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Im Namen der Unschuld von Kleine, Dorothea (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 15.07.2015
  • Verlag: Das Neue Berlin
eBook (ePUB)
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Im Namen der Unschuld

Marie ist jung, hübsch und fröhlich, sie studiert in Berlin und ist der ganze Stolz ihrer Mutter Ulla Binder. Die hat nach derWende Schwierigkeiten, mit den neuen Verhältnissen zurechtzukommen. Auch körperlich wirkt sich das aus und so soll sie nun in einem Sanatorium ihre Depressionen u?berwinden. Als ihre Tochter nach einem Besuch bei Ulla per Anhalter zuru?ck nach Berlin fährt, wird sie Opfer einer Gewalttat. Ihre Mutter nimmt mit einem seltsam sachlichen Interesse an den Ermittlungen in dem Mordfall teil ...

Dorothea Kleine (1928 - 2010) war studierte Journalistin und arbeitete als Redakteurin verschiedener Tageszeitungen der DDR. Danach war sie vorwiegend als Gerichtsreporterin tätig, seit Anfang der Sechzigerjahre als freie Autorin. Sie verfasste eine Reihe von Kriminalromanen und Erzählungen sowie einige Szenarien für Fernsehkrimis, u.a. für "Polizeiruf 110" und "Der Staatsanwalt hat das Wort". Zudem war sie Vorsitzende des bezirklichen Schriftstellerverbandes von Cottbus, später Stadtschreiberin in Montreuil und Saarbrücken. 1974 erhielt sie den Carl-Blechen-Preis für Kunst, Literatur und künstlerisches Volksschaffen. Ihr Drehbuch "Am hellerlichten Tag" und der Roman "Eintreffe heute" waren lange Zeit verboten.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 208
    Erscheinungsdatum: 15.07.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783360501110
    Verlag: Das Neue Berlin
    Größe: 1992kBytes
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Im Namen der Unschuld

2

Marie kam am Freitag. Das war ungewöhnlich. Eine Vorlesung sei ausgefallen, sagte sie. Ulla glaubte ihr nicht, aber sie schwieg. Marie warf sich der Mutter an den Hals, Rucksack, Jacke auf die Couch. Die Schuhe flogen im Bogen durchs Zimmer. Es war ihre unbekümmerte Art, Zufriedenheit auszudrücken.

Vorsichtig fragte Ulla, ob sie vorhabe, die Wohnung zu demolieren. Marie lachte. "Was ist los mit dir, du siehst so zerknittert aus."

"Mit welchein Zug bist du gekommen?", fragte Ulla.

"Was soll der inquisitorische Ton? Ich bin mit Inas Freund gekommen, er fährt einen Audi 80. Bist du schonmal mit einemAudi gefahren?"

"Die Eisenbahn ist noch immer das zuverlässigste Transportmittel."

"Geliebte altmodische Mutter."

Es passte Ulla nicht, dass die Tochter zu einem fremden Mann ins Auto gestiegen war. Sie sah in das enttäuschte Gesicht der Tochter. "Ich geh dir auf die Nerven, was?", fragte sie, hoffte, die Tochter würde, wenn schon nicht entrüstet, so doch wenigstens andeutungsweise widersprechen. Doch das Mädchen sagte nur: "Ja, ein bisschen."

"Du weißt, warum ich mich um dich sorge."

"Weil du sonst nichts zu tun hast. Du stehst hinter der Gardine und siehst zu, wie das Leben an dir vorüberzieht. Wenn du arbeiten würdest, ließe sich alles relativieren, auch die Sorge um mich."

Die Tochter hatte einen wunden Punkt berührt. Ulla wusste nicht, sollte sie beleidigt sein oder froh, dass dieses Kind so unverschämt offen mit ihr sprach. Sie litt unter ihrer Untätigkeit und konnte doch nichts dagegen tun. Aus dem Zwiespalt ihrer Gefühle heraus sagte sie barsch: "Und was bitte sollte ich deiner Meinung nach tun?"

"Arbeiten."

"Ach, was denn?"

"Egal, Büros wischen, Würstchen verkaufen, Parksünder aufschreiben, Reagenzgläser spülen, Zeitungen austragen, Grabreden halten, nur tun musst du etwas."

"Marie!" Ulla war entrüstet.

"Tut mir leid, Mutter, aber du verkommst. Ich meine seelisch. Ja, es ist eine Schande, dass man den Verlag abgewickelt hat. Dass man nicht begreift, was für eine große Literaturwissenschaftlerin du bist. Trotzdem, das Leben geht weiter. Ich weiß, man möchte die DDR -Intelligenz ausschalten, sie aus dem Verkehr ziehen."

Ulla unterbrach sie. "Jetzt übertreibst du aber."

"Kann sein", sagte die Tochter, "die Intelligenz ist nun mal die selektive Kraft eines Volkes. Sie durchschaut die Politik schärfer, schneller, reagiert heftiger auf die Ausrottung geistiger Potenzen. Ich weiß es von der Uni, unseren ehemaligen Professoren. Man rechnet mit solchen Typen wie dir, die sich scheintot stellen und den Mund halten. Das darf nicht sein, verstehst du?"

"Zeitungen austragen", Ulla schwankte zwischen Entsetzen und Wut, "ich habe meinen Doktor mit Summa cum laude gemacht. Meine Promotion über Walther von der Vogelweide wurde in zwei Sprachen übersetzt."

"Na und, wen interessiert das?"

Ulla wollte die vorbildlichste Mutter der Welt sein. Was macht eine vorbildliche Mutter in so einer Situation? Sie vermeidet es, hysterisch zu werden, obwohl ihr sehr danach war. Sie kam nicht umhin, zu erkennen, dass das Mädel recht hatte. Ja, verdammt noch mal, es musste etwas geschehen. Irgendwann würde sie sich selbst nicht mehr leiden können. Mit dem feinen Instinkt eines sensiblen Menschen hatte Marie gespürt, dass sich die Aufmerksamkeit der Mutter immer mehr auf sie, die Tochter konzentrierte, weil ihr eigenes Leben in die Brüche zu gehen drohte. Und Ulla spürte die Gefahr, das Mädchen mit ihrer Liebe zu erdrücken. Es ist schon absurd, dachte sie, dass man Gefühle rationieren, Liebe unter Kontrolle halten muss, nicht zeigen darf, wie sehr man sein Kind liebt. Liebe, das wusste sie jetzt, kann auch zerstören.

Marie dachte, dass sie vielleicht zu weit gegangen sei. Doch sie konnte es der Mutter nicht ersparen. Sie war die Einzige, die ihr das sagen konnte.

"Zeitungen austrag

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