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Hinterhaus Kriminalroman von Werrelmann, Lioba (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 31.05.2019
  • Verlag: Bastei Lübbe AG
eBook (ePUB)
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Hinterhaus

Journalistin Carolin stolpert wider Willen in einen Kriminalfall, der sie tief in die Vergangenheit Ost-Berlins führt. In einem Hinterhaus in Prenzlauer Berg findet sie die Leiche eines seit Langem vermissten Jungen. Doch kaum jemand scheint sich an ihn erinnern zu wollen. Die Hausbewohner schweigen, und die Polizei ermittelt nur halbherzig. Eigentlich hat Carolin andere Sorgen. Ihr Freund ist weg, sie hat keine Wohnung mehr und keinen Job. Aber ehe sie sichs versieht, ist sie dem Mörder zu nahe gekommen. So wird das Hinterhaus auch für Carolin zur tödlichen Falle ...

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 304
    Erscheinungsdatum: 31.05.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783732572175
    Verlag: Bastei Lübbe AG
    Serie: Berlin-Krimi 1
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Hinterhaus

Donnerstag, 30. September 2011

Das kleine Schwein ist noch da. Es liegt im Schlafzimmer in der Ecke. Die Nase wie immer ein bisschen zerknautscht, die Stummelbeinchen halb in der Luft. Es liegt ganz still.

Der Rest ist weg. Das Bett, der Kleiderschrank. Das Bücherregal, alle Bücher. Der Drachenbaum. Die Kommode. Der goldene Spiegel. Sogar der Teppich ist weg, verschrammte Dielen. Alles weg.

Das Schlafzimmer ist leer. Die gesamte Wohnung ist leer. Es gibt keine Küche mehr, nur noch Abdrücke an den Wänden, wo die Schränke waren. Aus dem Zulauf fürs Waschbecken tropft es aufs Parkett.

Das Wohnzimmer: auch leer. Kein Sofa, kein Sessel, kein Fernseher. Kein Esstisch. Kein einziger Stuhl. Kein Klavier. Nicht ein einziges Bild. Alle Lampen sind abgeschraubt. Nackte Glühbirnen.

Allein im Badezimmer hängt noch der Alibert an der Wand. Im linken Fach sind meine Zahnbürste, mein Schminkkram. Das rechte Fach ist leer. Dort, wo Jens' Aftershave stand: ein öliger Rand. Ein einzelnes dunkles Schamhaar klebt darin. Alles ist weg.

Fast alles.

Mitten im Flur stehen sieben Umzugskartons. Hastig gepackt. Einer ist nur halb zu. Anziehsachen sind drin, von mir. CDs, ein paar Bücher. Parfümflakons. Yogablöcke und -gurte. Alles, was ich besitze. In sieben Umzugskartons.

Alles andere ist weg. Der Flurspiegel. Die Hakenleiste für unsere Jacken. Der Läufer. Alle Bilder. Das Telefontischchen. Das Telefon. Die Splitbox. Der Anrufbeantworter. Alles weg.

Was, zum Teufel, ist hier passiert? Sind wir etwa ausgeraubt worden?

Aber wer hat dann die sieben Umzugskisten gepackt?

"Hallo", rufe ich, leise, verzagt, "hallo? Jens, bist du zu Hause?"

Keine Antwort.

Ich stehe im Flur, und es fühlt sich an, als wäre ich in eine Zeitlupe geraten. Mein Gehirn funktioniert nicht mehr. Es nimmt zwar Dinge wahr, aber nur ganz langsam. Immer nur eins nach dem anderen. Als wäre da ein Filter, der dafür sorgt, dass ich alles nur nach und nach in mich aufnehme. Erst das eine. Dann das nächste. Doch es gelingt mir nicht, eine Verknüpfung herzustellen. Lauter Einzelbilder. Kein Verstehen.

Ich stehe einfach nur da und versuche zu denken. Lange.

Und dann verstehe ich.

Jens ist weg. Und er hat mir nichts von sich dagelassen, abgesehen von einem verklebten Schamhaar und dem kleinen Schwein. Das hatte ich ihm einst zum Geburtstag genäht.

Damals war ich gerade achtzehn.

Als Jens das erste Mal vor mir stand, wäre ich am liebsten im Erdboden versunken.

Ich war davon ausgegangen, dass es wieder der alte Sack sein würde, der mich untersucht. Der alte Sack von Orthopäde, der mich seit Jahren untersuchte, seit ich zu schnell gewachsen war. Ich war zu groß und viel zu dünn und hatte ständig diese Rückenschmerzen. Der alte Sack kniff mir in die Beine und sagte: "Du solltest Strumpfmodel werden." Oder auch: "Ich will dich adoptieren."

Und wie immer, wenn ich zum alten Sack musste, trug ich meine ausgeleiertste Öko-Baumwollunterhose und mein fiesestes Unterhemd, ein sehr weites, verwaschenes, mit Flecken, die nicht mehr rausgingen.

Und in genau diesen Ussels-Klamotten stand ich nun vor dem bestaussehendsten Orthopäden, den man sich nur denken kann. Ein Mann wie Tom Cruise, nur viel größer: durchtrainiert, tiefschwarzes Haar, ein kantiges Kinn und strahlend blaue Augen.

Er schaute mich nur an und sagte: "Drehen Sie sich um."

Und dann: "Bücken Sie sich."

Und ich bückte mich in meiner Bio-Baumwollunterhose, und er umfasste mich von hinten an den Hüften und sagte: "Sie sind ja ganz schief."

In diesem Moment wusste ich es. Ich war gerade achtzehn, ich hatte keine Ahnung von Sex. Aber ich wusste es in diesem Moment: dass ich mit diesem bestaussehendsten aller Orthopäden schlafen würde.

Beim nächsten Mal wurde ich geröntgt. Ich trug nichts außer einem fast durchsichtigen Slip, den hatte ich extra bei

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