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Ein Körnchen Wahrheit Teodor Szacki ermittelt weiter von Miloszewski, Zygmunt (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.07.2016
  • Verlag: Berlin Verlag
eBook (ePUB)
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Ein Körnchen Wahrheit

Nach seiner Scheidung kehrt Teodor Szacki Warschau den Rücken und zieht in ein idyllisches Weichsel-Städtchen, das ihn aber schon bald zu langweilen beginnt. Doch dann geschieht ein Mord an einer hoch angesehenen Dame. Der Fundort der Leiche neben der Alten Synagoge sowie die grausame Art der Verletzungen lassen alte antisemitische Vorurteile wieder aufblühen. Schnell ist das Medieninteresse an dem Fall enorm und gegen all die Lügen und die sich ausbreitende Hysterie kämpfend, versucht Szacki der Wahrheit näher zu kommen...

Zygmunt Mi?oszewski, geboren 1976 und früher Journalist bei Newsweek Polen, katapultierte sich mit 'Warschauer Verstrickungen' in die erste Reihe der osteuropäischen Autoren, die gerade die internationale Krimiszene aufmischen. Für das Buch erhielt er den Preis Wielki Kaliber, die höchste polnische Auszeichnung für Kriminalliteratur.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 512
    Erscheinungsdatum: 01.07.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783827078698
    Verlag: Berlin Verlag
    Serie: BVT 1011
    Originaltitel: Ziarno Prawdy
    Größe: 533 kBytes
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Ein Körnchen Wahrheit

1

Staatsanwalt Teodor Szacki mochte keine Kälte, keine dummen Fälle, keine inkompetenten Anwälte und keine Provinzgerichte, aber an diesem Morgen kamen all diese Dinge zusammen. Er sah in den Kalender - Frühling. Er sah aus dem Fenster - Frühling. Er zog Anzug und Mantel an, warf die Robe über die Schulter und beschloss, sich mit einem Spaziergang zum Gerichtsgebäude zu erfrischen. Schon als er in der Sokolnicki-Straße auf dem reifüberzogenen Kopfsteinpflaster ausrutschte, wusste er, dass der Spaziergang wohl keine so gute Idee gewesen war. In Höhe des Opatów-Tors waren ihm bereits die Ohren abgestorben, am Wasserturm spürte er seine Finger nicht mehr, und als er schließlich in die Kosciuszko-Straße einbog und das kakibraune Gerichtsgebäude betrat, brauchte er einige Minuten, in denen er seine steif gewordene Hand behauchte, um wieder ganz bei sich zu sein. Verdammter Kältepol, vermaledeites, abgelegenes Kaff, der Teufel sollte Sandomierz holen.

Der Gerichtsbau war hässlich. Als er entstand, in den Neunzigern, mochte er vielleicht als modern gegolten haben, heute erinnerte er nur noch an ein Zigeunerpalais, das man in ein Gebäude zur öffentlichen Nutzung umfunktioniert hatte. Treppen, Chrom, grüner Stein, gebrochene Flächen - das Gebäude passte weder zur Architektur seiner Umgebung noch zu sich selbst, in seinem Graugrün steckte etwas um Verzeihung Heischendes, als versuchte es, seine eigene Hässlichkeit vor dem Hintergrund der Friedhofsbäume zu verbergen. Der Verhandlungssaal führte die Stilistik des Gebäudes konsequent fort, auffälligstes, sofort in die Augen stechendes Element des Raums waren die grünen Lamellen.

Szacki verfluche diesen Ort, während er sich, nunmehr in seiner Robe, auf den Platz des Staatsanwalts setzte. Auf der anderen Seite hatte er den Angeklagten und dessen Anwalt vor sich. Hubert Huby war ein netter Siebzigjähriger. Er hatte grau meliertes, immer noch dichtes Haar, eine Hornbrille und ein hübsches, bescheidenes Lächeln. Sein Verteidiger hingegen bot ein Bild des Jammers. Die Robe nicht zugeknöpft, das Haar nicht gewaschen, die Schuhe nicht geputzt, den Schnurrbart nicht getrimmt, womöglich stank er auch noch. So wie dieser ganze Fall, dachte Szacki mit wachsender Verärgerung. Er hatte sich darauf einlassen müssen, es war die Bedingung für seinen Posten in Sandomierz gewesen, alle Fälle seines Vorgängers zu Ende zu führen.

Endlich erschien die Richterin. Eine junge Göre, die aussah, als hätte sie gerade erst Abitur gemacht. Aber wenigstens begann der Prozess.

»Herr Staatsanwalt?!« Die Richterin lächelte ihn nach Erledigung der Formalitäten nett an, in Warschau lächelte kein Richter, und wenn doch, dann höchstens boshaft, wenn er jemanden dabei ertappte, dass er irgendeine Vorschrift nicht kannte.

Teodor Szacki erhob sich und zupfte unwillkürlich an seiner Robe. »Hohes Gericht, die Staatsanwaltschaft hält an der Anklageschrift fest, der Angeklagte hat sich in allen ihm vorgeworfenen Punkten schuldig bekannt, an seiner Schuld besteht im Hinblick auf seine eigenen Aussagen und die Aussagen der geschädigten Frauen kein Zweifel. Ich will die Sache nicht unnötig in die Länge ziehen, ich beantrage, den Angeklagten für schuldig zu befinden, mehrere Personen in hinterlistiger Absicht verschiedentlich genötigt zu haben, sich einer Behandlung zu unterziehen, die dem Angeklagten sexuelle Lust bereitete, was den Tatbestand gemäß Artikel 197, Paragraf zwei des Strafgesetzbuches erfüllt. Ich schlage vor, eine Gefängnisstrafe von sechs Monaten zu verhängen, was, und das möchte ich hier betonen, die Untergrenze des vom Gesetzgeber vorgesehenen Strafmaßes ist.«

Szacki setzte sich. Die Sache war völlig klar, er wollte nur, dass sie ein Ende hätte. Absichtlich hatte er das niedrigste Strafmaß gefordert, er hatte keine Lust auf weitere Diskussionen. In Gedanken legte er sich ununterbrochen seinen Vernehmungsplan für Budnik zurecht, jonglierte mit Th

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