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Die Konitzer Mordaffäre Roman von Beckmann, Herbert (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.07.2015
  • Verlag: Gmeiner-Verlag
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Die Konitzer Mordaffäre

Konitz, Westpreußen im März 1900. Die Leiche des Schülers Ernst Winter wird grausam zugerichtet gefunden. Die örtliche Polizei und die preußische Justiz erweisen sich schnell als überfordert. Wut und Hysterie in der Bevölkerung brechen sich Bahn. Antisemiten vor Ort und in Berlin schüren erfolgreich das Gerücht, die Juden hätten Ernst Winter rituell ausbluten lassen und dann zerstückelt, um die Christen zu verhöhnen. Pogromstimmung macht sich breit. Berlin schickt den jungen Kommissar Wehn und den erfahrenen Inspektor Braun nach Konitz. Die Katastrophe ist dennoch nicht mehr aufzuhalten.

Der Roman- und Hörspielautor Herbert Beckmann, geboren 1960, lebt in Berlin und ist Mitglied im VS Berlin-Brandenburg. 2010 und 2012 war er für den Sir-Walter-Scott-Preis nominiert.

Produktinformationen

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Die Konitzer Mordaffäre

Der Torso im See

Der 13. März 1900 war ein Dienstag, kalt und wolkenverhangen, nicht untypisch für das Wetter in Westpreußen um diese Jahreszeit.

Ich war seit dem Vormittag mit Plänen für ein neues Rathausgebäude befasst, das der Bedeutung von Konitz als Kreisstadt gerechter werden sollte als das, in dem ich seit gut zwei Jahren als Bürgermeister meinen Amtssitz hatte.

Gegen zwei Uhr trat Kriminalschutzmann Beyer in meine Amtsstube, das Gesicht aschfahl.

"Ja?"

"Bitte um Vergebung, Herr Doktor, am Mönchsee, in der Spüle ..."

Er stockte, seine Lippen zitterten.

Als Bürgermeister von Konitz war ich damals zugleich Chef der Polizeibehörde, obwohl ich als gelernter Verwaltungsjurist wenig Begabung für diese undankbare Aufgabe verspürte.

"Man hat ... etwas im See gefunden. Ich habe bereits nach Polizeisergeant Nasilewski, aber ... Und Polizeisergeant Lenz ist auch nicht aufzufinden."

Nasilewski lag krank im Bett. Lenz nahm an einem Manöver teil, unweit von Konitz, in der Tucheler Heide. Deshalb kam Beyer nun direkt zu mir.

" Was für ein Etwas hat man im See gefunden, Beyer?"

Er schüttelte nur den Kopf, das nackte Entsetzen in den Augen.

Ich nahm Mantel und Hut und eilte mit Beyer durch die schmale Convictstraße der Spüle zu, unmittelbar neben der Synagoge der Judengemeinde. Im Sommer wurde hier Wäsche gewaschen, jetzt hatte sich eine große Menschenmenge am Ufer versammelt, darunter auch Halbwüchsige und Kinder. Man redete aufgeregt durcheinander, gestikulierte heftig, einige Leute stocherten mit Stangen, Spazierstöcken und abgebrochenen Ästen im grauschwarzen Wasser, auf dem noch immer eine dünne Eisschicht lag.

Ich erkannte die massige Gestalt von Staatsanwalt Settegast, der mit gesenktem Kopf am Ufer stand, gleich neben einem untersetzten Mann mit schwarzem Vollbart, tief gebeugt, gestützt von einem weiteren Mann - es war der Bäckermeister Lange, sein Laden lag am Markt, schräg gegenüber dem Rathaus.

Beyer verschaffte mir Platz gegenüber den Gaffern. Ich trat zu der Gruppe, die, wie ich jetzt bemerkte, einen Halbkreis um eine Art Paket bildete; in triefend nasses braunes Packpapier gebunden, lag es am Boden wie ein Stück Unrat. Jemand hatte die fingerdicke Schnur, mit der das Paket umwickelt war, weit genug zur Seite gezerrt, um das Papier an einer Seite der Länge nach aufreißen zu können.

Beyer hatte recht gehabt, etwas befand sich darin, etwas Weißes, Festes, Fleischiges mit blassroten und bräunlichen Rändern.

Der gebeugte Mann mit dem Vollbart, er mochte (wie ich) um fünfzig Jahre alt sein, hielt sich beide Hände vor das Gesicht und schluchzte.

Settegast bemerkte mich jetzt, nickte mir finster zu und kam mir ein paar Schritte entgegen. Er war Erster Staatsanwalt am Konitzer Landgericht, wir kannten uns selbstverständlich von regelmäßigen Treffen; die Konitzer Bevölkerung war schon immer bekannt für ihren Hang zur Brutalität.

"Was geht hier vor, Herr Staatsanwalt? Was soll der Menschenauflauf? Warum weint dieser Mann? Was ist das für ein Paket?"

Settegast schien kurz zu überlegen, welche Frage er zuerst beantworten solle. Dann warf er einen kurzen Seitenblick auf den verzweifelten Mann und das Ding am Boden.

"Sein Sohn, seit dem Sonntag vermisst. Der Vater hat ihn vorhin gefunden. Vielmehr diesen Teil von ihm."

"Was denn, das Paket dort?"

"Es ist der Oberkörper, der Rumpf, wie's aussieht."

"Ein Torso? Und der Mann ist sich sicher, dass es sein Sohn ist?"

"Vollkommen, wie's scheint."

"Haben Sie selbst den ... den Fund schon untersucht?"

"Ich wollte mit dem vollständigen Eröffnen auf Sie warten, Herr Bürgermeister."

"Ich bin kein Rechtsmediziner, Herr Staatsanwalt."

"Ich ebenso wenig. Aber wir können nicht warten, bis ein Spezialist aus Danzig eintrifft."

"

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