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Heldenflucht Roman von Kilman, Jan (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 13.03.2017
  • Verlag: Heyne
eBook (ePUB)
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Heldenflucht

1918 - Deutschland nach dem großen Krieg ... Das Land wird von Hungersnöten geplagt, die Daheimgebliebenen warten sehnsüchtig auf die Kriegsrückkehrer. In dieser düsteren Zeit begibt sich die Kriegsberichterstatterin Agnes Papen in die Eifel, in ihr Heimatdorf, das von den Wunden des Krieges heimgesucht wird, wie sich bald zeigt. Als die Bewohner einen stummen französischen Soldaten stellen, kommt eine Spirale der Gewalt in Gang. Menschen verschwinden spurlos, und in den Wäldern wird eine Leiche gefunden. Agnes beschließt, sich auf die Suche nach der Wahrheit zu machen ...

Jan Kilman ist das Pseudonym eines bekannten deutschen Spannungsautors. Für seinen historischen Krimi "Heldenflucht" recherchierte Kilman intensiv über die Themen Kriegstraumata und Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg, begab sich an Kriegsschauplätze und las unzählige Feldpostbriefe dieser Zeit.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 512
    Erscheinungsdatum: 13.03.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641171759
    Verlag: Heyne
    Größe: 974 kBytes
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Heldenflucht

1

D er Turm der Burgruine kratzte am grau verhangenen Horizont. Franz schlenderte am Ufer des Flüsschens entlang, das sich irgendwo in weiter Ferne in einen größeren Fluss ergoss. Von dort aus ging es bis zu einem so mächtigen Strom, dass Schiffe darauf fahren konnten. Das hatte der Lehrer erzählt. Die Schiffe fuhren bis zum Meer und sogar weiter bis nach Afrika.

Manchmal, wenn Franz nicht einschlafen konnte, träumte er davon, als Matrose in ferne Länder zu reisen. Viele Menschen dort sahen aus wie schwarz angestrichen. Das würde er zu gerne selbst sehen.

In der Ferne schnaufte ein Zug, schwarze Rauchwolken ausstoßend, über das Viadukt.

Der Gegenzug.

Vor einigen Tagen noch waren die Waggons voller Soldaten gewesen. Ein nicht enden wollender Strom von Heimkehrern, die diese Seite des Rheins räumen mussten. Das hatte Franz von dem Krämer des Dorfes erfahren. Schlaue Politiker hatten das so in einem Wald in Frankreich ausgehandelt.

Franz sah die Soldaten noch vor sich, wie sie aus den Fenstern der Abteile blickten oder an den offenen Türen der Stückguttransporter standen. Männer mit grauen Bärten und tiefen Falten im Gesicht, ihre Uniformen verdreckt, viele mit Verbänden.

Sie sind als Jünglinge losgezogen, um die Welt zu verändern. Jetzt hat die Welt sie verändert.

Inzwischen kamen nur noch vereinzelte Nachzügler durch. Mit den grünen Waggons im Schlepptau glich der Zug einem wütenden Lindwurm. Franz dachte an die Siegfried-Sage. Die kannte er von seinem verstorbenen Opa. Er stellte sich vor, wie er mit dem Drachen um Leben und Tod rang, dem Feueratem und den peitschenden Schwanzhieben auswich. Spielerisch tänzelte Franz auf der Stelle. Und dann, mit einem mächtigen Stoß, würde er die Lanze in das Herz des Drachen rammen.

Er stieß einen Schrei aus und fuhr mit dem Arm vor. Im Geiste sah er den Drachen sich winden. Das anschließende Bad im Drachenblut würde ihn unverwundbar machen. Dabei würde er darauf achten, alle Körperstellen mit dem kostbaren Saft zu benetzen. Er würde keine angreifbare Stelle dulden, kein Blatt, das sich auf seine Schulter senkte.

Der Zug verschwand aus seinem Blickfeld. Nur die schwarze Rauchwolke stand noch am Himmel und zerfaserte dann im Wind.

Franz rupfte einen Grashalm vom Boden aus und kaute darauf herum. Es half, den Hunger zu unterdrücken.

Auf dem Pfad, der sich hoch bis zur Burgruine schlängelte, sah er einige Frauen den Hügel herabkommen. Gebeugte graue Gestalten mit hängenden Schultern, müde und ausgelaugt. Seit Jahren arbeiteten sie in der Tuchfabrik auf der anderen Seite des Berges. Außer am Sonntag zogen sie jeden Morgen von Kirchbach los, um die Maschinen in der Fabrik zu bedienen. Fünf Kilometer hin und nachmittags wieder zurück. Bei jedem Wetter. Früher arbeiteten viele der Männer dort. Doch die mussten in den Krieg. So hatten die Frauen deren Aufgaben übernommen.

Das alles wusste Franz von seiner Mutter. Bis vor zwei Jahren hatte sie ebenfalls die Webbänke bedient. Doch nach ihrem Arbeitsunfall, der sie drei Finger der rechten Hand gekostet hatte, konnte der Besitzer sie nicht mehr gebrauchen. Jetzt verdingte sie sich mehr recht als schlecht als Tagelöhnerin.

Auf der steinernen Brücke, über die die Straße ins Dorf führte, hielt Franz an. Er blickte über das gemauerte Geländer. Mit weißen Kronen strudelte das Wasser um die dickeren Steine. An den ruhigeren Stellen am Ufer hatte sich Eis gebildet. Einige Kinder schlitterten lachend über die gefrorenen Flächen.

Franz schüttelte den Kopf. Der Fluss war breit und auch unberechenbar tief. Besser wäre es gewesen, sie hätten sich für ihre Schlitterpartie den Bach hinter dem Gehöft des Ortsvorstehers ausgesucht. Brach man dort ein, konnte man sich selbst aus der misslichen Lage befreien. Trotz des gefährlichen Vorhabens schienen die Kinder viel Spaß zu haben. Das Gejauchze und Gejohle überlage

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