text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Die Zisternenleiche Kriminalroman von Kanaan, Verena (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 15.06.2015
  • Verlag: Gmeiner-Verlag
eBook (ePUB)
6,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Die Zisternenleiche

Skandaljournalistin Simone Kundra, die Giftschleuder der Nation, ist tot. Ermordet. Um die Tat aufzuklären, wird Kommissarin Schamburek in die niederösterreichische Kleinstadt Nadram geschickt. In Begleitung ihres Assistenten erstürmt sie Nadram mit der Urgewalt eines Tornados. Als Täter kommen einige infrage, denn Kundra war skrupellos und ruinierte das Leben anderer für eine gute Story. Scharfzüngig, ordinär und hochintelligent macht sich Schamburek an die Aufklärung.

Verena Kanaan lebt und arbeitet teils in Wien, teils in der niederösterreichischen Kleinstadt Weitra. Ihre Theaterstücke wurden mit großer Akzeptanz beim Publikum mehrfach aufgeführt und in etliche Sprachen übersetzt. "Die Zisternenleiche" ist ihr erster Kriminalroman.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 355
    Erscheinungsdatum: 15.06.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783734993220
    Verlag: Gmeiner-Verlag
    Größe: 2106kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Die Zisternenleiche

1

Als das Telefon läutete, war sie schon wach. 6 Uhr. Sie ging dran.

"Guten Morgen, Frau Doktor."

Der Neue.

Immer wenn sie ihn mit dieser Anrede hörte, freute sie sich über ihren höheren Rang. Denn der Kerl hatte sogar zwei akademische Titel, allerdings kein Doktorat. Sie hatte eben 30 Jahre früher studiert, da wars noch selbstverständlich, dass man beim Jusstudium automatisch ein "Dr." vor den Namen bekam.

Und sie war der Boss.

"Ja, Schaller. Was gibts?"

"Anruf vom Präsidenten: Sie sollen sobald wie möglich zu ihm kommen."

"Aha. Wegen was 'n?" Sie sah ihn förmlich zucken bei dieser sprachlichen Feinheit. Das ist meine heutige Morgengymnastik, dachte sie vergnügt.

"Die Leiche der Journalistin Simone Kundra wurde gestern Abend in einer Kleinstadt namens Nadram gefunden."

"Na so was!"

Simone Kundra. Die Skandalgräberin der Nation.

Die Frau war die Starreporterin des "Tagblick". Von Politikern und anderen öffentlichen Menschen gefürchtet, aber gerade deswegen auch begehrt, war sie eine Berühmtheit.

Kein Wunder, dass im Präsidium die Alarmglocken läuteten. Schließlich hatte die Kundra auch vor der Polizei und ihrer Leitung keinen Respekt gezeigt. Eine Reihe ihrer Artikel hatte vor nicht ganz zwei Jahren Fehler und Verfehlungen in der Behörde aufgedeckt. Niemand konnte das vergessen haben.

"Rufen Sie mir ein Taxi, Schaller. Ich fahr direkt ins Präsidium."

"Ja, Frau Doktor."

"Und Schaller ..."

"Ja?"

"Mund halten, gell?"

Am andern Ende war ein Geräusch wie ein kleines Schnaufen zu hören, ein ruhiges "Selbstverständlich, Frau Doktor" und das Besetztzeichen.

So ists gut. Erstaunlich, wie lang der schon durchhaltet, hätt ich ihm gar nicht zugetraut, dem von und zu Schaller. An seiner Stelle hätt ich vermutlich schon geschmissen. Hat vielleicht doch was für sich, das Noblige ... So ein paar hundert Jahre üben ...

Sie ging ins Bad, duschte, frisierte sich, zog einen grellroten Minirock an, ein türkisenes Trägertop, silberne Lacksandalen und drückte schließlich einen runden, weißen Hut auf den Kopf. Sie vertrug die Sonne immer weniger, je älter sie wurde.

Beim letzten Lippenstift-Strich klingelte es; das Taxi. Sie lief in den Flur, hielt vor dem Spiegel und kommentierte ihr Aussehen mit: "Fruchtig!".

"Na, dann ...", knurrte sie, schnappte eine pinkfarbene Riesenhandtasche und die Schlüssel und verließ ihre Wohnung.

Im Taxi setzte sie eine froschgrüne Sonnenbrille mit Spiegelgläsern auf.

Die kleine Stadt Nadram, ganz in der Nähe der ehemaligen Ostblockgrenze auf einem lieblich-rauen, hügeligen Hochplateau gelegen, war eine Art Miniaturkosmos. Seit über 800 Jahren hatte Nadram Stadt- und Braurecht. Es gab hier alles, was eine Stadt ausmachte: Schulen, eine Apotheke, Geschäfte, einen Bahnhof und ein mächtiges Rathaus aus dem 19. Jahrhundert, das den ansonst wunderschönen Hauptplatz mit seinen von der Gotik bis ins Biedermeier erbauten Bürgerhäusern verunzierte. Dazu kamen eine zinnenbewehrte Stadtmauer, ein Stadttor mit Torturm und zwei sehr schöne, sehr alte Kirchen. Über der Stadt, auf einem steilen Felsen erbaut, von wehrhaften Mauern umgeben, thronte das Schloss, ein Renaissancebau, der im Barock mit nutzlosen und daher nicht wirklich passenden Löckchen und Wülstchen über den strengen Grundformen bestückt worden war. Das Schloss war das Eigentum einer alten, nach wie vor grundherrlichen Familie, deren Nachkommen allerdings eher in der Bundeshauptstadt als im Städtchen anzutreffen waren.

All das gab es für etwa 1.500 Einwohner, die Katastralgemeinden nicht mitgerechnet. Wie aus dem Kinderbaukasten war die Stadt und hatte dennoch die Würde und anregende Haltung der großen Schwestern in äußerst liebenswürdigem und feinem Ausmaß erhalten, gerade weil sie nicht gewachsen war, sondern in stillem Schlaf die

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen