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Nachtfahrt Kriminalroman. von Wagner, Jan Costin (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 20.09.2013
  • Verlag: Bastei Lübbe
eBook (ePUB)
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Nachtfahrt

Mark Cramer ist schlichtweg anders. Denn Mark Cramer ist jenseits von Gefühl und Moral. Und Mark Cramer geht kalten Blutes immer aufs Ganze. Im Spielcasino bleibt er ungerührt, wenn der Rest des Saales ob seiner Einsätze atemlos auf den Lauf der Kugel starrt - und man ahnt, daß es nichts Gutes verheißt, als er im französischen Ferienparadies Cap Ferret über die Schwelle der Villa des in die Jahre gekommenen Schauspielerstars Fraikin tritt, dessen Biographie er schreiben soll ...

Mit seismographischer Genauigkeit registriert Cramer vom ersten Augenblick an die Schwächen und Eitelkeiten Fraikins, lotet mit punktgenauem psychologischem Spürsinn die Brüche und Verwerfungen von dessen Charakter und Leben aus. Und er protokolliert mit kaltem Zynismus den Niedergang des Schauspielers und beschleunigt ihn schließlich mit der Emotionslosigkeit eines Experimentators.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 218
    Erscheinungsdatum: 20.09.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783838748115
    Verlag: Bastei Lübbe
    Größe: 398kBytes
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Nachtfahrt

2

Den Abend verbringe ich im Hotel, weil ich weiß, dass Fraikin auf mich wartet und möglicherweise seinen Unmut an seiner Ehefrau auslässt, die ich nicht kenne, die er aber erwähnte in jenem Telefongespräch, das wir führten, kurz bevor ich mich ins Auto setzte und losfuhr.

Ich sitze im Speisesaal des Hotels, der gedämpft beleuchtet ist. Draußen hat es zu regnen begonnen, man kann kaum hinausschauen durch die Scheiben, ich frage mich, wo die Hitze geblieben ist, die den Sand unter meinen Füßen brennen ließ, kaum zwei Stunden ist das her.

Ich lasse mir Fleisch, Kartoffeln und Wein schmecken, plaudere mit der für meinen Tisch zuständigen Hoteldame, die immer nur lacht, egal, was ich sage, sogar, wenn ich schweige. Das Hotel ist spärlich belegt, im hintersten Winkel speist ein Ehepaar, Engländer, wenn ich die Wortfetzen richtig verstanden habe, am Nebentisch sitzt ein Mann meines Alters, vielleicht etwas älter. Ich schätze ihn auf Mitte dreißig, werde ihn bei Gelegenheit fragen, obwohl es mich nicht interessiert.

Während die Bedienung mir den Nachtisch reicht, kommt noch einer, einer mit langen weißen Haaren, tiefen Furchen im Gesicht, der Mann ist sechzig und fühlt sich wie dreißig, denke ich unwillkürlich, nein, will sich wie dreißig fühlen, ein vorschnelles, ungerechtes Urteil, aber ich bin es gewohnt, vorschnell zu urteilen, hastig endgültige Bilder zu entwerfen. Ich liebe es, Charaktere einfach aus der Luft zu greifen, hier ein schmales Gesicht, dort ein harter Zug um den Mund, so machte ich das in meinen kleinen Geschichten (Röder gefiel das alles sehr gut, damals).

Der Weißhaarige lächelt, die Augen leuchten, die Dame an der Rezeption macht ein schiefes, amüsiertes Gesicht in seine Richtung, ein Gesicht, das missbilligend und wohlwollend zugleich ist und das er nicht sehen kann, weil er ihr den Rücken zukehrt. Er ist ganz Dynamik und Unternehmungslust und kommt auf meinen Tisch zu, ich weiß nicht, warum.

Sein Name sei Fignon, Bernhard Fignon, sagt er, er habe schon gehört, dass ich aus Deutschland komme, er spreche sehr gerne Deutsch, habe mal in Nürnberg gelebt, na ja, das sei lange her, aber gelernt ist gelernt, drückt meine Hand, klopft mir auf die Schulter.

Guten Abend, sage ich.

Ich müsse ihn heute Abend ins Casino begleiten, unbedingt, er werde jetzt essen, gegen 22 Uhr möchte er losfahren, Richtung Bordeaux, er wäre sonst alleine gefahren, ja, er mache keinen Hehl daraus, er sei ein Spieler, ein Trinker, ein Wahnsinniger, wenn ich so wolle, aber wir werden viel Spaß haben, verspricht er.

Wunderbar, sage ich, zehn Uhr. Warum soll ich nicht ins Casino gehen. Es spielt ohnehin keine Rolle, was ich tue, wichtig ist nur, Fraikin warten zu lassen, der in seinem Ferienhaus sitzt und möglicherweise seine Frau beschimpft, weil ich nicht komme.

Ich gehe hinauf in mein Zimmer, ziehe meinen schwarzen Anzug an und verbringe die Zeit, die noch totgeschlagen werden muss, auf meinem Bett, dahindämmernd. Mein Zimmer ist alles in allem braun und weiß, braun die Fliesen am Boden, weiß der Kleiderschrank an der Wand, braun der Holztisch, weiß die Tapete, braun das Bett, weiß das Laken, braun die Tagesdecke, weiß das Waschbecken, braun der Duschvorhang, weiß die Zimmerdecke, die ich anstarre für eine ganze Weile, bis ich auf die Idee komme, dass es möglicherweise bald zehn Uhr ist und ich in der Halle erscheinen muss, um mit Bernhard Fignon ins Casino zu fahren. Ich suche nach meiner Uhr, die ich verlegt habe. Sie findet sich schließlich in meiner Jackentasche, ich weiß nicht, wie sie dahin kam, es ist 21.43 Uhr.

Ich nehme mein Geld, alles, was ich habe, und gehe hinunter, vorzeitig, finde Fignon bereits wartend vor, glühend vor Ungeduld. Er plaudert mit der Rezeptionsdame, redet gestikulierend auf sie ein, und sie lächelt nur und nickt. Dann sieht er mich, stößt einen lang gezogenen Ausruf der Begeisterung und Erleichterung aus und k

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