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Hausteins Marja Erzählung, frei nach Gerichtsakten von 1799. von Nagel, Elke (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 04.01.2012
  • Verlag: EDITION digital
eBook (PDF)
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Hausteins Marja

Hausteins Marja wird beschuldigt, ihr neu geborenes Kind getötet zu haben. Marja ist eine Leibeigene; sie ist eine Sorbin in einem sorbischen Dorf, dessen Herrschaft, Amtsgewalt und Regierung deutsch sind; sie ist zu naiver, mit Aberglauben verwobener Frömmigkeit erzogen - und sie ist eine Frau in einer von Männern beherrschten Welt. So trägt sie vierfache Fesseln. Die Autorin nimmt uns mit auf Spurensuche: Was steht in den Akten, den Kirchenbüchern, den Zeitdokumenten? War diese Frau eine Mörderin? Wie ist es gewesen - wie könnte es gewesen sein? Und wenn auch die Spuren wie Irrlichter sind, unstet und widersprüchlich, wenn sich auch Marjas Spur schließlich am Horizont verliert: Es bleibt das Bild einer starken, tapferen Frau, die versucht hat, ihre Fesseln zu lösen. LESEPROBE: Er starrte ebenso erstaunt wie erschrocken auf dieses Mädchen, das noch vor vier Jahren vor ihm auf der Schulbank gesessen hatte, ein schüchternes, sehr mageres, hellblondes Kind, das in den sieben Jahren Schulzeit kaum ein Wort deutsch gelernt hatte, aber da war sie keine Ausnahme, und plötzlich bemerkte er ihren Bauch. Du bist, du bist, stotterte er, sie lachte auf, schwanger sei sie, freilich, das bestreite sie nicht, er könne es ruhig der Herrschaft anzeigen, dann erspare er ihr einen Weg. Aber die Peitsche nicht, rief er, die kann dir niemand ersparen. Sie veränderte weder ihre Haltung noch ihre Stimme, leise, wie gelangweilt, sagte sie: Ich werd's überleben. Du weißt nicht, was du redest, rief er kopfschüttelnd. Aber es gebe doch einen Ausweg, fügte er nachdenklich hinzu. Der Vater dieses Kindes, zweifellos gebe es doch einen Vater, wenn er sich zu seiner Vaterschaft bekenne, müsse er sie heiraten. Er, Michael Richter, werde sich bei der Herrschaft dafür einsetzen, und wenn der Herr von Muschwitz... Wenn, wenn, unterbrach sie ihn, hoch aufgerichtet jetzt und mit offenen Augen und überhaupt nicht sanft und schüchtern, wie er sie als Schülerin in Erinnerung hatte. Er bekennt sich nicht, sagte sie. Er will nicht heiraten. Das wollen wir doch mal sehen, sagte Richter. Wer ist es? Der Kubitz Jan. Der aus Ratzen? Genau der. Aber er streitet es sowieso ab, ich sag's Ihnen gleich, Herr Lehrer. Und ich will ja auch gar nicht heiraten, und den Kubitz Jan schon gar nicht. Das wird auch so einer sein, der seine Frau und seine Kinder prügelt, einer wie mein Vater und wie noch so mancher in Lohsa und Mortka, wissen Sie das gar nicht, Herr Lehrer?

Elke Nagel Geboren 1938 im mecklenburgischen Rerik, ein paar hundert Meter von der Ostsee entfernt, aufgewachsen und zur Schule gegangen in Mecklenburg, studierte (Germanistik/Geschichte) in Potsdam, verschlug es mich 1967 in die sächsische Lausitz, wo ich bis heute verwurzelt bin; ich war zweimal verheiratet, (einmal geschieden, einmal verwitwet) und habe zwei Kinder und zwei Enkel. Schreibbesessen, seit mir in der Schule das Schreiben beigebracht wurde, verfasste ich Märchen, Gedichte und Erzählungen für den Papierkorb, veröffentlichte seit 1973 unter dem damaligen Namen Elke Willkomm ein Jugendbuch ('Mit Feuer und Schwert'), ein Kinderbuch ('Der fingerkleine Kobold') und zwei Romane ('Das Mirakel von Bernsdorf', 'Hexensommer'); seit 1982 vertiefte ich mich in die Sprache und Kultur der Lausitzer Sorben und schrieb etliche Nachdichtungen sorbischer Volkslieder und Gedichte. 1991 gründete ich gemeinsam mit dem Komponisten Jan Paul Nagel (1934 - 1997) den ENA-Musikverlag und leitete ihn bis 2005, was eine fast 14jährige Schreibpause bedeutete; bis heute bin ich freie Mitarbeiterin dieses Verlages, den die Komponistin und Pianistin Liana Bertók in Bautzen weiterführt. Meine letzten literarischen Arbeiten sind: 'Echo aus dem Spreewald', Nachdichtungen von Gedichten der niedersorbischen Lyrikerin Mina Witkojc, Domowina-Verlag 2001; 'Kreuz am Waldrand', Novelle (Lusatia Verlag Bautzen 2007); 'Hausteins Marja', Erzählung (BS-Verlag-Rostock 2009), erschienen in sorbischer Sprache (über

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 146
    Erscheinungsdatum: 04.01.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783863942786
    Verlag: EDITION digital
    Größe: 838kBytes
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Hausteins Marja

Er starrte ebenso erstaunt wie erschrocken auf dieses Mädchen, das noch vor vier Jahren vor ihm auf der Schulbank gesessen hatte, ein schüchternes, sehr mageres, hellblondes Kind, das in den sieben Jahren Schulzeit kaum ein Wort deutsch gelernt hatte, aber da war sie keine Ausnahme, und plötzlich bemerkte er ihren Bauch. Du bist, du bist, stotterte er, sie lachte auf, schwanger sei sie, freilich, das bestreite sie nicht, er könne es ruhig der Herrschaft anzeigen, dann erspare er ihr einen Weg. Aber die Peitsche nicht, rief er, die kann dir niemand ersparen. Sie veränderte weder ihre Haltung noch ihre Stimme, leise, wie gelangweilt, sagte sie: Ich werd's überleben. Du weißt nicht, was du redest, rief er kopfschüttelnd. Aber es gebe doch einen Ausweg, fügte er nachdenklich hinzu. Der Vater dieses Kindes, zweifellos gebe es doch einen Vater, wenn er sich zu seiner Vaterschaft bekenne, müsse er sie heiraten. Er, Michael Richter, werde sich bei der Herrschaft dafür einsetzen, und wenn der Herr von Muschwitz... Wenn, wenn, unterbrach sie ihn, hoch aufgerichtet jetzt und mit offenen Augen und überhaupt nicht sanft und schüchtern, wie er sie als Schülerin in Erinnerung hatte. Er bekennt sich nicht, sagte sie. Er will nicht heiraten. Das wollen wir doch mal sehen, sagte Richter. Wer ist es? Der Kubitz Jan. Der aus Ratzen? Genau der. Aber er streitet es sowieso ab, ich sag's Ihnen gleich, Herr Lehrer. Und ich will ja auch gar nicht heiraten, und den Kubitz Jan schon gar nicht. Das wird auch so einer sein, der seine Frau und seine Kinder prügelt, einer wie mein Vater und wie noch so mancher in Lohsa und Mortka, wissen Sie das gar nicht, Herr Lehrer? Richter überhörte die Frage. Also willst du lieber in Schande fallen, Hanka? Und dich auspeitschen lassen? Vielleicht, vielleicht, sagte sie mit bitterem Spott in der Stimme.

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