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Nicht jeden Tag ist Beerdigung von Bastian, Horst (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 28.10.2015
  • Verlag: Das Neue Berlin
eBook (ePUB)
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Nicht jeden Tag ist Beerdigung

Der Mörder Franz Werker hat seine Strafe abgesessen. Erst wenige Tage ist er zurück, da wird eine Frau erschlagen aufgefunden. Haben die nicht recht, die ihn für gefährlich halten, die nichts mehr mit ihm zu tun haben wollen? Der Kampf um den Nachweis seiner Unschuld ist auch ein Kampf in ihm selber: zwischen Selbstaufgabe und Überlebenswillen.

Horst Bastian, geboren 1939 im deutsch besetzten Exin in Polen, kam 1945 mit seiner Familie nach Brandenburg. Der gelernte Maurer arbeitete ab 1959 als freischaffender Schriftsteller, Drehbuch- und Hörspielautor und studierte 1965/66 am "Johannes R. Becher" Literaturinstitut in Leipzig. Bekannt war er vor allem für seine Krimis und Jugendliteratur, für die er 1984 mit dem Nationalpreis der DDR III. Klasse für Kunst und Literatur ausgezeichnet wurde. Horst Bastian starb 1986 in Berlin.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 192
    Erscheinungsdatum: 28.10.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783360501226
    Verlag: Das Neue Berlin
    Größe: 1742kBytes
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Nicht jeden Tag ist Beerdigung

1. Kapitel

Die Eisentür klappt ins Schloß. Franz Werker ist frei. Er hatte gleich weitergehen wollen, hatte es sich hundertmal durchdacht: Straßenpassanten würden annehmen müssen, er sei hier nur zu Besuch gewesen. Oder besser, er wäre Zivilbeschäftigter in der Anstalt. Ein normaler täglicher Weg durch das Tor. Jetzt aber steht er. Die Weite der Straße lähmt ihn. Er kann nach rechts weg oder nach links. Und wo diese Straße endet, beginnt eine andere, wird gekreuzt von weiteren Straßen, und nirgendsmehr Gitter, nur freie Straßen überall hin.

Nieselregen. Das Pflaster glänzt. Wasserperlen auf den sattgrünen Blättern der Bäume. Über Sekunden schließt er die Augen. Die Nässe tut wohl auf dem heißen Gesicht. Tief atmet er. Auch in den Mund holt er die Luft, und sie schmeckt nach Wiesen und reifendem Korn, nach frischem Mörtel und kochendem Teer. Sie ist ganz anders als auf der anderen Seite des Tores, da ist er sich absolut sicher.

Nun geht er. Die ersten Schritte sind tastend: als lernte er das Laufen erneut. Niemand verfolgt ihn, packt ihn beim Ellenbogen, niemand brüllt ihn zurück. Es könnte trotz allem ein Traum sein, es könnte ... Unwirklich erscheint ihm alles, er selbst ist nicht wirklich.

Nach einer Weile spürt er das Pflaster unter den Füßen, hört Sandkörner knirschen, hört: Eine Straßenbahn quietscht, ein Baby spektakelt in einem Kinderwagen, ein Mädchen lacht, aus einem Fenster dringt Musik. Etwas Klassisches, er kennt sich nicht aus. Ihm ist nach Lachen und Weinen, er könnte beides zu gleicher Zeit. Endlich sind seine Sinne wach; vertraut er ihnen, glaubt er sich selbst. Jetzt geht er schneller, kraftvoller auch: kein Wandern im Kreis mehr, ein Gehen mit Ziel.

Plötzlich verharrt er und dreht sich um: Wenn ihn nun jemand erwartet hatte - in der Nähe des Tores? Er hatte sich nicht umgeblickt, nicht richtig gesehen, höchstens geglotzt. Präsentiert hatte er sich gefühlt, Vorhang auf für den Mann aus dem Knast, und das Publikum hatte im Dunkeln gesessen: tausend Augen vielleicht oder zwei. Nicht zu ändern. Ohnehin unwahrscheinlich, daß dort jemand gestanden hatte. Wer hätte ihn abholen sollen, es ahnen können, daß er herauskommen würde: zu dieser Stunde, an diesem Tag? Eindringlich hatte er darum ersucht: Keine Mitteilung nach draußen! Die ersten Stunden, ich brauch sie für mich ... ein allmählicher Übergang ...

Verstohlen betrachtet er sich im Glas einer Schaufensterscheibe. Der Anzug sitzt. Muttel hatte ihn genäht, vorher Maß genommen, nur mit den Augen, diese alte, geprüfte Frau. Vorhin erst, in der Effektenkammer, hatte er davon Kenntnis erhalten. "Gesicht zur Wand, Werker - eine Überraschung für Sie." Von damals dagegen die Aktentasche, dieses lederlappige Ding, abgewetzt, fleckig. Nein, auch nicht von damals: Die war schon vor zwanzig Jahren ein volles Arbeitsleben alt. Sein Haarschnitt ist kurz. Verdächtig ...? Mann, Mann, dreh dich nicht raus, versuch es erst gar nicht, du bist, wer du bist! Anders gerätst du ins Schleudern, über kurz oder lang, du weißt doch Bescheid. So mancher der "Knast-Kollegen", Rückfalltäter, ist draußen nur deshalb gestolpert, weil er mit einer Lüge begann. Außerdem, was heißt denn das, kurze Haare - mit beinahe fünfzig verpflichtet dich niemand zum Modegeck. Reine Privatsache, die Frisur. Nicht im Bau. Aber hier! Jawohl. Jetzt bin ich hier ...!

Trotzdem beeilt er sich, Abstand zwischen sich und die Anstalt zu bringen. Später, im Zentrum der Stadt, im Gedränge Hunderter von Menschen, wird ihm leichter, er fühlt sich geschützt. Manchmal ertappt er sich dabei, seit Minuten am selben Fleck verweilt zu haben, gaffend, mit offenem Mund. Nicht, daß er aus einem anderen Jahrhundert käme oder gar von einem anderen Stern: Er weiß von all diesen Dingen, kennt sie seit langem - nur eben aus zweiter Hand. Vom Bildschirm. Aus tausend Gesprächen. Durch die Lektüre von Zeitungen, Büchern. Und jede Zeile mit

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