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Neuntöter Thriller von Hansen, Ule (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 29.02.2016
  • Verlag: Heyne
eBook (ePUB)

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Neuntöter

Vor Menschen hat sie Angst. Serienmörder versteht sie. Berlin, Potsdamer Platz. Beim Klettern auf einem Baugerüst macht ein Junge eine grausame Entdeckung: Drei Leichen, einbandagiert in Panzertape, hängen in schwindelerregender Höhe an den Gerüststangen. Sie sehen aus wie Mumien und scheinen in dieselbe Richtung zu blicken, als würden sie auf etwas warten. Als die menschenscheue Fallanalystin Emma Carow auf den Fall angesetzt wird, ist ihr schnell klar, dass er für ihre Karriere entscheidend ist. Doch je fester sie sich verbeißt, desto mehr droht ein altes Trauma sie in den Abgrund zu ziehen. Ule Hansen ist das Pseudonym eines Berliner Autorenduos. Astrid Ule ist zudem Lektorin, Eric T. Hansen freier Journalist. Gemeinsam haben Sie bereits mehrere Dreh- und Sachbücher verfasst. Sie teilen eine Leidenschaft für nächtliche Gespräche bei gutem Whisky, exzentrische Halloweenpartys und ziellose Streifzüge durch die vergessenen Ecken der Stadt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 496
    Erscheinungsdatum: 29.02.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641153144
    Verlag: Heyne
    Serie: Die Carow-Reihe Bd.1
    Größe: 1058 kBytes
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Neuntöter

1

Sie hielt das Päckchen in der Hand. Das Päckchen von ihm.

Sie bewegte sich nicht. Konnte sich nicht bewegen. Konnte kaum atmen.

Von der Wohnungstür bis zur Küche hatte sie gebraucht, bis sie seinen Namen auf der Rückseite erkannte. Fünfzehn Sekunden? Zehn? Weniger? Bis sie begriff, was da stand: sein Name. Woher kannte er ihre Adresse? Sie stand nicht im Telefonbuch, war nirgendwo verzeichnet.

Seinen Namen hatte sie in den letzten zehn Jahren oft gelesen.

In den Polizei- und Prozessakten, von denen sie daheim Kopien aufbewahrte, im Internet, auf seiner Website, die sie ziemlich schnell nach seiner Entlassung aus der Haft entdeckt hatte, in Artikeln und Interviews über sein neues Leben, seine Resozialisierung, seine Vorträge, seine Lebensphilosophie, seine aufmunternden Worte, durchaus auch kritische Artikel, aber immer wieder Bewunderung: faszinierte Journalisten, Promis, die sich fast verschämt als Fans outeten, wachsendes Publikum.

Es gab Zeiten, in denen sie das Zeug nicht anfasste. Manchmal wochenlang. Dann wurde sie irgendwann wieder schwach, meist spätabends, und holte alles wieder raus, die Artikel und die Akten, las darin, suchte seinen Namen im Netz.

Aber noch nie hatte er sich persönlich gemeldet.

Nicht per Post, nicht per E-Mail, nicht per Telefon. Und jetzt auf einmal: ein Päckchen. Sogar seine Adresse stand drauf. Er war inzwischen also auch nach Berlin gezogen.

Ein Nachbar musste das Päckchen für sie angenommen haben, am Samstag wahrscheinlich, und es ihr gestern Abend noch vor die Tür gelegt haben. Sie hatte es gefunden, als sie zur Arbeit wollte. Das Päckchen war schwer für seine Größe, in braunes Packpapier gewickelt, klassisch, rechteckig, fest eingeschlagen, ein Buch. Sie wusste auch, welches. Sein Buch. Das Buch, über das sie schon in der Zeitung gelesen hatte. Gutes zumeist. Auch Fernsehauftritte gab es. Zwei. Sie hatte sie nicht gesehen. Nur aufgenommen. Die Aufnahmen warteten auf sie. Darin hielt er sicher das Buch in die Kamera.

Mit einem Gruß. Ein Gruß wird dabei sein, dachte sie. Muss dabei sein. Ein Autor schickt kein Buch ohne ein, zwei persönliche Worte, oder? Eine Widmung oder ein Kärtchen. "Schöne Grüße" zum Beispiel. Vielleicht: "Einen lieben Gruß von einem alten Freund."

Oder auch: "Ich denke an dich - dein Vergewaltiger."

Emma Carow stand in ihrer Küche und konnte sich nicht bewegen.

Sie starrte auf den Fußboden. Linoleum, wie es früher auf Arbeitstischen zum Einsatz kam, sattgrün, blank poliert, erinnerte irgendwie an Schule oder Kontor. Auch die alte Küchenbank, der massive Holztisch fielen in diese Kategorie. Ihre Schwester Sarah hatte mal bemerkt, sie hätte die ganze Wohnung wie eine Amtsstube eingerichtet, selbst Küche und Schlafzimmer. Das war nicht ganz fair. Den Tassenberg in der Spüle, die überall gestapelten Bücher und Zeitschriften, findet man das in einem Büro? Na ja, die Nachschlage- und Standardwerke, den Goffman, den Dahle & Dölling vielleicht, auch die neueste Ausgabe der MKS . Aber doch nicht die ganzen ollen Reiseprospekte, die Kinderzeichnungen, die Rätselhefte der alten Nachbarin, vollgekritzelt, bis auf die paar Rätsel, die ihr zu schwer waren, die überließ sie gerne Emma, so was findet man nicht in einer Amtsstube, so schlimm war das doch gar nicht.

Das warme Licht der Deckenlampe warf einen gelben Kegel auf den Tisch und den Boden. Außerhalb des Kegels war es noch dunkel. Zu früh am Morgen. Das Dunkel wächst rasch an im Oktober in Berlin. Die Nacht wälzt sich über die Ostgrenze und drängt den Tag zurück, und jeden Morgen weicht sie später, die Wolken kommen aus dem Westen, aus dem Norden, von überallher eigentlich, und hängen da, und die Dunkelheit schleicht sich lautlos in jede Ecke, in jeden Winkel, wie ein Nebel, sie liebkost dich und atmet schwer in deinen Nacken. Im Oktober in Berlin. Und nicht nur dann.

Emma stand im goldene

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