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Mala Dona Roman von Pastor, Marc (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 18.02.2011
  • Verlag: Bastei Lübbe AG
eBook (ePUB)
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Mala Dona

Barcelona, die 1910er-Jahre: der Glamour der Reichen und Schönen überstrahlt das Elend der Armenviertel, eine Stadt wiegt sich im Rhythmus der Verführung. Doch seit einiger Zeit bringen Gerüchte über Kindesentführungen Unruhe ins süße Leben: Es sind Kinder aus den ärmeren Gegenden, und sie verschwinden spurlos ... Nach dem wahren Fall der 'Vampirin vom Carrer Ponent.'

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 301
    Erscheinungsdatum: 18.02.2011
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783838707099
    Verlag: Bastei Lübbe AG
    Originaltitel: La Mala Dona
    Größe: 1178 kBytes
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Mala Dona

8. (S. 112-113)

Das Xalet del Moro ist nicht leicht zu überwachen. Eigentlich gibt es nichts, was leicht zu überwachen wäre. Man muss warten, warten und nochmals warten, ohne den Mut zu verlieren, muss ein Ziel vor Augen haben, das man vielleicht nie erreichen wird – und das in dem ständigen Bewusstsein, den Blicken der anderen schutzlos preisgegeben zu sein, weil man wie auf dem Präsentierteller steht. Und so kehren die Rollen sich schließlich um, und der Überwacher harrt auf seinem Posten aus wie ein grasendes Tier im Zoo, an dem die Besucherströme vorüberziehen. Ich bin die Geduld in Person. Ich warte, beobachte und greife nur ein wenn nötig, dann aber mit der Präzision eines Chirurgen. Ich bin keineswegs unschuldig, wie ihr wohl wisst, doch schuldig bin ich auch nicht. Ich bin einer unter Vielen.

Zugleich aber bin ich alles, denn letztendlich reduziert sich alles auf mich. Moisès Corvo hat sich vier Nachmittage lang im Carrer Escudellers herumgedrückt und sich beobachtet gefühlt, obwohl er derjenige war, der alles im Auge behielt. Mal lehnte er an Laternenpfählen, mal in Hauseingängen, und mal saß er im Café gegenüber vom Bordell, dem besten Beobachtungsposten, aber auch demjenigen, an dem ein Polizist am ehesten auffällt. Nun hat er die Nase voll.

Pünktlich um sechs hat er die Mädchen durch einen Seiteneingang in einer Passage das Gebäude betreten sehen, in Schultertücher gehüllt und von einem riesigen, vierschrötigen Kerl beschützt, der schon auf sie gewartet hatte. Jeder wartet hier, jeder liegt auf der Lauer, doch nichts geschieht. Keine Spur von dem Lahmen oder der gottverdammten Bestie. Es scheint, als wären sie doch nur Hirngespinste der Huren, eines der zahllosen Gerüchte, an denen die Armen hartnäckig festhalten, weil sie ihnen das Gefühl geben, jemandem wichtig zu sein, und sei es auch nur einer Höllenkreatur, die es gar nicht gibt.

Das Xalet del Moro, das "Maurenchalet", verdankt seinen Namen den arabisch anmutenden Stilelementen des Gebäudes, einer exotischen Mischung aus Mosaiken, Bögen und filigranen Schnörkeln auf weißem Stein. Obwohl jedermann weiß oder doch allgemein vermutet wird, dass es sich um ein Freudenhaus handelt, haben nur wenige Leute es betreten. Man braucht bloß zuzusehen, wie die Kunden ab neun Uhr abends nach und nach in Kutschen mit verhängten Fenstern eintreffen oder sich in Automobilen bis direkt vor die Tür chauffieren lassen.

Bisher hat Moisès Corvo keinen von ihnen erkannt, weil sie zu dick eingemummt sind und zu schnell hineinhuschen. Sind sie erst mal drinnen, können sie sich ausziehen und sich Zeit nehmen. Ich mag euch. Nicht genug, um einer von euch sein zu wollen, tut mir leid; nicht auf diese Weise. Ich mag euch, weil es euch nach all den Jahren, die ich nun schon unter euch weile, manchmal immer noch gelingt, mich zu überraschen. Wie gesagt, bin ich es, der auf euch wartet.

Manchmal aber ist es umgekehrt, und einer von euch empfängt mich nach langem Warten. Heute, am 20. Dezember, habe ich den Dichter Joan Maragall kennen gelernt. "Ich wusste, dass du kommst", hat er zu mir gesagt, und wir haben ein Weilchen geplaudert, weil weder er noch ich es besonders eilig hatten. Ich liebe es, Dichter zu holen. Sie unterscheiden sich nicht sehr voneinander; immer sind sie auf der Suche nach einem ungewohnten Blickwinkel, nach den verborgenen Seiten des Lebens; immer beobachten sie, so wie ich, so wie jedermann, nur tun sie es ausdrücklich und willentlich.

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