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Leuchtfeuer Ein Normandie-Krimi Ein neuer Fall für Nicolas Guerlain von Cors, Benjamin (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 21.09.2018
  • Verlag: dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
eBook (ePUB)
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Leuchtfeuer

Die dunkle Seite der Normandie In Vieux-Port regiert die Angst: Die Bewohner des Ortes fürchten einen alten Fluch, der ihnen den Tod in den Fluten der Seine voraussagt. Als es ein erstes Opfer gibt, bittet der Bürgermeister Nicolas Guerlain um Hilfe – aber der lehnt ab. Bis wieder eine Leiche auftaucht: Der Pfarrer ist qualvoll in einer Wanne voller Flusswasser ertrunken. Nicolas reist in die Normandie und streift rastlos durch die stillen Gassen von Vieux-Port. Krank vor Angst um seine Geliebte Julie, die in Paris des Mordes angeklagt wurde, kommt er lange nicht voran – bis es beinahe zu spät ist. Benjamin Cors ist politischer Fernsehjournalist und hat viele Jahre für die ARD Tagesschau, die ARD Tagesthemen und den Weltspiegel berichtet. Heute arbeitet er für den SWR. Er ist Deutsch-Franzose und hat die Sommer seiner Kindheit in der Normandie verbracht.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 432
    Erscheinungsdatum: 21.09.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783423434744
    Verlag: dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
    Serie: dtv premium 4
    Größe: 1032 kBytes
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Leuchtfeuer

Sandown, Isle of Wight

Südengland

I hr Name war Ayleen und sie war die letzte Überlebende. Ihm war immer klar gewesen, dass er sie auswählen würde, von Anfang an. Seit er beschlossen hatte, dass es nun genug war. Nicht Henriette oder Samira. Auch nicht Violet, obwohl sie am kräftigsten war und sich bei der Witterung dort draußen womöglich am besten schlagen würde. Nein, ihm war nie eine andere als Ayleen in den Sinn gekommen.

Sie oder keine.

Vielleicht, weil sie verlässlich war und weil ihr gutmütiger Blick ihn immer schon berührt hatte. Weil er ihre eisgraue Farbe so sehr liebte und das schillernde Grün an ihrem Hals und weil sie nie zurückgewichen war, wie die anderen, wenn er seine Hand nach ihr ausgestreckt hatte.

Und nun war es entschieden und Ayleen war bereit. Sie musste es auch sein, er brauchte sie mehr denn je. Es war eine furchtbare Nacht und sie würde anders enden, als er gehofft hatte.

Sanft streichelte er über ihr Gefieder, liebkoste mit seinen zitternden Fingern ihren Hals und ihre Brust, umfasste sie behutsam, er spürte ihr kleines Herz schlagen. Ihre Flügel schlugen kurz aus, als draußen der Wind durch die kahlen Bäume fuhr.

Es war stürmisch, Ayleen würde all ihre Kraft brauchen.

"Du schaffst das schon", flüsterte der alte Mann in der Dunkelheit des Taubenschlages. "Du musst es einfach schaffen."

Und fast schien es ihm, als würde die Taube nicken, als würde Ayleen ihm ein Zeichen geben, dass er sich keine Sorgen zu machen brauchte.

Alles würde sich richten.

Henriette und Samira und Violet und die anderen sieben Tauben lagen tot auf dem Boden.

Er hatte ihnen kurzerhand den Hals umgedreht, weil er nicht wusste, was er sonst hätte tun sollen, wohin er sie hätte geben können in dieser Nacht. Mit seinen Händen, in denen die Gicht seit Jahren arbeitete, hatte er ihnen ein paar Brotkrumen hingehalten, und als die Vögel zufrieden gurrten, da hatte er ihnen nacheinander den Hals umgedreht.

Einfach so.

Es war viel leichter gewesen, als er gedacht hatte. Noch nicht mal ein kleinstes Knacken war zu hören gewesen, als ihre Knochen und Muskelstränge nachgaben, und er hatte gedacht, dass das ein schöner Tod sein musste; beim Essen sterben, wenn man es am wenigsten erwartet.

Der Gedanke war ihm Trost gewesen, und zum ersten Mal in dieser Nacht hatte er kurz gelächelt. Und beschlossen, dass es nun wirklich gut war.

Es gab nur noch ihn. Und Ayleen, die sich zu freuen schien, dass er ihr einen kleinen Käfig hinhielt, in den sie mit leisem Gurren hineinschlüpfte. Sie war die Letzte und sie würde dieser Nacht doch noch einen Sinn geben. Sie würde aus dem Ende einen Anfang machen.

"Alles wird gut, Ayleen", sagte der alte Mann mit gebrochener Stimme und richtete sich auf, den Käfig fest in der Hand. Sein Rücken schmerzte, der Taubenschlag war nicht besonders groß, er hatte die vergangene Stunde in gebückter Haltung verbracht.

"Verdammtes Alter", fluchte er leise und knipste die kleine Lampe aus, die neben der Tür des Bretterverschlages angebracht war. Er blinzelte, seine Augen suchten im Halbdunkel nach einem Anhaltspunkt. Der hintere Teil des Gartens lag im Schatten der Rotbuchen, die hier im Süden des Landes in vielen Gärten standen. Eine einzelne Schneeflocke trudelte vor ihm durch die eisige Luft, weitere folgten, lautlos, als Vorboten eines Winters, der zu früh über die Insel kam. In der Ferne hörte er die Brandung, die Wellen schoben sich gegen die Klippen, wie sie es schon immer getan hatten.

"Komm schon, Ayleen", sagte er und blickte den Vogel in seinem Käfig an. "Ich weiß, es ist kalt und ungemütlich heute Abend, aber du darfst nach Hause. Was hältst du davon?"

Die Taube tippelte hin und her, sie reckte erwartungsvoll den Hals, wie immer, wenn sie fliegen durfte. Ihr Heimatschlag war nicht hier, in jenem Teil seines Gartens, wo die Schatte

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