlag: btb
eBook (ePUB)
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Der Walmann

Eigentlich geht der holländische Kriminalinspektor Piet Hieronymus nach Amerika, um einen spurlos verschwundenen Immobilienhändler ausfindig zu machen. Doch die Suche von San Francisco aus entlang der Pazifikküste bis zur kanadischen Grenze wird schon bald zu einer Jagd nach einem geheimnisvollen Mörder. Dessen Totemzeichen, der Killerwal, markiert die Fähre, auf der ihm Hieronymus bis in das Indianerreservat der Quileute folgt. Dabei gerät er immer stärker in den Bann des Mörders - eines mit magischen Kräften begabten Menschen, der sich Gutty Floy nennt. Guttys Intelligenz und Brutalität, sein gleichzeitig anziehendes und abstoßendes Wesen, sein Engagement für das Leben der Wale und die Erforschung ihrer Sprache, vor allem aber sein indianisches Selbstbewußtsein verstören Hieronymus zutiefst. Langsam verschieben sich die Perspektiven, bis er sich selbst in der Rolle des Gejagten wiederfindet....

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Henning Boëtius, geboren 1939, wuchs auf Föhr und in Rendsburg auf und lebt heute in Berlin. Er studierte Germanistik und Philosophie und promovierte 1967 mit einer Arbeit über Hans Henny Jahnn. Boëtius ist Verfasser eines vielschichtigen Werkes, das Romane, Essays, Lyrik und Sachbücher umfasst. Sein Roman 'Phönix aus Asche' wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Bekannt wurde er außerdem durch seine Kriminalromane um den eigenwilligen niederländischen Kommissar Piet Hieronymus.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Erscheinungsdatum: 30.10.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641122003
    Verlag: btb
    Größe: 874kBytes
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Der Walmann

1

Vor mir lag eine unscheinbare Mappe. Ein Name stand auf dem Einband. Während ich ihn flüsternd aussprach, ging mein Blick zum Fenster. In diesem Moment sank draußen eine Feder herab, eine ungewöhnlich große, weiße Vogelfeder mit braunen Streifen. Sie kreiselte im Wind, ehe sie aus meinem Blickfeld verschwand.

Ich erhob mich, öffnete die Fensterflügel und sah zum Himmel hinauf. Er war schmutzigweiß und wäßrig, der Bauch eines gewaltigen Schwimmvogels, der auf dem Tümpel des Lebens trieb. Pool of life, der Tümpel des Lebens. Der deutsche Psychoanalytiker C. G. Jung hatte einst von Liverpool als Tümpel des Lebens geträumt. "Suijkerbuijk", flüsterte ich erneut. "Bist du im Tümpel des Lebens einfach untergegangen, vielleicht weil du vergessen hast, dein Federkleid zu fetten?"

Ich schlug das Deckblatt zur Seite und blickte in das Gesicht eines Mannes, von dem ich nicht viel mehr wußte als den Namen, das Alter und ein paar Lebensumstände, die alle sehr normal klangen. Suijkerbuijk war das, was man einen gutaussehenden Mann nennt. Die Haare dicht, der Stirnansatz niedrig, die Augen weit genug von der Nasenwurzel entfernt, um ein denkendes Hirn dahinter zu vermuten. Der Mund voll und doch männlich. 'Möwenmund' würde meine Mutter zu solchen leicht geschwungenen Lippen sagen. Suijkerbuijk erinnerte ein wenig an jene Schaufensterpuppen, die dem Ideal des virilen amerikanischen Mannes italienischer Herkunft nachempfunden sind. Auch die Detektive in amerikanischen Filmen sehen oft so aus.

Minjheer Franz Suijkerbuijk war spurlos verschwunden. Zuletzt war er auf dem Balkon eines amerikanischen Luxushotels gesehen worden. Von dort schien er sich tatsächlich wie ein Vogel entfernt zu haben, von der Brüstung aus, ohne Spuren zu hinterlassen.

Das Telefon schrillte. Ohne abzuheben wußte ich, wer es war. Eine mir allzu vertraute Stimme steckte in dieser Leitung und verlangte gebieterisch danach, aus der Muschel in mein Ohr zu dringen. Der heilige Geist meiner Mutter. Um diese Zeit, so kurz vor Dienstschluß, konnte es nur sie sein.

"Kommst du noch einmal vorbei, ehe du abreist?" fragte sie. "Wer weiß, ob wir uns noch einmal wiedersehen, mein Sohn. Es geht mir nicht gut in letzter Zeit. Das Haus wächst mir über den Kopf. Du kannst bei der Gelegenheit mal nach dem Wasserhahn über der Spüle sehen. Er tropft."

"Welche Reise?" fragte ich verwirrt. "Ich weiß von keiner Reise, Mutter. Aber ich komm' natürlich trotzdem. Also bis nachher."

Sie hatte aufgelegt, und ich hatte zuletzt mit dem Besetztzeichen geredet, ohne dies als ungewöhnlich zu empfinden. Gespräche mit meiner Mutter waren nie etwas Normales.

Wieder klingelte es. Diesmal war es mein Chef. "Du bist ja noch da", sagte er und hustete ins Telefon. Ich glaubte förmlich, den Qualm seiner Zigarette zu riechen. "Es sind noch zehn Minuten bis Dienstschluß", erwiderte ich. "Wenn man nicht aufpaßt, kann das eine kleine Ewigkeit sein."

"Dann komm eben noch mal auf einen Sprung rüber. Und bring die Akte 'Suijkerbuijk' mit." Er legte auf. Eine feine Schliere Zigarettenrauch schien aus dem Hörer zu quellen.

Ehe ich ging, ließ ich noch einmal die wenigen bekannten Fakten dieses Falles Revue passieren. Suijkerbuijk lebte in Leeuwarden. Achtunddreißig Jahre jung. Frührentner wegen einer dubiosen Krankheit. Gleichgewichtsstörungen. Früher Angestellter bei Philips. Spezialität: Entwicklung von Lautsprechern. Heirat mit einer Amerikanerin in Las Vegas. Flitterwochen in Kalifornien. Vor zwei Wochen spurlos verschwunden in Mendocino. Nachts auf den Balkon gegangen, um Sterne zu beobachten, wie seine Frau zu Protokoll gegeben hatte. Nicht wieder ins Zimmer zurückgekehrt. Keine Spuren. Tatsächlich wie ein Vogel auf Nimmerwiedersehen davongeflogen.

Die Zusammenarbeit mit Interpol war wie üblich schwerfällig. Unverbindliche Formulierungen verbargen nur unvollkommen, daß die Polizei drüb

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